29.03.2026

Yuvoi

Für alle, die etwas zu sagen haben

Eine neue Plattform für Audio-Shorts will profilierten Stimmen eine Bühne bieten. Mitgründer Simon Klopfenstein erklärt den Weg vom gescheiterten Podcast zum Twitter für Ton.
Yuvoi: Für alle, die etwas zu sagen haben
Simon Klopfenstein und Ingo Winter sind die Gründer von Yuvoi. (Bild: Yuvoi)

Podcasts sind oft zu lang, Social Media ist auch nicht mehr, was es einmal war, und die Bildschirmzeit bleibt höher, als einem lieb ist. Was viele stört, ohne dass sie etwas dagegen unternehmen, brachte ihn zum Handeln: Simon Klopfenstein (37), erfahrener Gründer in der Schweizer Kommunikations- und Medienwelt, startete vor diesem Hintergrund sein nächstes Projekt.

«Zwischen Radionachricht und Pop-Song»

Auf Yuvoi kann man Sprachbotschaften von maximal 100 Sekunden Dauer in die Welt hinaussenden und anderen dabei zuhören. Das ist die maximale Dauer eines Audio-Shorts. «Damit bewegen wir uns irgendwo zwischen einer Radionachricht und einem klassischen Pop-Song», begründet Simon Klopfenstein die gewählte Dauer. Man freue sich vor allem über Expertinnen und Experten, die ihr Fachwissen mit der Welt teilen wollen, so Klopfenstein weiter. «Wer etwas zu sagen hat, ist bei uns willkommen», betont er.

Finanziert haben die Entwicklung von Yuvoi private Investoren. Der prominenteste unter ihnen: Eishockeyspieler und NHL-Profi Roman Josi. Er soll auch als Markenbotschafter wirken und die Plattform bekannt machen. Keiner der Investoren sitzt im Verwaltungsrat. Den Betrieb will man in erster Linie mit Werbeeinnahmen finanzieren. Zwischen den einzelnen Audio-Shorts sollen maximal zehn Sekunden lange Werbeclips eingestreut werden, «aber sicher nicht innerhalb der einzelnen Beiträge», versichert Klopfenstein. Später sollen kostenpflichtige Abo-Einnahmen für eine werbefreie Yuvoi-Nutzung dazukommen. Ob das genügend Geld einbringt für einen nachhaltigen Betrieb, wird man in etwa drei Jahren sehen. Nach dem aktuellen Geschäftsplan will man bis dahin die Gewinnschwelle erreichen.

Sport, Sterbehilfe und Selbstvergebung

Einige Wochen nach dem stillen Start der Plattform lassen sich die aktiven Profile an ein paar Händen abzählen. Eine Gastrojournalistin liefert News zum Berner Gastgewerbe, eine Kantonalpolitikerin informiert über einen Parlamentsentscheid zur Sterbehilfe in Altersheimen, eine Hypnosetherapie-Expertin spricht über Perfektionismus oder Selbstvergebung, ein langjähriger NHL-Scout bietet Einblicke ins Eishockeygeschäft.

Mit dem aktuellen Stand der Technik kann man auf Yuvoi nur senden und zuhören. Ab Mai soll es auch möglich sein, Diskussionen zu organisieren, indem man andere einlädt, mit ihren Wortmeldungen auf den eigenen Input zu reagieren.

Was jetzt schon möglich ist: Die User können die eigenen Tonbeiträge auf ihren Websites oder Blogs mit einem Player von Yuvoi einbetten. «Diese externe Präsenz gibt uns sofort Sichtbarkeit, auch wenn unsere App noch nicht so bekannt ist», erklärt Klopfenstein das Vorgehen. Dank dieser Funktion konnte Yuvoi in Deutschland zahlreiche Blogger und Podcaster aus dem Umfeld von Fussball-Bundesliga-Vereinen als User gewinnen.

Hier lernten sich die Gründer kennen

Der Fokus auf Fussball kommt nicht ganz zufällig. Vor 17 Jahren war Simon Klopfenstein einer der Mitgründer von Radio Gelb-Schwarz der Berner Young Boys. Im Umfeld des Fussballclubs lernte Klopfenstein auch Ingo Winter kennen, der damals in der Scouting-Abteilung von YB arbeitete. Die beiden haben sich seither nie aus den Augen verloren, auch als Winter weiterzog und bei Klubs in Deutschland, Frankreich und Österreich anheuerte. Klopfenstein hatte in der Zwischenzeit die Agentur Newsroom Communication und später die News-Plattform Nau.ch mitgegründet. Radio oder Audio spielten in diesen Jahren keine Rolle. Mit Yuvoi sollten Klopfenstein und Winter geschäftlich zusammenfinden.

