Nachfolgend in Form von Fragen und Antworten die wichtigsten Informationen zu dieser Reform, deren angepasste Fassung vor 20 Jahren, am 1. August 2006, in Kraft trat:
Warum wurde die deutsche Rechtschreibung reformiert?
Mit der Reform wollten Linguistinnen und Politiker die deutsche Sprache vereinfachen, die Zahl der Ausnahmen verringern und Fremdwörter «eindeutschen», wie aus Texten der Nachrichtenagentur Keystone-SDA aus den 1990er-Jahren hervorgeht. Bekannt wurde die neue deutsche Rechtschreibung insbesondere wegen des Prinzips, dass Wortstämme so wenig wie möglich abgeändert werden sollten – aus der «Gemse» wurde die «Gämse», weil es auch das Wort «Gams» gibt und Wörter einer Stammfamilie gleich (respektive ähnlich) geschrieben werden sollen (wie bei «Stange» – «Stängel»).
Die Rechtschreibereform war von Anfang an umstritten und blieb es nach der schrittweisen Umsetzung der Reform in Schulen und bei Behörden. Lehrpersonen stellten fest, dass sich die Anzahl Fehler beim Schreiben nicht verminderte, sondern erhöhte. Zahlreiche Expertinnen und Experten forderten von der Politik eine Reform der Reform.
2004 setzte die deutsche Kulturministerkonferenz einen «Rat für deutsche Rechtschreibung» ein, in dem die Schweiz mit der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen- und -direktorenkonferenz (EDK) vertreten ist. Dieser Rat beobachtet die sprachlichen Entwicklungen und schlägt den Ländern bei Handlungsbedarf Anpassungen vor. In der Schweiz entscheidet der EDK-Vorstand. Die letzten Anpassungen der deutschen Rechtschreibung stammen aus dem Jahr 2024, wie das EDK-Generalsekretariat auf Anfrage bekanntgab.
Bestand hatten die Änderungen beispielsweise bei «Gämse» und «Stängel», während «Majonäse» nach 2006 nicht mehr toleriert wurde. Gültig blieb etwa auch die neue Trennweise von Wörtern wie Zucker und Bäcker. Bestand hatte etwa auch, dass nach Adverbien wie «gestern» und «heute» die Tageszeit neu grossgeschrieben wird.
Die Kritik verstummte nicht. 2006 wurde in der Schweiz «angesichts der alten und neuen Mängel» von Praktikern aus Verlagen, Sprachwissenschaft, Schule und Politik die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) gegründet. Sie meldete sich kürzlich zum zweifachen Jahrestag der neuen deutschen Rechtschreibung (erste Reform 1996, zweite Reform 2006) und zu ihrem 20-Jahr-Jubiläum mit einer Medienmitteilung zu Wort. Darin schreibt sie, die Mängel des amtlichen Regelwerks von 2006 blieben bis heute fast unverändert bestehen. «Nach wie vor ist es amtlich verboten, längst übliche deutsche Wörter wie das 500-jährige ‹jedesmal› zu verwenden, nach wie vor können wir nicht wissen, ob mit einem ‹wohl bekannten Mangel› ein allen bekannter oder ein eher unbekannter gemeint ist», schreibt die SOK in diesem Communiqué. Sie fordert, dass die staatlichen Instanzen ihre Zuständigkeit für die Rechtschreibung abgeben und dass das amtliche Regelwerk in seiner heutigen Form unabhängig überprüft wird. Auf ihrer Homepage gibt die SOK eine Vielzahl von Empfehlungen ab, mit Wörterlisten, «Wegweisern», Analysen und Fragen/Antworten. Einen wichtigen Platz nimmt auf der SOK-Homepage die Empfehlung ein, bei Varianten die herkömmliche zu wählen. Diese Empfehlung bezieht sich auf den Umstand, dass der Duden, der sich auf die Beschlüsse des zwischenstaatlichen Rats für deutsche Rechtschreibung stützt, sehr oft Varianten zulässt. Beispiel: Die SOK empfiehlt, wie bisher «Delphin» zu schreiben. Der Duden empfiehlt «Delfin» und bezeichnet «Delphin» als «alternative Schreibung».
In einem Eintrag aus dem Jahr 2013 auf ihrer Homepage schreibt die SOK, zum Prinzip «bei Varianten die herkömmliche» bekannten sich unter anderem die Nachrichtenagentur Keystone-SDA, die NZZ, deutsche Zeitungen, Schweizer Zeitungen wie die Basler Zeitung (heute von Tamedia herausgegeben) und der deutsche Reclam-Verlag.
Der Leiter Kommunikation bei der EDK, Stefan Kunfermann, schreibt auf Anfrage: «Dem Generalsekretariat der Konferenz der 26 kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren sind weder Unruhen noch Klagen von Lehrpersonen bekannt. Auf Stufe der EDK gibt es hierzu aktuell keine Diskussionen.»
In der Schweiz haben sich offensichtlich teilweise die amtlichen Regeln, teilweise die Vorschläge der SOK durchgesetzt. So zeigt etwa ein Blick in das Schweizerische Medienarchiv SMD, dass etliche Medien – wie von der SOK empfohlen – «bekanntgeben» verwenden, aber auch etliche «infrage stellen» (und nicht «in Frage stellen», wie von der SOK empfohlen). Entschärft hat sich die Rechtschreibediskussion wohl auch, weil der Duden sehr oft Varianten zulässt. Ausserdem spielt wohl die Rechtschreibung in Zeiten von künstlicher Intelligenz und digitalen Korrekturprogrammen für viele Menschen eine weniger grosse Rolle als auch schon.
Möglichst alle Wörter einer Wortfamilie werden gleich geschrieben: platzieren statt plazieren, Potenzial neben Potential, Albtraum neben Alptraum, behände statt behende, Gämse statt Gemse. Ausserdem: Schifffahrt statt Schiffahrt, Känguru statt Känguruh.
KOMMENTARE
24.07.2026 10:56 Uhr

