05.10.2010

Sam Taylor-Wood

"Bis jetzt waren alle Drehbücher Schrott"

Eine Spätberufene: Am Donnerstag lief mit "Nowhere Boy" das Spielfilmdebüt der 43-jährigen Regisseurin Sam Taylor-Wood in den Schweizer Kinos an. Darin zeichnet die Engländerin die Kindheit und Jugend von Beatles-Sänger John Lennon stimmungsvoll nach. Jetzt prüft sie Anfragen aus Hollywood und wälzt schlechte Drehbücher. Mit "persoenlich.com" sprach sie über ihren Mentor Anthony Mighella, Aufträge aus der Werbebranche und Lennons Charakter.
Sam Taylor-Wood: "Bis jetzt waren alle Drehbücher Schrott"

Frau Taylor-Wood, Ihr Film "Nowhere Boy" ist bereits vor über einem Jahr in den englischen Kinos angelaufen. Nun müssen sie immer noch Interviews dazu geben…

Ich weiss, ich weiss. Eine leidige Angelegenheit (lacht)! Nein, nicht so schlimm. Die Sache ist halt, dass der Film erst gerade in den USA angelaufen ist.

Und in der Schweiz!

Richtig, auch in mehreren anderen Ländern wie der Schweiz. Deswegen hab ich momentan sehr viele Pressetermine. Allein für die USA habe ich einen ganzen Monat lang nur Interviews gegeben. Das war ziemlich anstrengend, zumal mein drittes Kind Wylda ja erst vor kurzem auf die Welt gekommen ist.

Wieso ziehen gewisse Länder erst jetzt nach mit dem Film?

Ich weiss nicht. Das ist Sache der jeweiligen Vertriebe. Ich habe da gar keinen Einfluss drauf. Harry Weinstein, der in Amerika für den Vertrieb zuständig ist, wollte Lennons 70. Geburtstag abwarten. Das macht ja noch irgendwie Sinn.

Arbeiten Sie bereits an einem neuen Projekt?

Ich arbeite mich fleissig durch Berge von Scripts und versuche, den richtigen Stoff für den nächsten Film zu finden. Bis jetzt waren alle Drehbücher nur Schrott. Ich war mir bislang gar nicht bewusst, wie viel Glück ich mit dem Script von "Nowhere Boy" hatte.

Was ist denn so schlecht an diesen Drehbüchern? Was fehlt ihnen?

Ich weiss es nicht. Sie sind einfach nicht gut geschrieben. Jemand hat einst gesagt, dass für einen guten Film drei Dinge entscheidend sind: Das Drehbuch, das Drehbuch und das Drehbuch.

Wieso schreiben Sie das nächste Drehbuch nicht selbst?

Mir fehlt das Talent. Ich bin richtig schlecht im Schreiben. Meine Stärke liegt darin, die Worte anderer Leute in Bilder zu übertragen. Ausserdem bin ich zum Schreiben viel zu ungeduldig. Ich will das fixfertige Drehbuch haben und gleich loslegen können.

Was wäre denn ein Stoff, der Sie interessieren würde?

Wenn ich das wüsste, dann wäre die Suche wesentlich einfacher. Ich hab mich in Amerika mit einer ganzen Reihe von Produzenten getroffen. Und alle fragten mich: "Was willst du als Nächstes für einen Film machen?" – Meine Antwort lautet: "In jedem Fall einen Guten!" Aber was die Story betrifft, habe ich da leider keine genauen Vorstellungen. Ein Thriller würde mich reizen. Etwas mit einer anderen Intensität.

Und wenn man Sie für den nächsten Bond anfragen würde?

Das wäre natürlich ein Traumjob. Ich wäre sehr gerne die erste Regisseurin überhaupt, die einen Bond abdrehen kann. That would be fantastic!

Reden wir über den Film: Welche Beziehung haben Sie zu den Beatles und zu John Lennon?

Eine Britische, würde ich sagen. Die Beatles gehören zu Grossbritannien – genau wie die Queen. Wenn man hier aufwächst, kommt man automatisch mit ihrer Musik in Kontakt. Ein grosser Fan war ich aber nie. Im Gegensatz zu meinen Eltern. Meine Mutter ist ganz vernarrt in Lennon.

Und was wussten sie über dessen Lebensumstände, von denen ja der Film handelt?

Gar nichts. Die gesamte Story war mir vollkommen unbekannt. Ich wusste gerade mal, dass die Jungs aus Liverpool stammen. Und genau das machte die Arbeit an diesem Film auch so spannend. So konnte ich etwas herausarbeiten, was mir und vielen anderen nicht bewusst war, aber einen grossen Einfluss auf sein späteres kreatives Schaffen hatte. Mir selbst half die Geschichte die Musik der Beatles besser zu verstehen.

