23.07.2026

Rechtschreibung

Der Streit ums richtige Schreiben hält an

«Gämse» statt «Gemse», «Babys» statt «Babies», «Känguru» statt «Känguruh»: Vor 30 Jahren beschlossen die deutschsprachigen Länder eine Reform der Rechtschreibung, welche jahrelang zu reden gab. Heute schwelt der Streit um die neue deutsche Rechtschreibung weiter – allerdings auf deutlich kleinerem Feuer.
Rechtschreibung: Der Streit ums richtige Schreiben hält an
Seit der Rechtschreibreform schreibt man «Schifffahrt» mit drei f – eines von vielen Wörtern, die vor 30 Jahren ihre Schreibweise änderten. (Bild: Keystone/AP Photo/Jockel Finck)

Nachfolgend in Form von Fragen und Antworten die wichtigsten Informationen zu dieser Reform, deren angepasste Fassung vor 20 Jahren, am 1. August 2006, in Kraft trat:

Warum wurde die deutsche Rechtschreibung reformiert?
Mit der Reform wollten Linguistinnen und Politiker die deutsche Sprache vereinfachen, die Zahl der Ausnahmen verringern und Fremdwörter «eindeutschen», wie aus Texten der Nachrichtenagentur Keystone-SDA aus den 1990er-Jahren hervorgeht. Bekannt wurde die neue deutsche Rechtschreibung insbesondere wegen des Prinzips, dass Wortstämme so wenig wie möglich abgeändert werden sollten – aus der «Gemse» wurde die «Gämse», weil es auch das Wort «Gams» gibt und Wörter einer Stammfamilie gleich (respektive ähnlich) geschrieben werden sollen (wie bei «Stange» – «Stängel»).

Warum wurde die neue deutsche Rechtschreibung 2006 angepasst?
Die Rechtschreibereform war von Anfang an umstritten und blieb es nach der schrittweisen Umsetzung der Reform in Schulen und bei Behörden. Lehrpersonen stellten fest, dass sich die Anzahl Fehler beim Schreiben nicht verminderte, sondern erhöhte. Zahlreiche Expertinnen und Experten forderten von der Politik eine Reform der Reform.

Wer bestimmte die Anpassung?
2004 setzte die deutsche Kulturministerkonferenz einen «Rat für deutsche Rechtschreibung» ein, in dem die Schweiz mit der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen- und -direktorenkonferenz (EDK) vertreten ist. Dieser Rat beobachtet die sprachlichen Entwicklungen und schlägt den Ländern bei Handlungsbedarf Anpassungen vor. In der Schweiz entscheidet der EDK-Vorstand. Die letzten Anpassungen der deutschen Rechtschreibung stammen aus dem Jahr 2024, wie das EDK-Generalsekretariat auf Anfrage bekanntgab.

Welche Elemente der ersten Reform der 1990er-Jahre hatten Bestand, und was wurde wieder gestrichen?
Bestand hatten die Änderungen beispielsweise bei «Gämse» und «Stängel», während «Majonäse» nach 2006 nicht mehr toleriert wurde. Gültig blieb etwa auch die neue Trennweise von Wörtern wie Zucker und Bäcker. Bestand hatte etwa auch, dass nach Adverbien wie «gestern» und «heute» die Tageszeit neu grossgeschrieben wird.

