Herr Udris, Verlage fürchten, dass ihnen die Nachrichtennutzung über KI-Chatbots das Publikum abgräbt. Die aktuelle Nutzung zeigt das noch nicht im grossen Stil, wie Sie herausgefunden haben. Ist das Grund zur Entwarnung?
Eine Entwarnung würde ich nicht geben. Bei der noch relativ kleinen Gruppe von Chatbot-Nutzenden handelt es sich momentan um Menschen, die an News interessiert sind und die Chatbots höchstens als Ergänzung nutzen. Sobald sich KI-Technologien in der Gesellschaft breiter durchsetzen, werden auch wenig news-affine Menschen Chatbots einsetzen. Die werden Chatbots dann aber eher als Ersatz für News-Kanäle benutzen, ähnlich, wie wir es bei der recht grossen Gruppe von Menschen sehen, die sich vor allem mit Social Media zufriedengeben.
Sie beschreiben die Chatbot-Nutzenden als kleine, nachrichteninteressierte Gruppe von «early adopters». Was wissen Sie sonst noch über sie?
Nicht überraschenderweise sind es eher jüngere Menschen. Diese «early adopters» nutzen laut den Daten auch andere News-Quellen, vor allem soziale Medien, aber durchaus auch Apps und Websites von Medienhäusern. Chatbots sind für diese Gruppe eher eine bewusste, selektive Ergänzung und kein Ersatz für News-Kanäle.
KI-generierte News geniessen in der Schweiz mit 16 Prozent das geringste Vertrauen aller abgefragten Kanäle – noch weniger als Social Media. Zeugt das von einer gesunden Skepsis gegenüber KI-generierten Informationen?
Aus mehreren Umfragen ist bekannt, dass Menschen skeptisch sind gegenüber dem Einsatz von KI im Journalismus oder eben gegenüber Chatbots. Woher die Skepsis kommt, ist nicht klar. Medienkompetenz-Projekte, die gerade bei jungen Leuten einen kritischen Umgang schulen, sind ein möglicher Grund. Ein anderer möglicher Grund ist eine diffuse Skepsis gegenüber der KI-Technologie – geprägt auch durch öffentliche Debatten. Vor allem Leute, die Chatbots gar nicht nutzen, misstrauen ihnen.
Das geringe Vertrauen zeigt sich über alle untersuchten Länder hinweg. Ist das letztlich eine beruhigende Botschaft für Verlage?
Der Journalismus kann sich gegenüber KI-generierten Informationen profilieren – vorausgesetzt, er setzt auf journalistische Standards und die Expertise von Journalistinnen und Journalisten statt auf einen breitflächigen Einsatz von KI, der diese ersetzen soll.
Ihre Daten zeigen auch, dass Chatbot-Nutzende die Quellen kritisch prüfen. Ist das eine direkte Folge des geringen Vertrauens?
Jein. Chatbot-Nutzende vertrauen den Chatbots tatsächlich weniger als den etablierten Medien. Aber: Wer Chatbots nutzt, vertraut ihnen auch ein Stück weit. Die Interpretation ist: Chatbot-Nutzende scheinen eine klarere Vorstellung zu haben, wann sie den News von Chatbots Glauben schenken können und wann sie die Quellen kritisch prüfen sollen.
Bei Chatbot-Antworten klicken 42 Prozent der Befragten häufig oder immer auf die Quellenangaben. Dennoch warnen Verlage vor einer «Zero-Click»-Suche, die ihnen keinen Traffic mehr bringt. Ist diese Furcht unbegründet?
Auf längere Sicht gesehen ist die Furcht berechtigt. Erstens klickt eine Mehrheit von 55 Prozent höchstens manchmal oder überhaupt gar nicht auf die Links. Das ist beachtlich, vor allem bei diesen «early adopters», die ja recht stark an News interessiert sind. Zweitens: Wenn Chatbots in Zukunft auch von wenig news-affinen Leuten genutzt werden, ist zu erwarten, dass solche Leute auch wenig Interesse haben, auf die Original-Links zu klicken.
Die Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen klickt bei Chatbot-Antworten am häufigsten auf die Originalquellen. Bei Social Media ist es umgekehrt: Dort klickt die jüngste Gruppe am seltensten auf die Quelle. Wie erklären Sie diesen gegenläufigen Befund?
Die jungen Chatbot-Nutzenden sind «early adopters» und eher News-affin. Die Gruppe von jungen Social-Media-Nutzenden ist viel grösser. Dort sind auch viele dabei, die gar kein grosses Interesse an News haben und die News höchstens nebenbei konsumieren, wenn sie durch die Feeds scrollen.
Ein anderer Befund erschliesst sich nicht direkt: Wer den Medien vertraut, vertraut auch den Chatbots mehr. Wie passt das zusammen?
Die wahrscheinlichste Erklärung ist: Menschen mit Medienvertrauen haben generell ein höheres Nachrichten-Interesse und einen breiteren News-Konsum. Sie entscheiden sich bewusst punktuell für Chatbots und sehen, dass Chatbots unter bestimmten Bedingungen auch bei der News-Nutzung sinnvoll eingesetzt werden können.
In Ländern wie Südkorea oder Brasilien liegt die Nutzung von KI-Chatbots als Nachrichtenquelle einiges höher als in der Schweiz. Weiss man, was dort die Treiber sind, und lässt sich daraus ablesen, wohin die Entwicklung hierzulande gehen könnte?
Die Chatbot-Nutzung ist Teil einer breiteren «Plattformisierung». In vielen Ländern spielen Suchmaschinen, Social-Media- oder Video-Plattformen eine dominante Rolle. Viel mehr, als es zum Beispiel in europäischen Ländern der Fall ist. In der Schweiz ist die Bindung an professionelle Medienmarken noch relativ gross. Die «Plattformisierung» gibt es auch hier, aber in abgeschwächter Form.


