Es hätte das Flaggschiff von Ringiers KI-Anwendungen werden sollen. «Wir wollen den ersten Chatbot bauen, der auf publizistischen Grundwerten und Richtlinien basiert», sagte Blick-Digitalchef Sandro Inguscio im September 2024, als er im Gespräch mit persoenlich.com die neue Website vorstellte. «Frag Blick» sollte Fragen auf der Grundlage sämtlicher Blick-Artikel und weiterer Texte der Ringier-Medien beantworten.
Gut zwei Jahre später ist das Projekt, das Ringier mit Google entwickelte, Geschichte. Die Adresse chatbot.blick.ch führt ins Leere. Das Aus des Chatbots hat Ringier bis heute nicht öffentlich kommuniziert. Auf Anfrage von persoenlich.com bestätigt das Unternehmen das Ende und zieht Bilanz. «‹Frag Blick› war für uns ein wertvoller Test, und wir haben daraus eine klare Lehre gezogen», schreibt Johanna Walser von der Unternehmenskommunikation. Die Leserinnen und Leser wollten demnach weniger chatten als vielmehr schnell die Themen finden, die sie interessierten. Darum setze man heute auf personalisierte Empfehlungen, «mit denen wir ein deutlich höheres Engagement erzielen», so Walser weiter. Zahlen dazu nennt das Unternehmen keine.
«Blicki» schlug schon 2018 Artikel vor
Es ist nicht der erste Chatbot, den Blick wieder eingestellt hat. Bereits 2018 hatte die Blick-Gruppe im Messenger von Facebook «Blicki» lanciert, nach eigenen Angaben den ersten vollautomatisierten Newsbot der Schweiz. Auf Anfrage schlug er passende Artikel vor. Über die Buttons «Interessant» und «Nicht interessant» lernte er, was seine Nutzerinnen und Nutzer lesen wollten. Auch «Blicki» gibt es nicht mehr. Dabei versprach er schon, worauf Ringier heute setzt: personalisierte News.
Ganz aufgegeben hat Ringier die Idee aber nicht. Seit Mai 2025 betreibt der Beobachter einen Chatbot für Rechtsfragen. Er stützt sich auf den Rechtsratgeber und redaktionelle Artikel des Magazins, nennt in den Antworten die Quellen und wird von Fachleuten des Beratungszentrums regelmässig überprüft. In der Testphase beantwortete er laut Ringier im Schnitt 4000 Fragen pro Monat. Der Beobachter beschränkt sich auf ein Thema, zu dem das Publikum konkrete Fragen hat.
Einen Chatbot für ihre ganze Berichterstattung bietet dagegen die NZZ an. Seit dem 7. Oktober ist die Betaversion von «FragNZZ» in der App und auf nzz.ch verfügbar. Der KI-gestützte Assistent beantwortet Fragen, die Nutzerinnen und Nutzer in eigenen Worten stellen, etwa zu aktuellen Ereignissen oder zu den Hintergründen eines Themas. Laut Medienmitteilung stützen sich die Antworten ausschliesslich auf publizierte NZZ-Artikel, vorerst auf jene seit 2018. Später soll das gesamte Onlinearchiv seit 1997 dazukommen. Nutzen können den Assistenten Kundinnen und Kunden der höheren Abostufen.
Journalistische Inhalte «dialogfähig» machen
Die NZZ begründet das Angebot mit einem veränderten Suchverhalten. «Wie Menschen Informationen suchen und nutzen, verändert sich mit KI», lässt sich Eva Günther, Leiterin Digitale Produkte, in der Mitteilung zitieren. Neben Lesen, Hören und Sehen soll die Kundschaft gezielt mit den Inhalten interagieren können. Die NZZ bezeichnet sich als erstes Schweizer Medienhaus, das seine journalistischen Inhalte auf diese Weise «dialogfähig» macht. Ringier war allerdings schneller.
Im Test von persoenlich.com schlägt die NZZ unter Artikeln drei Fragen zum Thema vor, eigene Fragen lassen sich ebenfalls eingeben. Als Antwort zeigt der Assistent keine Ausschnitte aus Artikeln, sondern schreibt einen eigenen Text, gegliedert mit Zwischentiteln und Aufzählungen. Nummern im Text verlinken auf die NZZ-Artikel, auf die sich die Antwort stützt. Unter dem Eingabefeld weist die NZZ darauf hin, dass die KI Fehler machen kann.
