09.04.2026

NZZ

Mehrsprachigkeit als automatischer Mehrwert

Mehrere Schweizer Medien bieten ihre Artikel auf Knopfdruck automatisch in Fremdsprachen übersetzt an – neuerdings auch die NZZ. Anders als bei früheren englischsprachigen Angeboten, zielt die Zürcher Zeitung nun auf ein einheimisches Publikum.
NZZ: Mehrsprachigkeit als automatischer Mehrwert
Englisch auf Tastendruck: Schweizer Medien setzen auf KI-Übersetzung ihrer Texte. (Bild: generiert myAI Swisscom)

Jetzt ist die Zeit gekommen: Im April 2020 sagte NZZ-Chefredaktor Eric Gujer in einem Porträt in der Republik, die NZZ werde dann auf Englisch erscheinen, «wenn die Zeit gekommen ist für eine gute automatisierte Übersetzung». Seit einigen Wochen wird man in der App der Zürcher Zeitung aufgefordert, die «neue, automatisierte Übersetzungsfunktion in Englisch, Französisch und Italienisch» zu testen. Wer eine der fremdsprachigen Versionen auswählt, wird darauf hingewiesen, dass es sich um eine automatische Übersetzung handelt. Der übersetzte Artikel könne Ungenauigkeiten oder nicht übersetzte Passagen enthalten. Bei anderen Medien mit vergleichbaren Angeboten sucht man einen solchen Hinweis vergeblich.

Expats statt globales Publikum

Die NZZ will mit der neuen Sprachfunktion einen Mehrwert für die bestehende Kundschaft schaffen. Gleichzeitig sollen neue Lesergruppen erschlossen werden, so das Unternehmen gegenüber persoenlich.com. Konkret nennt die NZZ Expats in der Schweiz als Zielgruppe, der man in nächster Zeit mit Marketingmassnahmen die neue Funktion schmackhaft machen wolle. Mit den automatisch übersetzten Artikeln zielt die NZZ also nicht auf ein internationales Publikum, wie es Chefredaktor Gujer vor sechs Jahren noch vorschwebte.

Bis im vergangenen August bot die NZZ in der Rubrik «NZZ Geopolitics» eine tägliche englischsprachige Artikelauswahl für ein internationales Publikum an. Die Schweizer Zeitung bewarb das Angebot mit dem Versprechen: «Perspectives you won't find in the U.S. media» – Perspektiven, die Sie in US-Medien nicht finden. Die Texte wurden auch damals schon automatisch übersetzt, aber noch redaktionell geprüft. Die neue Sprachfunktion sei kein Ersatz für «NZZ Geopolitics», teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Ob es in Zukunft wieder eine kuratierte englischsprachige Rubrik geben wird, bleibe offen. Man nehme sich die Zeit, «unser internationales Angebot weiterzuentwickeln», hiess es bei der Einstellung von «NZZ Geopolitics».

Blue News auf vier Sprachen

Schon länger bieten andere Nachrichtenportale und Websites von Zeitungen und Zeitschriften automatisch übersetzte Texte in mehreren Sprachen an. Blue News etwa, die News-Site der Swisscom-Tochter Blue, erscheint auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Doch nur die seit 2024 angebotenen englischsprachigen Artikel lässt Blue vollständig automatisiert übersetzen. Beiträge in den drei Landessprachen verfassen grundsätzlich Redaktorinnen und Redaktoren. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, Inhalte aus allen Sprachregionen per Knopfdruck in jede gewünschte Sprache zu übersetzen. «So kann beispielsweise die Deutschschweiz schnell eine Eigenrecherche aus der Romandie oder dem Tessin übernehmen, übersetzen und weiterverarbeiten», erklärt Blue-Sprecherin Olivia Willi den Ablauf. Inhaltliche Prüfung, Verifikation und Faktencheck erfolgten weiterhin durch die Journalistinnen und Journalisten.

Die Weltwoche kann man seit Sommer 2025 in einer französischsprachigen Version lesen. Mike Herter, Leiter Unternehmensentwicklung Digital Weltwoche, verweist auf eine «grosse Nachfrage nach einem Medium wie der Weltwoche in der Westschweiz». Gleichzeitig wolle man frühzeitig Erfahrungen mit KI-Technologien sammeln und deren Potenzial anhand konkreter Anwendungsfälle ausloten. Aktuell zähle die automatisch auf Französisch übersetzte Version der Weltwoche eine monatliche Stammleserschaft im vierstelligen Bereich – «ein erfreulicher Start», so Herter. Künftig solle das Angebot «noch besser auf die Besonderheiten und Interessen des Westschweizer Publikums zugeschnitten werden».

Eine treue, aber kleine Fangemeinde

Bei 20 Minuten gibt es ein mehrsprachiges Angebot seit 2021. Es habe seither «eine treue Fangemeinde» gefunden, teilt die Unternehmenssprecherin auf Anfrage mit, nennt aber keine Zahlen. Englisch werde mit Abstand am häufigsten genutzt, gefolgt von Portugiesisch und Albanisch – entsprechend der Verbreitung der jeweiligen Nichtlandessprachen in der Schweiz. Die Nutzung weiterer Sprachen wie etwa Spanisch, Bosnisch oder Ukrainisch «bewegt sich auf einem tiefen Niveau», so die Sprecherin. Beworben hat 20 Minuten das Angebot nur beim Start.

Auf ein geringes Interesse stossen im Wallis die französisch- und englischsprachigen Versionen der Artikel auf pomona.ch, dem Online-Portal des Walliser Boten. Lanciert hatte der Verlag das Angebot 2022. Ausschlaggebend dafür waren die Zweisprachigkeit des Kantons und englischsprachige Expats, die bei Lonza in Visp arbeiten. Obwohl der Verlag das Angebot im Intranet der Lonza bewerben durfte, konnte er keine nennenswerte Zahl neuer Abos unter Englischsprachigen gewinnen. Das liegt möglicherweise auch an der Qualität der automatischen Übersetzung. Rebecca Schüpfer, Online-Chefin und Mitglied der Chefredaktion, erwähnt auf Anfrage «einige Rückmeldungen, die verlangten, die Artikel ‹richtig› zu übersetzen.» Doch der Aufwand dafür stünde in keinem Verhältnis zu den geringen Ertragsaussichten.

Warum der Aufwand trotzdem lohnt

Bleibt die Frage: Warum bieten Medien überhaupt solche Übersetzungsfunktionen an, obwohl heute jeder Artikel dank kostenlos verfügbarer Sprachtools und KI-Plattformen in nahezu jede beliebige Sprache übersetzt werden kann? Erstens geht es um Convenience. Eine Übersetzung per Knopfdruck oder via Standardeinstellung in der Medien-App ist nun mal bequemer als Copy-and-paste auf Drittplattformen. Und zweitens liegt es im geschäftlichen Interesse der Verlage, ihrer Nutzerschaft möglichst wenig Grund zum Abspringen zu geben. Wenn sich mit vergleichsweise geringem Aufwand eine – wenn auch kleine – Nutzergruppe ansprechen oder halten lässt, lohnt sich das allemal.


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