Herr Hering, der Film «111 – Echoes from Halifax» ist soeben in den Kinos gestartet. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Die Idee zu «111» stammt ursprünglich von mir. Der Kapitän des Swissair-Flugs 111, Urs Zimmermann, war der Vater meiner Frau. Ich habe erst später in diese Familie eingeheiratet und war vom Verlust nicht direkt betroffen. Zugleich fliege ich seit fast 30 Jahren privat. Die Fliegerei begleitet mich also schon lange. Durch meine langjährige Arbeit in der Film- und Fernsehproduktion konnte ich die Idee gemeinsam mit meinen Partnerinnen und Partnern weiterverfolgen. Mich interessierte vor allem, was nach einem solchen Unglück geschieht: bei den Angehörigen, in Halifax und bei den vielen anderen Menschen, deren Leben davon berührt wurde.
Wie stark prägt dieser Absturz Ihre Familie heute noch?
Der Absturz gehört zur Familiengeschichte meiner Frau. Ich kann dazu nur aus meiner Sicht als eingeheiratetes Familienmitglied sprechen. Trotz dieses schweren Verlusts erlebe ich ihre Familie als sehr aufgestellt und lebensfroh. Das ist ihr eigener Weg. Andere Menschen gehen anders mit Trauer um, und das möchte ich nicht bewerten. Wir wollten mit dem Film weder die persönliche Trauer meiner Frau und ihrer Familie erzählen noch eine einzelne Geschichte stellvertretend für alle herausgreifen. Die 228 anderen Menschen an Bord und ihre Angehörigen hatten alle ihre eigene Geschichte. Der Film richtet den Blick weniger auf Einzelschicksale als auf eine emotionale Wahrheit.
Ihre Familie war bei der Weltpremiere am Zurich Film Festival anwesend. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?
Das war für mich sehr bewegend. Den fertigen Film gemeinsam mit der Familie meiner Frau in einem vollen Kinosaal zu sehen, war noch einmal etwas ganz anderes als die Arbeit am Drehbuch und am Set. Im Saal war es sehr still. Für die herzliche Aufnahme des Films in den Medien und beim Publikum bin ich dankbar.
Welche Reaktionen haben Sie sonst noch erhalten?
Es gab sehr persönliche Rückmeldungen aus Halifax und Zürich. Dass der Film in Halifax mit dem Gordon Parsons Award for Best Atlantic Feature ausgezeichnet wurde, hat uns natürlich gefreut. Eine Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ein kanadischer Lastwagenfahrer erzählte mir, dass er sich nach dem Film 45 Minuten lang zu seinem schlafenden elfjährigen Sohn gelegt habe, einfach um bei ihm zu sein und dankbar dafür, dass er lebt. Die Geschichte im Film, in der ein Vater seinen Sohn verliert, hatte ihn offenbar besonders berührt.
Wie stark orientiert sich das Drehbuch an den tatsächlichen Ereignissen?
Der historische Ausgangspunkt und die Folgen des Absturzes sind real. Die Funksprüche im Film und viele weitere Details beruhen auf Recherchen. Die Figuren und ihre konkreten Geschichten hingegen sind fiktiv. Sie greifen unterschiedliche Erfahrungen auf, etwa jene von Fischern oder von Eltern, die ihre Kinder allein auf die Reise geschickt hatten. Es sind keine Porträts realer Personen. Sie stehen stellvertretend für verschiedene Gruppen von Betroffenen.
Sie haben bewusst darauf verzichtet, den Absturz zu zeigen. Warum?
Der Film sollte das Unglück nicht rekonstruieren. Die Flugschreiber zeichneten in den letzten rund sechs Minuten vor dem Aufprall nichts mehr auf. Deshalb lässt sich die Schlussphase nicht lückenlos nachvollziehen. Wir wollten nichts erfinden, sondern den Blick auf die Folgen des Unglücks und auf die Menschen richten.
Wo lagen die grössten Herausforderungen?
Eine grosse Herausforderung bestand darin, den vielen unterschiedlichen Erfahrungen in einem einzigen Spielfilm gerecht zu werden. Wir mussten die Geschichten verdichten, ohne den Eindruck zu erwecken, eine davon stehe für alle. Hinzu kamen die Anforderungen einer schweizerisch-kanadischen Koproduktion und die Dreharbeiten an verschiedenen Orten.
Wie war die Zusammenarbeit mit C-Films und den kanadischen Koproduzenten?
Sehr konstruktiv und vertrauensvoll. Anne Walser von C-Films und unsere kanadische Partnerin Ann Bernier brachten unterschiedliche Perspektiven in die Arbeit ein. Ann Berniers Nähe zu Halifax und zur Region war bei diesem Stoff besonders wertvoll. Ich habe den Austausch und die Zusammenarbeit sehr geschätzt. Zusammen mit Jenny Allen (Drehbuch) und Mauro Mueller (Regie) waren wir ein tolles Team.
Waren Sie selbst schon am Unglücksort bei Halifax?
Ja. Bei meinem ersten Besuch zur Vorbereitung des Films war ich mit Mauro Mueller dort. Es war ungewohnt, diese Orte zunächst ohne die Familie meiner Frau zu sehen. Während der Dreharbeiten reiste dann auch ihre Familie nach Nova Scotia, mit Kindern, Enkelkindern, Schwägerinnen und Schwagern. Wir verbrachten dort eine ganz besondere Woche miteinander. Die Landschaft im Spätsommer, den die Menschen dort «Altweibersommer» nennen, hat mich beeindruckt. Später mit dem fertigen Film zum Festival zurückzukehren und dort ausgezeichnet zu werden, war ebenfalls etwas Besonderes. Vor allem ist mir die Offenheit der Menschen in Halifax in Erinnerung geblieben. Bei vielen Begegnungen mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensbereichen spürte ich, dass das Unglück für sie eine persönliche Geschichte hat. Diese Offenheit, damals gegenüber den Angehörigen und später auch gegenüber uns als Filmteam, hat mich sehr berührt. Nova Scotia ist eine wunderschöne Region, die ich allen Reisenden empfehlen kann.
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07.10.2026 20:52 Uhr