Entspricht die Handlung des Films denn komplett den Tatsachen?

Ja. Jedenfalls so weit das überhaupt möglich ist. Natürlich mussten wir uns an gewissen Stellen kreative Freiheit ausbedingen, um die Geschichte in einem 90minütigen Film erzählen zu können. Und vielleicht haben nicht alle Dialoge genau so stattgefunden. Das Meiste soll laut unseren Quellen genau so passiert sein. Ewig lang liegt das Ganze ja nicht zurück. Da muss man schon darum besorgt sein, dass die Fakten stimmen.

Wer waren denn die Quellen?

Ich habe mich sowohl mit Paul McCartney wie auch mit Yoko Ono mehrfach getroffen. Ausserdem gibt es zahlreiche schriftliche Quellen. Paul war vor allem in musikalischer Hinsicht sehr hilfreich. Er konnte mir sagen, wie ihre ersten musikalischen Versuche klangen und welche Instrumente sie damals benutzten. Ausserdem haben beide dabei geholfen, den Charakter von Mimi zu beschreiben.

Lustig zu sehen, wie der zwei Jahre jüngere Paul McCartney in die Geschichte eingeführt wird: Ein kleines, korrektes Bürschchen mit hohen musikalischen Fähigkeiten, das lieber Tee statt Bier trinkt. Gefiel er sich selbst in dem Film?

Ja, ich glaube schon. Ich habe jedenfalls nichts Anderes von ihm gehört.

Und Yoko war ähnlich unkompliziert?

Ja, auch Yoko war sehr zuvorkommend. Wir sind uns schon vorher ein paar Mal begegnet. Sie ist eine unglaubliche Frau. Ich habe enormen Respekt vor ihr.

Wie würden Sie John Lennon charakterisieren?

Puh, keine einfache Frage. Es gibt so viele Arten ihn zu beschreiben. Ich würde sagen: spirituell, intensiv, gerissen, witzig, ziemlich arrogant und stark.

Aber war er mehr die Leaderfigur oder der gefühlvolle Softie, der eigentlich lieber im Hintergrund geblieben wäre?

Schwierig zu sagen. Ich glaube, er war schon eine ziemlich starke Leaderfigur.

Hat der Film Ihr Leben als Künstlerin und Fotografin komplett auf den Kopf gestellt?

Nein, das hat er nicht. Ich werde wohl auch in Zukunft noch fotografieren. Und auch dass ich bald in Hollywood drehe, ist noch nicht sicher. Was sicher ist: Das Filmemachen gefällt mir. Deswegen will ich mich von jetzt an vor allem darauf konzentrieren –- zumindest, wenn mir die Möglichkeit gegeben wird.

Was ist daran so aufregend? Die grossen Budgets?

Nein, nicht die Budgets. Meines war - –zumindest für einen Kinofilm - geradezu winzig. Mit dem Geld hat das gar nichts zu tun. Es macht einfach Spass, sich voll in so ein Projekt reinzugeben und sich monatelang ganz intensiv der gleichen Sache widmen zu können. Es ist eine grosse Herausforderung.

Könnten Sie sich vorstellen Werbung zu machen?

Im Prinzip schon. Es müsste aber ein Auftrag sein, der mich kreativ herausfordert. Dann vielleicht. Ich hatte schon ein paar Anfragen, aber bis jetzt war noch nichts Spannendes dabei.

Wieso haben sie nicht schon früher mit dem Filme machen angefangen, wenn es so aufregend ist?

Ich schätze mal, ich hatte noch nicht das nötige Selbstvertrauen. Das kam erst in den letzten Jahren. Anthony Mighella (Regisseur von "The English Patient" und "Talented Mr. Ripley", Anm. der Red.) war mein Mentor. Er hat mir dieses Vertrauen gegeben und meinen Kurzfilm "Love You More" produziert. Danach wollten wir gemeinsam einen Spielfilm realisieren. Aber wie sie wissen, ist er dann überraschend gestorben. Viel zu früh. Mit dem Wissen und dem Vertrauen, das er mir gegeben hatte, habe ich mich dann auf die Suche nach einem neuen Stoff gemacht. Und bin bei "Nowhere Boy" fündig geworden.

War es eigentlich seltsam einen Film über einen Musiker zu machen, in dem es nicht hauptsächlich um Musik geht?

Das war Teil der Herausforderung. Es geht tatsächlich mehr darum zu zeigen, wie er überhaupt auf die Musik gekommen ist und wie sich aus seinem Background ein musikalisches Genie entwickelt hat. Er zeigt so gut wie möglich, was ihn in frühen Jahren als Person ausmachte.

Interview: Adrian Schräder

 


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