Frau Ackermann, in der Schweiz fördern Bund, Kantone, Gemeinden und private Stiftungen die Kultur. Wie positioniert sich das Migros-Kulturprozent in diesem Umfeld?
Carole Ackermann: Im Vergleich zu öffentlichen Förderinstitutionen, die an Leitbilder und politische Prozesse gebunden sind, kann das Migros-Kulturprozent als private Förderin flexibel auf Förderlücken reagieren und Bedürfnisse der Kulturschaffenden rasch aufgreifen. Die enge Zusammenarbeit unserer Förderprojekte mit der Kulturszene ermöglicht es uns, stets nah am Puls zu bleiben. Diese Nähe und unsere Flexibilität machen uns in der Schweizer Förderlandschaft zu einer Impulsgeberin mit innovativen Ansätzen und richtungsweisenden Ideen.
Können Sie ein konkretes Beispiel einer Förderlücke nennen?
Carole Ackermann: Im Jahr 2020 begannen wir als erste Institution auf nationaler Ebene mit der Förderung der Ideenentwicklung von Kulturprojekten. In der Schweiz fliessen Fördergelder meist in die Produktionsphase, etwa in die Inszenierung eines Theaterstücks oder die Aufnahme eines Tonträgers. Dieser Fokus erzeugt Druck, ständig produzieren zu müssen, und lässt Kulturschaffenden wenig Raum, um Ideen gründlich zu entwickeln. Unsere Unterstützung in der Ideationsphase schafft Freiräume, um Themen in Ruhe zu vertiefen und eine solide Grundlage für wirkungsstarke Projekte zu legen.
Worauf legen Sie bei der Förderung besonderen Wert?
Carole Ackermann: Wir fördern Projekte, die Themen neu denken und auf kokreative Ansätze setzen. Unser Fördergefäss Ideation beispielsweise richtet sich an Teams von Kulturschaffenden aus unterschiedlichen Sparten und verschiedenen Schweizer Regionen oder an Kollektive, die sich mit Spezialist:innen aus Wissenschaft oder Gesellschaft zusammentun. Wir suchen nachhaltige Ideen und inklusive Projekte mit grösstmöglicher Vielfalt in Perspektiven, Hintergründen und
Themen. Unser Ziel: Kulturschaffen, das begeistert, bewegt und gesellschaftliche Veränderungen anstösst.
Auf seiner Website unterscheidet das Migros-Kulturprozent verschiedene Förderleistungen: Da gibt es neben finanzieller Unterstützung auch Coaching/Mentoring und Vernetzung. Was steckt dahinter?
Carole Ackermann: Ein gutes Beispiel für unsere Coachingangebote ist das Förderprojekt Migros-Kulturprozent Double. Seit zehn Jahren begleiten erfahrene Kulturschaffende Nachwuchstalente als Mentor:innen. Während zwölf Monaten arbeiten die «Doubles» gemeinsam an den individuellen Fragestellungen der Mentees. Besonders für Kulturschaffende, die am Anfang ihrer Karriere stehen, ist dieser persönliche Austausch äusserst wertvoll und für die künstlerische Entwicklung oft wirkungsvoller als eine rein finanzielle Unterstützung.
Übernimmt das Migros-Kulturprozent hier nicht auch Aufgaben, die eigentlich die Ausbildungsstätten erfüllen müssten?
Carole Ackermann: Wir möchten mit den Coaching- und Vernetzungsangeboten gezielt ergänzende Zugänge schaffen, auch für Künstler:innen, die sich nicht durch eine Ausbildung ein starkes Netzwerk und Wissen aufbauen können. Das betrifft etwa zugewanderte Kulturschaffende oder Menschen mit erschwertem Zugang zu akademischer Bildung. Im Sinne der Teilhabe wollen wir solche Barrieren im Kulturbereich abbauen. Unser Ziel ist es auch hier, Inklusion und Diversität zu fördern, um möglichst viele Perspektiven einzubinden.
Frau Roder, Sie leiten das Förderprojekt Migros-Kulturprozent Story Lab, wo es um audiovisuelle Erzählformate geht.
Wie funktioniert hier der Förderprozess?
Tenzin Roder: Bei Story Lab bewerben sich Interessierte mit einer Story, die anonym von einer Jury bewertet wird. Diese Anonymisierung war bei der Lancierung von Story Lab vor fünf Jahren in der Filmförderung ein Novum. Uns ist sie wichtig, da so die Idee im Fokus steht – nicht die Person dahinter. Auf Basis der Juryfeedbacks klären wir gemeinsam mit den ausgewählten Künstler:innen, was sie für die Entwicklung von Stoff und Format benötigen. Dabei unterstützen wir sie mit finanziellen Beiträgen und individuell zugeschnittenen Begleitmodulen, beispielsweise durch ein Coaching zu Themen wie Budgetierung, Marktstrategie oder rechtlichen Fragen.
Wie unterscheidet sich Story Lab von herkömmlicher Filmförderung?
Tenzin Roder: Wir sind flexibler, bieten Begleitmodule an – und ganz wichtig: Wir sind von Anfang an dabei und schaffen in einer frühen Phase kreativen Freiraum. Auch Story Lab setzt auf Ideation. Der Zugang zur herkömmlichen Filmförderung ist oft schwierig. Wir sind offen für Storys und Ideen von allen Branchenakteur:innen – egal, ob Schauspieler oder Cutterin. Auch beim Format sind wir ergebnisoffen: Aus einer Idee kann eine Serie, ein Spielfilm oder eine Docufiction entstehen. Das zeigt sich häufig erst im kreativen Prozess.
Gibt es Projekte, die Sie besonders gelungen finden?
Tenzin Roder: Besonders begeistert uns die Vielfalt an Themen, die wir in fünf Jahren Story Lab unterstützen konnten – wir legen einen klaren Fokus darauf, diverse Perspektiven und Hintergründe zu fördern. Viele dieser Geschichten hätten ohne das Projekt gar nie die Chance erhalten, sich zu entwickeln. Besonders gefällt mir «Sezon» von Stefania Burla, die die Geschichte von Gastarbeiter:innen aus Sicht der zweiten Generation erzählt, sowie Lea Blochs Kurzfilm «Letzte Nacht» über nicht einvernehmlichen Sex. Auch beeindruckend ist «Colostrum», Sayaka Mizunos Dokumentarfilm über das Leben auf der Alp.
Wie arbeitet Story Lab mit der Schweizer Filmbranche zusammen?
Tenzin Roder: Hand in Hand, etwa mit den Solothurner Filmtagen und dem Locarno Film Festival. Hier organisieren wir Netzwerkanlässe und Plattformen für die geförderten Projekte. Zudem setzen wir Themen: Am 23. Januar 2026 starten wir in Solothurn mit einem Branchenanlass, der das «Miteinander von Nachwuchsfilmschaffenden und Produktionsfirmen» vertieft.

