05.10.2023

Bluesky

Journalisten zieht es in den «blauen Himmel»

Die Social-Media-Plattform, initiiert von Twitter-Erfinder Jack Dorsey, erlebt derzeit grossen Zulauf – auch aus der Schweiz. Medienschaffende und auch bereits erste Medienmarken eröffnen Accounts bei der X-Alternative. Das sind ihre Beweggründe.
Bluesky: Journalisten zieht es in den «blauen Himmel»
Immer mehr Medien und Medienschaffende sind auf Bluesky präsent (oben v.l.): Thomas Benkö, Fabian Eberhard, Adrienne Fichter, Elia Blülle, Anna Jikhareva, Kaspar Surber, (unten v.l.) Daniel Foppa, Luzia Tschirky, Simon Häring und Simon Schmid. (Bilder: persoenlich.com/cbe, zVg)
von Christian Beck

Seit Elon Musk bei X (früher Twitter) das Ruder übernommen hat und mit zahlreichen Eskapaden für Aufsehen sorgt, sehen sich viele Mitglieder nach einer alternativen Plattform um. Was Mastodon und Co nicht richtig schafften, scheint Bluesky nun zu gelingen. Das soziale Netzwerk geht momentan regelrecht durch die Decke. Vor allem in der laufenden Woche hat Bluesky, initiiert von Twitter-Erfinder und -Mitgründer Jack Dorsey, regen Zulauf verzeichnet. Obwohl man derzeit nur mit Einladungscode in den «blauen Himmel» kommt, haben zahlreiche bekannte oder weniger bekannte X-User auf Bluesky einen Account eröffnet – oder sind gleich ganz umgezogen. Rund 1,5 Millionen Mitglieder zählt Bluesky derzeit, Tendenz stark steigend.

Auch erste Schweizer Medienmarken zieht es zu Bluesky. So hat Blick.ch seit Donnerstag einen Auftritt bei der Plattform, ein Bot spielt die News aus. «Wir wissen nicht, ob Bluesky die Twitter-Alternative wird, die Mastodon nicht wurde. Aber: Wir probieren es aus», so Sandro Inguscio, Chief Digital & Distribution Officer der Blick-Gruppe, auf Anfrage von persoenlich.com. Das Klima auf X sei seit der Musk-Übernahme «rauer, aggressiver und journalismusunfreundlicher» geworden. Inguscio: «Bluesky erinnert an die Aufbruchstimmung aus den Twitter-Anfängen. Klar: Die Plattform befindet sich noch im Beta-Stadium, funktioniert auf Einladungsbasis – aber sieht dennoch vielversprechend aus.» Der Account auf X laufe erstmal weiter.

Erste Medienschaffende von der Blick-Gruppe sind auch privat auf Bluesky unterwegs. So etwa Thomas Benkö, AI Innovation Lead Newsroom: «Journalisten und Promis, Entscheidungsträger und Wissenschaftler – und dazwischen ein paar Gag-Accounts. Die Mischung machte für mich den Reiz von Twitter aus. Ich lernte täglich etwas Neues.» Seit der Milliardär sich wie der Elefant im Porzellanladen aufführe, sei der Reiz nahezu weg. Benkö: «Bluesky traue ich zu, mir diese Mischung wieder bieten zu können.»

Fabian Eberhard, stv. Chefredaktor und Recherche-Chef SonntagsBlick, sagt, dass die Plattform X zunehmend von rechten Schreihälsen dominiert werde. «Die Stimmung ist gehässig, meine Timeline inhaltsleer. Bluesky steckt zwar noch in den Kinderschuhen, die Aufbruchstimmung ist aber deutlich spürbar. Ob es das Potenzial hat, das frühere Twitter zu werden? Ich hoffe es.»

Die Zeichen der Zeit schon früh erkannt hat die WOZ und bereits vor drei Wochen einen Account eröffnet. «Weil wir versuchen, dort zu sein, wo auch unsere Leser:innen sind – und weil wir gut gemachte Alternativen zu Königreichen von (libertären, grössenwahnsinnigen, sich antisemitisch äussernden) Multimilliardären toll finden», schreibt Dinu Gautier von der WOZ auf Anfrage. Der Account auf X werde im Moment weiter betrieben. «Es ist zurzeit noch unser wichtigster Social-Media-Kanal, sowohl was publizistische Resonanz als auch Klickzahlen angeht. Als kleineres Medium können wir es uns (noch) nicht leisten, darauf zu verzichten, hoffen aber, dass sich das mittelfristig ändern wird.» Die Aktivität auf X werde derzeit zurückgefahren.

