Herr Vogt*, mögen Sie sich erinnern, wie Sie von Elon Musks Twitter-Übernahmeversuch erfahren haben?
Ironischerweise auf Twitter selbst. Danach habe ich mich beim Wallstreet Journal versichert, dass die Nachricht wirklich stimmt.
Was war Ihre erste Reaktion?
Ich war etwas verwundert. Der Ankündigung ging ein richtiges Hickhack voran: Zuerst übernahm Musk gut 9 Prozent der Aktien, später erfolgte die Ankündigung, er ziehe in den Verwaltungsrat ein. Das Vorhaben kam dann nicht zustande. Vielleicht hat ihn das angestachelt, Twitter ganz zu übernehmen.
Kommentare von Twitter-Usern deuten darauf hin, dass Musks Plan nicht auf grosse Begeisterung stösst. Weshalb wäre das denn so schlecht? Schliesslich gilt er doch als innovativer Unternehmer …
Ich finde es gefährlich, wenn eine einzige Person ein Unternehmen wie Twitter, das durchaus meinungsbildend ist, alleine kontrolliert. Da ist mir ein breites Aktionariat deutlich lieber. Er ist auch mit seinen 9,2 Prozent grösster Einzelaktionär und genügend einflussreich, wenn er denn mit den anderen kooperieren wollte.
«Musks Aussage zur Meinungsfreiheit ist reines Marketing»
Sie sehen demnach die Gefahr, dass Musk als Zensor wirken würde. Er hat jedoch betont, dass er die Redefreiheit verbessern will. Ein abgekartetes Spiel also?
Ein abgekartetes Spiel würde ich nicht sagen. Er will einfach sagen, wo es lang geht, und er hat die finanziellen Mittel dazu, dieses Vorhaben umzusetzen.
Musk hat zudem gesagt, dass Twitter das Potenzial der Redefreiheit nur dann ausschöpfen könne, wenn der Dienst von der Börse genommen würde. Was steckt hinter dieser Aussage?
Das hat in meinen Augen keinen Zusammenhang. Würde die Twitter-Übernahme tatsächlich gelingen, kann er das Unternehmen von der Börse nehmen. Dadurch erreicht er jedoch einzig, dass niemand anderes ausser ihm etwas zu melden hat. Seine Aussage zur Meinungsfreiheit ist meines Erachtens reines Marketing.
Welche weiteren Absichten könnte Musk neben der inhaltlichen Kontrolle haben?
Da kann man momentan nur darüber spekulieren. Es könnte ihm mit seinem Übernahmeangebot auch nur darum gehen, den Aktienpreis in die Höhe zu treiben, sodass er sein bisheriges Aktienpaket mit gutem Gewinn weiterverkaufen kann. Es dürfte ihm mehr um Macht gehen und weniger darum, Twitter zu einer besseren Plattform zu machen. Zumal ihm dafür nebst seiner beiden anderen Unternehmen auch die Zeit fehlen dürfte.
Im Vorgespräch haben Sie mir gesagt, dass eine Übernahme sehr unwahrscheinlich sei. Was macht Sie so sicher?
Die Geschäftsleitung von Twitter geht gegen die Übernahme vor. Der Konzern will anderen Aktionären vergünstigte Anteile anbieten, wenn Musk mehr als 15 Prozent an Twitter erwirbt. Börsianer sprechen von einer sogenannten «Giftpille».
«Ich halte eine Editierfunktion bei Tweets für falsch»
Musk hat bereits Einblick gegeben, wie er Twitter verändern möchte. Ihm schwebt zum Beispiel vor, eine Editierfunktion für Tweets einzuführen. So könnten Fehler in den Beiträgen endlich behoben werden, insofern eine gute Idee?
Musk testet viele Ideen, indem er einfach Tweets rausballert und schaut, wie die Reaktionen sind. Ich halte eine Editierfunktion für falsch, weil man so die Aussage seiner Tweets nachträglich verändern kann. Das ist gefährlich, wenn ein Tweet schon viel Zustimmung durch Likes und Retweets erhalten hat. Sinn ergäbe das nur, wenn die Editierfunktion höchstens während der ersten 20 Sekunden nach Publikation offen wäre.
Zudem möchte er Werbung als zentrale Einnahmequelle durch ein Abo-Modell ersetzen. Wäre das überhaupt realistisch? Ich kann mir das kaum vorstellen bei einer Social-Media-Plattform, auf der sich Userinnen und User stets gratis bewegen konnten …
Twitter hat in der Tat Probleme, Geld zu verdienen. Werbung funktioniert verglichen mit Netzwerken wie Facebook oder Instagram deutlich schlechter. Wenn Musk jedoch mehr als 40 Milliarden Dollar investiert, will er mit Twitter Geld verdienen. Alles andere wäre Augenwischerei. Ob ein Abo-Modell jedoch der richtige Weg ist, bezweifle ich.
Zum Schluss: Welche Bedeutung hat Twitter für Sie persönlich?
Twitter ist mit Abstand mein liebstes soziales Netzwerk. Daran würde kurzfristig auch eine Übernahme von Musk nichts ändern.
*Reto Vogt ist seit September 2021 Chefredaktor von inside-it.ch. Zuvor arbeitete der 37-Jährige unter anderem für das Migros-Magazin, Scope, Computerworld und PCtipp.