2024 folgte jener Impuls, der sich rückblickend als Startpunkt für die Entwicklung der Yuvoi-Plattform festmachen lässt. Und der auch als Gründungslegende taugt. Sieben Freunde planten, einen Podcast zu starten. Im Wochentakt wollten sie Entwicklungen aus allen Ecken Europas beleuchten. Dazu kam es nicht. «Die erste Folge ist nie erschienen wegen logistischer Probleme: Verein, Partei, Familie, zweites Kind, drittes Kind. Die Komplexität kollektiver Podcast-Erstellung hat uns gezeigt: Es braucht etwas Einfacheres.» In dem Moment meldete sich Ingo Winter bei Klopfenstein mit der Idee für «Public Short Voice Messages», also öffentliche Sprachnachrichten.

«Das Projekt wäre fast gestorben»

Wie das als Plattform umzusetzen wäre, blieb vorerst unbeantwortet. Monatelang herrschte Funkstille. «Das Projekt wäre fast gestorben», erinnert er sich im Gespräch mit persoenlich.com. Einen Heureka-Moment erlebte er eines Morgens in der Inbox, als er sich den Newsletter von European Correspondent vorlesen liess – und ihn die synthetische Stimme nicht enttäuschte. «Sie war korrekt in der Aussprache, schön in der Betonung, gut in der Akustik. Alles in allem sehr angenehm», beschreibt er das Hörerlebnis. Damals sei ihm klar geworden, dass auf einer Audioplattform sowohl menschliche als auch künstliche Stimmen Platz haben. Das veränderte die Ausgangslage. Denn so lässt sich jeglicher Textinput ansprechend als Ton ausspielen.

Wer nicht selbst sprechen mag, kann auch schreiben. Auf diese Weise erscheinen auch Agenturmeldungen als kurze Tonbeiträge auf der Plattform. Yuvoi hat dafür Dienste von Keystone-SDA und der Deutschen Presse-Agentur DPA abonniert. Blue Sport nutzt die neue Plattform testweise, um eigene Textbeiträge als kurze Tonmeldungen auszuspielen (siehe unten) – eine Win-Win-Situation. Blue Sport profitiert von der technischen Infrastruktur und Yuvoi erhält attraktive Inhalte für seine Plattform.

Mit dem redaktionellen Nachrichtenangebot will das Jungunternehmen seinen publizistischen Anspruch unterstreichen. Man will mehr als nur eine technische Infrastruktur bereitstellen. Klopfenstein versteht Yuvoi auch als Reaktion auf den Zustand vieler Social-Media-Plattformen. «Wir versuchen, das Toxische zu vermeiden und das Gute von Social Media zu übernehmen», sagt er im Gespräch mit persoenlich.com. Das zeigt sich an der technischen Ausgestaltung. So fehlen auf Yuvoi zentrale Merkmale, die typische Social-Media-Plattformen charakterisieren: Weder kann man Beiträge kommentieren noch mit einem Like oder anderen Signalen bewerten. Auch spielen Algorithmen keine zentrale Rolle beim Ausspielen der Inhalte. Die User sehen in chronologischer Reihenfolge, was sie abonniert haben. Klopfenstein erinnert sich gerne an die Zeiten vor zehn und mehr Jahren, als man Facebook und Twitter als verlässlichen Nachrichtenstrom nutzen konnte.

Sie sorgt für ein nicht-toxisches Klima

Wer einen Audio-Beitrag veröffentlichen will, wird in den Hausregeln darauf hingewiesen, dass Yuvoi ein Ort sein solle, «an dem sich alle Audio-Creators sicher, gehört und respektiert fühlen». Das Unternehmen setzt dazu auf ein automatisiertes, KI-gestütztes Monitoring der veröffentlichten Beiträge und auf eine händische Moderation. Den Anspruch, eine Plattform mit einem für alle angenehmen, nicht-toxischen Diskussionsklima zu bieten, unterstreicht das Unternehmen mit der Ernennung von Sophie Achermann als Verwaltungsratsmitglied. Die Geschäftsführerin der Public Discourse Foundation verantwortet das Projekt #StopHateSpeech. In diesem Rahmen entwickelt Achermann seit 2018 Mittel und Möglichkeiten, um der Hassrede im Internet zu begegnen, ohne die Meinungsfreiheit einzuschränken.

Ob es Yuvoi schafft, auf seiner Plattform eine gesittete Debattenkultur zu etablieren und gleichzeitig ein relevantes Spektrum an Themen und Meinungen abzudecken, weiss heute niemand. Klar ist aber, dass ein Bedürfnis nach einem solchen Ort besteht. Zum einen bei Nutzenden. Denn Bluesky oder Mastodon schafften kein Twitter-Revival und blieben Nischen für Gleichgesinnte. Zum anderen auch bei Fachleuten. Anna Jobin, die Präsidentin der Eidgenössischen Medienkommission Emek, plädierte in einem Interview mit der NZZ am Sonntag für «Debattenräume als gemeinwohlorientierte Infrastruktur». Auf die Frage, ob sie so etwas wie «eine Art Schweizer Twitter» meine, sagte Jobin: «Ganz grob gesagt, ja.» Bis jetzt gebe es aber keine Vorbilder dafür, «weil das eine komplexe Angelegenheit ist.» Vielleicht zeigt Yuvoi, dass es nicht ganz so komplex ist.


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