Wie wurde die neue deutsche Rechtschreibung nach 2006 akzeptiert?
Die Kritik verstummte nicht. 2006 wurde in der Schweiz «angesichts der alten und neuen Mängel» von Praktikern aus Verlagen, Sprachwissenschaft, Schule und Politik die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) gegründet. Sie meldete sich kürzlich zum zweifachen Jahrestag der neuen deutschen Rechtschreibung (erste Reform 1996, zweite Reform 2006) und zu ihrem 20-Jahr-Jubiläum mit einer Medienmitteilung zu Wort. Darin schreibt sie, die Mängel des amtlichen Regelwerks von 2006 blieben bis heute fast unverändert bestehen. «Nach wie vor ist es amtlich verboten, längst übliche deutsche Wörter wie das 500-jährige ‹jedesmal› zu verwenden, nach wie vor können wir nicht wissen, ob mit einem ‹wohl bekannten Mangel› ein allen bekannter oder ein eher unbekannter gemeint ist», schreibt die SOK in diesem Communiqué. Sie fordert, dass die staatlichen Instanzen ihre Zuständigkeit für die Rechtschreibung abgeben und dass das amtliche Regelwerk in seiner heutigen Form unabhängig überprüft wird. Auf ihrer Homepage gibt die SOK eine Vielzahl von Empfehlungen ab, mit Wörterlisten, «Wegweisern», Analysen und Fragen/Antworten. Einen wichtigen Platz nimmt auf der SOK-Homepage die Empfehlung ein, bei Varianten die herkömmliche zu wählen. Diese Empfehlung bezieht sich auf den Umstand, dass der Duden, der sich auf die Beschlüsse des zwischenstaatlichen Rats für deutsche Rechtschreibung stützt, sehr oft Varianten zulässt. Beispiel: Die SOK empfiehlt, wie bisher «Delphin» zu schreiben. Der Duden empfiehlt «Delfin» und bezeichnet «Delphin» als «alternative Schreibung».

Wie gehen Schweizer Medien heute mit der neuen deutschen Rechtschreibung um?
In einem Eintrag aus dem Jahr 2013 auf ihrer Homepage schreibt die SOK, zum Prinzip «bei Varianten die herkömmliche» bekannten sich unter anderem die Nachrichtenagentur Keystone-SDA, die NZZ, deutsche Zeitungen, Schweizer Zeitungen wie die Basler Zeitung (heute von Tamedia herausgegeben) und der deutsche Reclam-Verlag.

Anfragen bei diesen Unternehmen zeigen, dass diese Angaben teilweise veraltet sind. Beim Reclam-Verlag heisst es, für den Kernbereich des Reclam-Verlags, die Ausgaben deutscher Klassiker, habe es immer hauseigene Modernisierungsregeln gegeben. Bei Neuerscheinungen habe sich der Verlag zeitweilig bei Neuerscheinungen an den SOK-Regeln orientiert, «wenn auch nicht in vollem Umfang». Dies sei allerdings bereits 2015 zugunsten der geltenden amtlichen Regeln aufgegeben worden, unter Bevorzugung der konservativen Schreibung im Fall von Varianten.

Im Tamedia-Verlag dient der Duden als Grundlage für die Rechtschreibung. Bei einer Variantenauswahl folge man mit Ausnahmen den Empfehlungen der Duden-Redaktion. «Die SOK findet so gut wie keine Beachtung.»

Die NZZ-Gruppe wendet die Rechtschreiberegeln «in einer von uns als sinnvoll erachteten Form» an. «Die Empfehlungen der SOK sind für unsere Festlegungen nicht massgebend.» In einigen wenigen Bereichen weiche die NZZ-Gruppe von der Schreibweise des Dudens ab, und lasse der Duden mehrere Formen zu, würden in der Regeln die traditionelleren verwendet.

Die Nachrichtenagentur Keystone-SDA hält sich im Unterschied zu anderen deutschsprachigen Nachrichtenagenturen an den Grundsatz «bei Varianten die herkömmliche Schreibweise». Sie wendet somit in einigen Fällen gemäss Empfehlungen der SOK die neue Rechtschreibung nicht an. Auch sie schreibt aber beispielsweise «8-fach» und nicht wie von der SOK empfohlen «8fach».

Die SOK sagt zu diesen Angaben, wenn der Tamedia-Verlag den Empfehlungen der Duden-Redaktion folge, verwende er in vielen Fällen wieder die herkömmliche Schreibweise. Denn der Duden empfehle oft die herkömmliche Schreibweise, etwa bei «achtgeben» (statt «Acht geben» – ist aber laut Duden auch zulässig). «In Wirklichkeit halten sich heute viele Qualitätsmedien an die Empfehlung der SOK, wissen es nur nicht (mehr)», so die SOK.

