18.06.2024

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«Ethik ist nicht an nationale Grenzen gebunden»

Ian MacQuillin gehört zu den bekanntesten Experten auf dem Gebiet der Fundraising-Ethik und hat über 20 Jahre Erfahrung im Non-Profit-Sektor. Am diesjährigen SwissFundraisingDay wird er zu «Ethik und KI» referieren. Swissfundraising hat ihn vorab zum Gespräch gebeten.
Ausgabe 06/2024: «Ethik ist nicht an nationale Grenzen gebunden»
Ian MacQuillin hat über 20 Jahre Erfahrung im Non-Profit-Sektor.

Interview: Swissfundraising  Bild: zVg

Ian, am SwissFundraisingDay hältst du ein Keynote-Referat zu «Why fundraising ethics
is harder than you think? Much harder». Ohne zu viel zu verraten: Warum ist es so
viel schwieriger, als man glaubt?

Ethische Entscheidungen bei der Mittelbeschaffung zu treffen, ist schwieriger, als viele Fundraiser denken. Ich will damit nicht sagen, dass sie es für einfach halten, aber sie glauben, dass es nicht allzu schwierig sein wird. Und das hat zwei Gründe: Der erste Grund ist, dass oft davon ausgegangen wird, dass ethisch zu handeln bedeutet, sich an einen Verhaltenskodex zu halten. Das heisst, solange man das tut, was der Kodex vorschreibt, und das unterlässt, was man laut Kodex nicht tun darf, genügt das schon. Ich habe an vielen Konferenzen teilgenommen, bei denen es in Sessions zu Ethik eigentlich nur um die Einhaltung von Kodizes ging (und ich habe viele Blogs und Artikel gelesen, die dasselbe sagen).

Aber ein Kodex kann nicht jedes ethische Dilemma beantworten, mit dem ein:e Fund-raiser:in (oder jede:r andere Berufstätige:r) konfrontiert wird – ansonsten würde er Hunderte von Seiten lang werden. Es gibt viele Grauzonen in einem Kodex. Und wenn eine ethische Frage oder ein Dilemma in eine dieser Grauzonen fällt, kann der Kodex keine klaren Anweisungen geben, was zu tun oder zu lassen ist. Genau dafür brauchen wir die Ethik.

Und der zweite Grund?

Wenn Fundraiser:innen in eine dieser ethischen Grauzonen geraten, gehen viele davon aus, dass sie sich von ihrem subjektiven Bauchgefühl leiten lassen können, was richtig und falsch ist. Das ist aber nicht die Art und Weise, wie Berufsethik angewendet wird. Zur Berufsethik gehören Theorien und Rahmenbedingungen, die speziell für die Bewältigung von Dilemmata in der beruflichen Praxis entwickelt wurden. Sie tragen dazu bei, dass ethische Entscheidungen solide und kohärent sind und nicht nur darauf beruhen, was jemand für «richtig hält». Bisher gab es im Fundraising jedoch nur wenige Theorien und Ansätze, und deren Anwendung erfordert eine Investition in Wissen und Praxis. Das ist ein weiterer Grund, warum es schwieriger ist, Ethik im Fundraising zu praktizieren, als viele Fundraiser denken.

Im Zusammenhang mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz tauchen ganz neue ethische Fragen auf. Gibt es dazu schon eine «gute Praxis»? Was sind die Fragen, die hier am dringendsten zu beantworten und zu regeln sind?

Es gibt zwei Arten von Fundraiser:innen: diejenigen, die künstliche Intelligenz bereits nutzen, und diejenigen, die sie in naher Zukunft nutzen werden. Mit anderen Worten: KI ist da, um zu bleiben. Fundraiser:innen haben bereits versucht, mit dem Framework for Responsible and Beneficial AI for Fundraising (vgl. fundraising.ai/framework) der Zeit voraus zu sein. Dieses enthält übergeordnete Grundsätze. Es geht jedoch nicht auf die spezifischen Details der ethischen Fragen ein, die sich aus dem Einsatz von KI für die Mittelbeschaffung ergeben.

Es wird viel über den «verantwortungsvollen» Einsatz von KI gesprochen. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Entscheidung für den Einsatz von KI in einer bestimmten Situation bereits getroffen wurde und wir nun nur noch sicherstellen müssen, dass wir sie «verantwortungsvoll» einsetzen. Dabei bleibt jedoch die Frage offen, ob es ethische Fragen gibt, die sich auch dann stellen, wenn wir KI auf ethische Weise einsetzen. Und es gibt viele dieser ethischen Fragestellungen. Beispielsweise könnte der weit verbreitete Einsatz von KI zu einem Personalabbau im Fundraising führen, wenn Non-Profit-Organisationen entscheiden, dass KI die Arbeit erledigen kann, die heute von qualifizierten Fundraiser:innen erledigt wird, und dass die Betreuung von KI den Datenmanager:innen überlassen werden kann. Das könnte dann bedeuten, dass ethische Probleme, die ein erfahrener Fundraiser erkennen würde, etwa das Ausüben von unangemessenem Druck auf eine Person, zu spenden, übersehen werden.

Was können Schweizer Fundraiser:innen von (d)einer internationalen Perspektive auf das Thema Ethik lernen?

Ethik ist international. Die Frage, ob wir eine ethische Entscheidung danach treffen sollten, ob sie das Gute maximiert und den Schaden minimiert oder ob sie einem moralischen Grundsatz entspricht, ist nicht an nationale Grenzen gebunden. Aus einer internationalen Perspektive könnte man also sagen, dass Ethik nicht nur mit dem nationalen Verhaltenskodex zusammenhängt – denn wie man die Grauzonen interpretiert, ist eine Frage der ethischen Ideen, die überall anwendbar sind.

Was dürfen die Teilnehmenden des SwissFundraisingDay von deinen Auftritten erwarten?

Sie können erwarten, viel nachzudenken, kritisch zu reflektieren, was sie tun und denken, und herausgefordert zu werden.

Und was sind deine persönlichen Erwartungen an den SwissFundraisingDay?

Ich war noch nie in der Schweiz. Obwohl ich nur für kurze Zeit hier sein werde, freue ich mich darauf, ein wunderschönes Land zu besuchen (wenn man den Fotos Glauben schenken darf – und ich bin sicher, das ist so). Ich freue mich auch darauf, so viele neue Leute wie möglich kennenzulernen. In den meisten europäischen Ländern gibt es viele hervorragende Konzepte und Ideen, die jedoch nicht so häufig weitergegeben werden wie jene, die aus den USA oder dem Vereinigten Königreich kommen. Da Rogare ein internationales Unternehmen ist, werde ich nach neuen Perspektiven suchen, die wir in unsere Arbeit einbringen können.


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