Am 1. Oktober berichtete persoenlich.com über die neue Kampagne der Migros Bank, deren Figuren und Szenen mithilfe von KI entstanden sind. Ein Satz daraus ist bei mir hängen geblieben. Laut der Mitteilung zur Kampagne lag die Schwierigkeit darin, die Figuren über mehrere Lebensphasen hinweg wiedererkennbar zu machen.
Ich produziere KI-Videos für Marken. In meiner Arbeit ist genau das inzwischen der ruhigste Teil.
Jede Figur entsteht bei mir zuerst als Casting-Blatt, mit mehreren Kandidaten nebeneinander. Ausgewählt wird einer, und dieses Blatt ist danach die Vorlage für jede Szene. Mit zwanzig wie mit siebzig, frontal wie im Profil bleibt die Person dieselbe. Für mich ist das Gesicht gelöst.
Schwer wird es woanders.
Bei der Physik zum Beispiel. Meine ersten Montagen mit einem Aufprall sahen aus wie Spielzeug, weil keine Einstellung genug Zeit für Gewicht und Trägheit hatte. Heute bekommt alles, was Gewicht braucht, einen eigenen Clip. Und wer «kein Zusammenstoss» schreibt, bekommt nach meiner Erfahrung oft genau den Zusammenstoss. Seitdem beschreibe ich den Abstand, statt den Aufprall zu verbieten.
Oder bei der Sprache. Eine Figur sprach einen Claim mehrmals mit falschen Wörtern, obwohl ich den Text und die fertige Sprachaufnahme mitgegeben hatte. Feste Sätze kommen deshalb im Schnitt als Tonspur dazu.
Und dann sind da die Markenregeln. Eine Marke will ihr Logo nie neben einem Schaden sehen. So etwas muss in jeden einzelnen Arbeitsschritt, sonst steht es irgendwann im falschen Bild.
Technisch ist all das lösbar. Die meiste Zeit kostet in meinen Produktionen trotzdem die Freigabe. Eine neue Fassung eines Clips ist in Minuten erzeugt. Bis alle Beteiligten Ja sagen, vergehen oft Tage. Passt das Auto zur Figur? Sitzt der Claim? Wirkt ein Detail witzig oder schon billig? Beantworten kann das nur ein Mensch, und meistens nicht für jede Frage derselbe.
Der naheliegende Einwand: Freigaben haben schon immer gedauert. Stimmt. Neu ist das Verhältnis. Weil das Erzeugen selbst kaum noch Zeit braucht, fällt die Freigabe viel stärker ins Gewicht.
Ob Marken das schon einplanen, weiss ich nicht. Ich vermute, viele fürchten das Gesicht und unterschätzen die Freigabe.
Bei mir hilft, so früh wie möglich freizugeben: die Figur anhand des Casting-Blatts, die Szene anhand des Standbilds, erst danach bewegt sich etwas. Ein Standbild ist schneller beurteilt als ein Clip. Und wer eine KI-Kampagne plant, sollte vor dem ersten Clip festhalten, wer Figuren, Claim und Stimme abnimmt und welche Szenen für die Marke tabu sind.
Viktor Bossert ist Gründer von Nexframe und produziert KI-Videos. Zuvor war er über zehn Jahre Physiotherapeut, zuletzt als klinischer Ausbilder in der Schweiz.



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KI in der Werbung: Das Gesicht steht, die Freigabe dauert