Auch von der WOZ haben bereits zahlreiche Journalistinnen und Journalisten die Himmelspforte aufgestossen. «Mir war Twitter schon immer etwas zu besserwisserisch und gehässig. Vielleicht ändert sich das jetzt auf Bluesky», so Kaspar Surber von der Redaktionsleitung zu persoenlich.com. Und WOZ-Reporterin Anna Jikhareva antwortet: «Wenn ich ehrlich bin, hat mich der Gruppendruck und die FOMO dazu veranlasst.» FOMO heisst «Fear of missing out», also die Angst, etwas zu verpassen.

«Wie das alte Twitter aus der Pre-Musk-Ära»

«Elon Musk scheint zunehmend den Verstand zu verlieren. Deshalb wäre es gut, wenn sich neben Twitter eine Alternative etabliert», findet Simon Schmid, Wirtschaftsreporter beim Tages-Anzeiger. Frisch auf der Plattform ist auch Luzia Tschirky, ehemalige SRF-Russlandkorrespondentin: «Ich bin neu auf Bluesky, weil ich den Eindruck habe, dass es sich dabei um eine sehr interessante Plattform mit viel Potenzial handelt.»

«Pure Neugierde» hat Republik-Journalist Elia Blülle dazu veranlasst, auf Bluesky einen Account zu eröffnen. Ausführlicher antwortet Redaktionskollegin und Techjournalistin Adrienne Fichter: «Bluesky scheint auf den ersten Blick das Beste aus Twitter/X (Design) und Mastodon (Dezentralität) zu vereinigen. Moderation ist vorhanden, künftig können eigene Instanzen betrieben werden. Fühlt sich an wie das alte Twitter aus der Pre-Musk-Ära, das ein tech-affines, nerdiges und politisches interessiertes Publikum anzieht.» Ausserdem sperre X momentan die Vorschau bei Medienlinks, auf Bluesky würden sie gross angezeigt. «Deshalb lohnt es sich für Journalist:innen, präsent zu sein. Für die Recherche von Quellen, Verbreitung und Diskussion ihrer Artikel», so Fichter.

«Bluesky ist für mich vorerst eine Ferienwohnung»

CH-Media-Sportjournalist Simon Häring sagt von sich, opportunistisch zu sein: «Bei X habe ich eine Reichweite und weiss, wie ich mit wem in Kontakt treten kann und wer wozu eine gute Quelle sein könnte. Privat nutze ich X kaum.» Bei Bluesky schaue er sich einmal um und sei gespannt, ob es sich nicht als Rohrkrepierer entpuppe. «Als Journalist will ich dort sein, wo die Menschen Inhalte suchen und sich darüber austauschen. Bluesky ist für mich vorerst eine Ferienwohnung, die ich erst miete und später kaufen könnte», so Häring.

Potenzial für Bluesky sieht auch Daniel Foppa, Ressortleiter Hintergrund/Meinungen bei der NZZ am Sonntag: «Kann sein, dass mit Bluesky eine echte Alternative zu Twitter entsteht. Ich möchte das mitverfolgen und schätze es, dass die Plattform nicht den Launen eines Elon Musk ausgesetzt ist. Bisher scheint mir die Community dafür etwas gar homogen zu sein.» Wenn es Bluesky schaffe, wie Twitter die Vielfalt der Meinungen abzubilden, ohne die Schleusen für allen Schmutz zu öffnen, so Foppa, «könnte die Sache gross werden».

Bluesky wurde als Projekt von Twitter-Gründer Jack Dorsey ins Leben gerufen, als er noch CEO von Twitter war. Vorgestellt wurde Bluesky erstmals 2019, zwei Jahre später wurde das Unternehmen gegründet. Das Ziel war, ein dezentrales Protokoll zu entwickeln, in dem mehrere soziale Netzwerke über einen offenen Standard miteinander interagieren können. Anmelden können sich Mitglieder erst seit diesem Frühling.



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