21.05.2026

NetzCourage

Verein gegen digitale Gewalt löst sich auf

Zehn Jahre lang war er die erste spezialisierte Anlaufstelle der Schweiz gegen digitale Gewalt. Nun zieht der Verein einen Schlussstrich – und hinterlässt eine Lücke, die laut Gründerin Jolanda Spiess der Staat füllen muss.
NetzCourage: Verein gegen digitale Gewalt löst sich auf
Gründete NetzCourage: Jolanda Spiess-Hegglin, hier 2024 vor dem Kantonsgericht in Zug. (Bild: Keystone/Til Bürgy)

Gründerin Jolanda Spiess gab die Auflösung am Mittwoch in einem Interview mit Radio SRF bekannt. Als Grund nennt der Verein die rasante technologische Entwicklung: «Wir sind von der Technologie überrannt», sagte Spiess. Generative KI produziere Hass, Deepfakes und Identitätsmissbrauch in einem Tempo, das mit den Mitteln eines privaten Vereins nicht mehr zu bewältigen sei. «Wir wissen nicht, wie wir uns als privater Verein da noch wehren sollen.»

NetzCourage war 2016 als erste spezialisierte Beratungsstelle für Betroffene von Cybermobbing, Deepfake-Pornografie und Identitätsmissbrauch in der Schweiz gegründet worden. Zu den Mitgründerinnen gehörte die ehemalige Zuger Grünen-Kantonsrätin Jolanda Spiess, die den Verein auch nach aussen hin vertrat. Laut eigenen Angaben hat NetzCourage in diesen Jahren mehrere hundert Betroffene beraten und Workshops sowie Öffentlichkeitsarbeit geleistet. Vereinspräsident war Hansi Voigt.

Als weiteren Grund für die Auflösung nannte Spiess, dass der Verein selbst zur Zielscheibe von Angriffen geworden sei: «Wer sich mit uns gezeigt hat, geriet dann auch gleich wieder in den Fokus der Hater.» Partnerinstitutionen und Sponsoren seien mit Belästigungen konfrontiert worden, sobald eine Zusammenarbeit kommuniziert worden sei. Die Vereinsstruktur mit rund 1200 Mitgliedern und Spendenfinanzierung bezeichnete Spiess als ungeeignet für die gewachsene Aufgabe: «Die Bekämpfung von digitaler Gewalt kann unmöglich die Aufgabe eines privaten Vereins sein.»

Als Erfolg der zehnjährigen Arbeit verbucht Netzcourage unter anderem, dass Stalking seit 2025 ein eigener Straftatbestand im Schweizer Strafrecht ist. Als der Verein 2016 startete, war das Thema in der Schweiz ohne Begriff, ohne Gesetz und ohne politische Adresse.

Mit der Auflösung fehlt in der Schweiz eine spezialisierte, niederschwellige Anlaufstelle für Betroffene. Spiess fordert, dass der Bund diese Aufgabe übernimmt und eine entsprechende Beratungsstelle bei der Opferhilfe ansiedelt. Eine Motion in diese Richtung hat die Grünen-Nationalrätin Meret Schneider 2025 eingereicht. Über deren Schicksal hat noch der Bundesrat zu entscheiden.

Betroffene können sich derzeit an die kantonale Opferhilfe wenden, bei akuter Gefährdung an die Polizei (117) sowie an die Meldestelle Cybercrime des Fedpol. Für Kinder und Jugendliche bietet Pro Juventute Beratung an, auch bei Fällen von Cybermobbing.

Jolanda Spiess will die juristische und strategische Arbeit im Bereich Persönlichkeitsschutz über ihre GmbH Winkelried & Töchter weiterführen. Das Restvermögen des Vereins geht statutengemäss an eine Organisation mit ähnlichem Zweck. (cbe)


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Neue Podcast-Folge: Jetzt reinhören