Was sagen die Schweizer Behörden zur heutigen Situation?
Der Leiter Kommunikation bei der EDK, Stefan Kunfermann, schreibt auf Anfrage: «Dem Generalsekretariat der Konferenz der 26 kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren sind weder Unruhen noch Klagen von Lehrpersonen bekannt. Auf Stufe der EDK gibt es hierzu aktuell keine Diskussionen.»

Welches Fazit lässt sich aus diesen Angaben ziehen?
In der Schweiz haben sich offensichtlich teilweise die amtlichen Regeln, teilweise die Vorschläge der SOK durchgesetzt. So zeigt etwa ein Blick in das Schweizerische Medienarchiv SMD, dass etliche Medien – wie von der SOK empfohlen – «bekanntgeben» verwenden, aber auch etliche «infrage stellen» (und nicht «in Frage stellen», wie von der SOK empfohlen). Entschärft hat sich die Rechtschreibediskussion wohl auch, weil der Duden sehr oft Varianten zulässt. Ausserdem spielt wohl die Rechtschreibung in Zeiten von künstlicher Intelligenz und digitalen Korrekturprogrammen für viele Menschen eine weniger grosse Rolle als auch schon.

von Rainer Schneuwly (Keystone-SDA)



Diese Regeln haben die Reform der Rechtschreibereform überlebt

1998 trat in den deutschsprachigen Ländern eine Reform der Rechtschreiberegeln in Kraft. Mehrere Neuerungen wurden aber nach Kritik zurückgenommen. Folgende Regeln der Rechtschreibereform haben überlebt, wie der deutsche Rechtschreibeexperte Christian Stang schreibt:

Möglichst alle Wörter einer Wortfamilie werden gleich geschrieben: platzieren statt plazieren, Potenzial neben Potential, Albtraum neben Alptraum, behände statt behende, Gämse statt Gemse. Ausserdem: Schifffahrt statt Schiffahrt, Känguru statt Känguruh.

Viele Fremdwörter können eingedeutscht geschrieben werden: Orthografie neben Orthographie, Paragraf neben Paragraph. Doch bleiben Orthographie und Paragraph weiterhin gültig. Das gilt etwa auch für schweizerische Formen, die an der französischen Form festhalten (Communiqué – in Deutschland Kommuniqué). Neu nicht mehr gültig ist Photographie (nur noch Fotografie).

Wörter mit «st» und «ck» werden nicht mehr so umständlich getrennt wie früher (Fen-ster, Bäk-ker), sondern neu als Fens-ter und Bä-cker. Zusammensetzungen, die nicht mehr als solche erkannt werden, können wie einfache Wörter getrennt werden: Hek-tar (oder Hekt-ar), Manus-kript (oder Manu-skript).

Tageszeiten werden nach Adverbien wie «heute» oder «morgen» neu konsequent grossgeschrieben: heute Mittag statt heute mittag.

Verbindungen mit «irgend» werden neu generell zusammengeschrieben: irgendjemand, irgendetwas. Bei verschiedenen Grenzfällen sind zwei Varianten möglich: mit Hilfe von ist ebenso gültig wie mithilfe von.

Zusammensetzungen mit Ziffern erhalten seit der Rechtschreibereform einen Bindestrich: Der 18-Jährige, 100-prozentig.

Hauptsätze, die mit «und» beziehungsweise «oder» verbunden sind, können, aber müssen nicht mehr mit Komma voneinander getrennt werden: Kira arbeitet auf dem Notebook(,) und Mike liest ein Buch. (sda/cbe)


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KOMMENTARE

Madeleine Andermatt
24.07.2026 10:56 Uhr
Zur besseren Übersichtlichkeit hätte mir gefallen, wenn alle genannten Beispiele extrahiert und separat dargestellt worden wären.