von René Hildbrand
Schonungslos offen berichtet die Schweizer TV-Ikone Michelle Hunziker (41) derzeit in Talkshows darüber, wie schwer sie als junge Frau jahrelang gelitten hat. Zuletzt tat sie es diese Woche bei Markus Lanz im ZDF. Davor schon im italienischen Fernsehen und auch in «Glanz&Gloria». «Wenn schon, dann ehrlich», sagte die Bernerin bei Lanz. Zuerst erzählte sie erschütternd von ihrem süchtigen Vater: «Er war ständig betrunken. Er liebte den Alkohol mehr als mich, seine Tochter.» Michelle hing trotzdem an ihrem Vater, «weil er oft so positiv sein konnte.» Wegen den Folgen der Sucht («Meine Mutter musste das Geld nach Hause bringen») brach sie den Kontakt mit ihm ab. Ein Jahr vor seinem Tod hatten sich die beiden wiedergefunden.
Als 21-Jährige lernte Michelle eine «Heilerin» kennen, die ihren Ehemann Eros Ramazzotti wegen einer Halsentzündung behandelt hatte. Die «mütterliche» Frau hatte es bald auf Michelle abgesehen, und auch sie «therapiert». Hunziker: «Sie gab mir das Gefühl, ich sei die wichtigste Person in ihrem Leben. Bedingungslose Liebe, die Strategie aller Sekten. Als ich total manipuliert und unter ihrer Kontrolle war, hat sie mich langsam von meiner Mutter entfremdet, von meinem Bruder – und von meinem Mann Eros. Die Mitgliedschaft in der Sekte verursachte unsere Trennung.»
Hunziker befand sich in den Händen der italienischen Psychosekte «Krieger des Lichts». Fast sechs Jahre lang. Die Moderatorin schilderte im Fernsehen weiter: «Ich hatte um Aufmerksamkeit gebettelt und alles getan, um anderen zu gefallen. Nachdem dich diese Leute von allem entfernt haben, fangen sie an, dich zu bestrafen. Es gab einen Reinigungsprozess, man musste immer hell angezogen sein und sich vegan ernähren. Sex war verboten – und das in meinen besten Jahren.»
Wie kann ein junger Mensch in eine solche Situation geraten? Die Antwort fällt Michelle Hunziker sichtlich schwer: «Es ist wie bei Drogenabhängigen. Du weisst jedes Mal, dass du etwas tust, das nicht gut ist für dich. Aber du kannst nicht mehr ohne. Du bist voller Ängste. Bei Sektenmitgliedern wirken die gleichen Mechanismen wie bei Alkoholikern und Drogenabhängigen. Du hast Angst davor, aus der Sache rauszukommen. Angst, dass dich niemand mehr will und du plötzlich einsam bist.»
Mindestens zwei Millionen Franken hat die Psychosekte der Bernerin abgenommen. Hunziker: «Es wird einem beigebracht, dass Geld der Teufel ist, dass man es zirkulieren lassen und den anderen geben muss.» Schwer zu fassen: Michelle hatte es geschafft, während diesen Leidensjahren topprofessionell ihrem Beruf nachzugehen. Sie moderierte damals unter anderem die RTL-Show «Deutschland sucht den Superstar». Wie war das möglich? «Die Bühne war meine Luft, der Job hat mir Kraft gegeben. In den Momenten auf der Bühne konnten mich die Sekte nicht direkt erreichen.»
Und wie hat Hunziker den Ausstieg aus der Sekte geschafft? «Auslöser war, dass mir meine Tochter Aurora eines Tages sagte: ‹Ich will meine strahlende Mama zurück›! Als die Sektenmitglieder dann merkten, dass ich aussteigen will, haben sie mir mit dem Tod gedroht.» Die Schweizerin, die ihr Glück wiedergefunden hat, schrieb über die schmerzvollen Jahre ein Buch, das inzwischen zum Bestseller geworden ist: «Ein scheinbar perfektes Leben: Wie ich aus Liebe zu meiner Tochter den Fängen der Sekte entkam.»