28.02.2026

ETH-Studie

Wie Social-Media-Werbung Abstimmungen prägt

Vorlagen mit starker Werbung auf Facebook und Instagram schneiden laut Studie deutlich besser ab. Die Auswertung von 40'000 Anzeigen mit 560 Millionen Ausspielungen legt eine starke Korrelation nahe.
ETH-Studie: Wie Social-Media-Werbung Abstimmungen prägt
Eine Studie der ETH Zürich hat gemäss Tamedia eine «starke Korrelation» zwischen Werbung auf sozialen Medien und den Abstimmungsresultaten festgestellt. (Bild: persoenlich.com/cbe)

Eine Studie der ETH Zürich belegt erstmals eine «starke Korrelation» zwischen politischer Werbung auf Facebook und Instagram und den Ergebnissen eidgenössischer Abstimmungen. Vorlagen, bei denen eine Seite deutlich mehr Werbung schaltete, gewann signifikant häufiger, wie der Tages-Anzeiger berichtet.

Studienautor Arthur Capozzi, Dozent am Departement für Geistes-, Sozial- und Politikwissenschaften der ETH Zürich, wertete dafür einen Datensatz von 40'000 politischen Werbeanzeigen aus den Jahren 2021 bis 2025 aus, die insgesamt 560 Millionen Mal angezeigt wurden. Die Studie wurde bisher nicht peer-reviewed veröffentlicht.

Capozzi betont gegenüber den Tamedia-Zeitungen, der Zusammenhang beweise noch nicht, dass Social-Media-Werbung tatsächlich die Ursache für bessere Abstimmungsresultate sei. Er halte es jedoch für «sehr wahrscheinlich», dass eine Institution mit viel Geld oder eine reiche Person heute in der Schweiz durch Werbung auf Facebook und Instagram tatsächlich Stimmen kaufen könne.

Bei der Halbierungsinitiative vom 8. März etwa liessen die Gegner auf Facebook und Instagram rund 50 Millionen Mal Werbung anzeigen – finanziert vom offiziellen Komitee sowie von Kampagnenorganisationen wie Campax und Operation Libero. Die Befürworter, darunter der Gewerbeverband, kamen auf rund 10 Millionen Anzeigen.

Die Studie zeigt zudem, dass politische Akteure gezielt unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ansprechen. Bürgerliche Parteien und insbesondere die SVP richten ihre Werbung mehrheitlich an ältere Männer, während Grüne und SP vorwiegend jüngere Frauen ansprechen. Capozzi sieht darin ein gesellschaftliches Problem: Wenn unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen politischen Realitäten konfrontiert würden, verlören sie das Verständnis füreinander. (cbe)


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KOMMENTARE

Max Röthlisberger
01.03.2026 19:44 Uhr
@Michael Maurantonio. Dem kann ich mich uneingeschränkt anschliessen. Nach den Erfahrungen der letzten fünf bis zehn Jahren haben Studien auf so hohem akademischen Niveau in der Regel wenig bis nichts damit zu tun, was hier draussen los ist.
Michael Maurantonio
28.02.2026 22:21 Uhr
Impressionen sind noch keine Menschen und schon gar nicht Stimmen… Die Studie der ETH Zürich zur Korrelation zwischen politischer Social-Media-Werbung und Abstimmungsergebnissen ist ein wichtiger Impuls für die demokratische Debatte. Sie wirft jedoch eine zentrale methodische Frage auf, die ich leider immer noch stellen muss: Was genau messen wir eigentlich? AdImpressions? Really? 560 Millionen ausgespielte AdImps klingen nach enormer Wirkung. Tatsächlich handelt es sich nur um technische Auslieferungen. Eine AdImpression sagt jedoch nichts über Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit oder gar Überzeugungskraft aus. Zwischen digitaler Auslieferung und politischer Verhaltensänderung liegt eine komplexe Wirkungskette: Auslieferung -> Sichtbarkeit -> Aufmerksamkeit -> kognitive Verarbeitung -> Einstellungsänderung -> Stimmverhalten. Wer Kausalität diskutiert, muss diese Zwischenschritte analytisch berücksichtigen. Dazu gehören effektive Reichweite, Frequenzverteilung, Attention-Werte und nicht zuletzt die Validierung menschlicher Kontakte. In unserer forensischen Praxis sehen wir kanal- und inventarspezifisch teils erhebliche Unterschiede in der Traffic-Qualität. Abhängig von Setup und Targeting können hohe Bot-Anteile Brutto-Reichweiten substanziell verzerren. Ohne Human-Traffic-Validierung bleibt jede Wirkungsannahme methodisch fragil. Das demokratische Risiko liegt IMO weniger in der schieren Budgethöhe, sondern in der Struktur digitaler Plattformlogik: Microtargeting ermöglicht parallele Informationsräume. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sehen unterschiedliche politische Narrative, ohne gemeinsamen Referenzrahmen. Die entscheidende Forschungsfrage lautet daher nicht: „Wer mehr Impressionen kauft, gewinnt häufiger?“ Sondern: „Welchen inkrementellen Effekt hat ein zusätzlicher, tatsächlich wahrgenommener Kontakt bei unentschlossenen Stimmbürgern?“ Erst wenn wir diese Frage beantworten können, sprechen wir über Wirkung, nicht nur über Auslieferung.