Dabei stösst der Chatbot auch an Grenzen. Auf die Frage, wer Schweizer Fussballmeister der Saison 2026/27 werde, hält «FragNZZ» korrekt fest, dass die Saison noch laufe und eine Prognose unmöglich sei. Seine Einschätzung, der FC Thun mische in der aktuellen Spielzeit ganz vorne mit, stützt der Assistent aber auf einen Artikel vom 26. Juli zum Saisonauftakt. Tatsächlich liegt Thun zurzeit auf Platz neun. Das steht in der Tabelle unter dem Artikel, der als Ausgangspunkt für die Chatanfrage nach dem Meisterschaftsfavoriten diente. Diese Information hat die KI nicht berücksichtigt.
Stärker ist der Assistent bei einer Frage, die die NZZ selbst unter einem Artikel zur europäischen Verteidigung vorschlägt: Welche Rolle spielt Kaliningrad für die Nato-Strategie? «FragNZZ» erklärt in wenigen Abschnitten, weshalb die russische Exklave zugleich eine Bedrohung für die Allianz und eine Schwachstelle Russlands ist, und geht auf die Suwalki-Lücke zwischen Polen und Litauen ein. Die Antwort stützt sich auf sieben NZZ-Artikel. Zum Schluss bietet der Assistent an, das Thema zu vertiefen.
SRF, CH Media, Tamedia beobachten und warten ab
Einen Chatbot fürs Publikum haben SRF, CH Media und Tamedia nicht. Bei SRF ist zurzeit auch keiner in Arbeit, wie die Medienstelle schreibt. Ob SRF neue KI-gestützte Angebote entwickle, hänge unter anderem vom Publikumsnutzen, von der strategischen Relevanz und von den vorhandenen Ressourcen ab. Grundsätzlich wären solche Anwendungen im Rahmen des KI-Reglements der SRG möglich, vorausgesetzt, die inhaltliche Qualität sei gewährleistet und die Verantwortung bleibe bei Menschen.
CH Media nutzt die Technik schon, allerdings nur intern: Das Archiv der Zeitungen und der zugehörigen Newsportale lasse sich über einen Chatbot abfragen, teilt Sprecher Lino Bugmann mit. Zudem prüfe das Unternehmen laufend, wie es das Archiv auch Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich machen könne und ob KI-gestützte Angebote der Leserschaft einen Mehrwert böten.
Tamedia hat erste Tests durchgeführt. «Technisch ist eine solche Anwendung auch für Tamedia umsetzbar», sagt Kommunikationschef Edi Estermann. Die bisherigen Erfahrungen zeigten jedoch, dass der Mehrwert weniger in der Technologie selbst liege als darin, wie man das Publikum auf das Angebot aufmerksam mache und bei der Nutzung unterstütze. Bei vergleichbaren Anwendungen entfalle der grösste Teil der Nutzung auf vorgeschlagene Fragen, selbst formulierte spielten eine kleinere Rolle. Im ersten Halbjahr erprobte Tamedia unter anderem Folgefragen am Ende von Artikeln und kuratierte Vorschläge aus dem Archiv. Ob und wann ein eigenes Angebot kommen könnte, lässt das Unternehmen offen.
Wegweiser durchs Archiv
Anders als der Name vermuten lässt, steht bei Chatbots, die das gesamte Angebot eines Mediums abdecken, das Chatten nicht im Vordergrund. Das Publikum lässt sich lieber Vorschläge servieren, als mit einer Maschine zu plaudern. Das legen die Erfahrungen von Blick und Tamedia nahe. Die NZZ trägt dem mit den Fragen unter ihren Artikeln Rechnung. Der Assistent ist damit mehr ein Wegweiser durchs Archiv als ein virtueller Gesprächspartner.
Ob ein solcher Wegweiser einem Nutzerbedürfnis entspricht, ist alles andere als gewiss. Schon vor rund zehn Jahren lancierten zahlreiche Medien Newsbots. Viele davon verschwanden bald wieder, auch mangels Interesse des Publikums. Seither hat die Technik einen grossen Sprung gemacht.
Doch heute müssen sich Medien-Chatbots gegen eine starke Konkurrenz behaupten. ChatGPT, Gemini und Co. haben auf jede Frage eine Antwort. Ob sie stimmt, ist eine andere Sache. Wer sich daran gewöhnt hat, alles an einem Ort zu fragen, wird kaum für jedes Medium einen eigenen Assistenten aufsuchen. Das Publikum chattet längst mit Medieninhalten, nur meist nicht bei den Medien.
Für ihre Antworten bedienen sich die allgemeinen Chatbots gern bei den Medien, sofern diese ihre Websites für die KI-Crawler öffnen. Bei ChatGPT und Perplexity gehört Blick zu den meistzitierten Schweizer Medien, die NZZ kommt dort kaum vor. Blick und NZZ verfolgen gegensätzliche Strategien: Blick hat den eigenen Chatbot abgeschaltet und lässt die fremden an seine Artikel. Die NZZ verwehrt den fremden Chatbots den Zugriff und setzt auf einen eigenen.

