Im Flugzeug, mit dem Elisabeth Baume-Schneider am Mittwoch aus der nigerianischen Hauptstadt Abuja nach Bern zurückreiste, lagen mehrere Kartons, die auf den ersten Blick unprätentiös aussahen – aber einen Schatz nigerianischen Filmschaffens enthielten: den Spielfilm «Kulba Na Barna (Blaming the Innocent)» aus dem Jahr 1992. Es handelt sich um das Zelluloid-Original eines Films, der als historischer Meilenstein zwischen dem analogen Filmschaffen und dem Aufkommen von Nollywood, dem digitalen nigerianischen Kino, gilt. Von dem Film existiert nur eine weitere Kopie, die sich in Berlin befindet und in schlechtem Zustand ist.
Dieses Original soll nun in Lausanne an der Cinémathèque Suisse restauriert und digitalisiert werden. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der Nigerian Film Corporation (NFC) und mit dem Arsenal Filminstitut in Berlin.
Erstes Film-Lab in Westafrika
Hinter diesem Netzwerk steht Vinzenz Hediger, der seit vergangenem Januar Direktor der Cinémathèque Suisse ist. Zuvor war er ab 2011 Professor für Filmwissenschaft an der Goethe Universität Frankfurt, wo er in Kooperation mit dem Deutschen Filminstitut und Filmmuseum den Masterstudiengang Filmkultur aufgebaut hat. In vergleichbarer Form wird dieser seit 2019 auch von der University of Jos im Zentrum Nigerias und dem NFC angeboten.
Regisseur von «Kulba Na Barna» ist Brendan Shehu. Für die nigerianische Filmwirtschaft hat er eine zentrale Rolle gespielt. Er wurde 1985 Managing Director der damals noch jungen staatlichen Agentur zur Förderung der Filmproduktion NFC. Shehu verlegte den Hauptsitz der Agentur von Lagos nach Jos und richtete dort das erste und bislang einzige Film-Laboratorium seiner Art in Westafrika ein. Mit diesem Film-Lab, das von 1987 bis 2007 arbeitete, konnte die NFC Filme ganz in Nigeria produzieren, ohne sie für die Entwicklung und Postproduktion nach Europa schicken zu müssen.
Shehu hatte bis 1992 Dokumentar- und Schulungsfilme gemacht, «Kulba Na Barna» war sein erster langer Spielfilm. Er ist aus mehreren Gründen relevant, wie Vinzenz Hediger zur Nachrichtenagentur Keystone-SDA sagt. «Der Film steht in exemplarischer Weise für den Willen eines postkolonialen Nationalstaats in Afrika, ein eigenes Kino aufzubauen.» Zudem markiere der Film das Ende der analogen und Zelluloid-basierten Spielfilmproduktion in Nigeria.
Postkoloniale Probleme lösen
Und, so Hediger weiter: Shehus Film übersetze «in exemplarischer Weise eine entwicklungspolitische Programmatik der Zeit in eine künstlerische Form: das Plädoyer für höhere Schulbildung für Frauen». Er basiert also auf der Erkenntnis, dass viele Probleme postkolonialer Gesellschaften, etwa hohe Kindersterblichkeit und rasches Bevölkerungswachstum, gelöst werden können, wenn Frauen eine Schulbildung erhalten und ins Arbeitsleben eingebunden werden.
«Der Film verbindet dabei auf durchaus kunstvolle Weise den Wertehorizont des im Norden von Nigeria dominanten Islam mit dieser progressiven Agenda», sagt Hediger. Denn am Ende erhält der Bösewicht des Films seine gerechte Strafe von einem Scharia-Gericht. «Die Verhandlung islamischer Wertvorstellungen in dem Film ist umso bemerkenswerter, als Brendan Shehu selbst tief gläubiger Katholik ist, der jedoch mit einer Muslima verheiratet ist.»
An der Restaurierung werden Filmleute aus Nigeria beteiligt sein. Sie erhalten damit die Möglichkeit, sich in den technischen Prozessen der digitalen Restaurierung weiterzubilden. Hediger verweist in diesem Zusammenhang auf das «in dieser Hinsicht weltweit führende Laboratorium der Cinémathèque». Das restaurierte Original wird an Nigeria zurückgegeben und die digitale Kopie in die Sammlung der Cinémathèque aufgenommen. Sie steht dann für Aufführungen in der Schweiz zur Verfügung.
«Von unschätzbarem Wert»
Auch das zweite Projekt, das Hediger in Nigeria angestossen hat, dreht sich um das Erbe dieses Landes. Mit dem Centre of Black Arts and Civilisation (CBAAC) in Lagos hat er ein Memorandum of Understanding unterschrieben. Auch hier geht es um ein Digitalisierungsprojekt, jedoch weit umfangreicher.
Das CBAAC hat in seiner Sammlung Kunstwerke, Textelemente, Tonaufnahmen und Fotografien sowie rund 1800 Film- und Videoaufnahmen, die das panafrikanische Festival der Künste Festac 77 dokumentieren. Dieses Festival fand im Februar 1977 in Nigeria statt und gilt als wichtige Wegmarke für afrikanisches Selbstverständnis in der Zeit nach der Dekolonisierung. Und: Nigeria markierte mit dem Festival seine Führungsrolle im Kampf Afrikas gegen Apartheid. Vor diesem Hintergrund sei das Filmarchiv von CBAAC «von unschätzbarem Wert», sagt Hediger.
Das CBAAC und die Cinémathèque wollen nun die Videobänder restaurieren und digitalisieren. In einem ersten Schritt sollen entsprechende Verfahren in Lausanne entwickelt werden – ein «gemeinsamer Lernprozess», wie Hediger sagt. Die Cinémathèque verfüge zwar über die technischen Mittel und das Fachwissen für Videodigitalisierung, habe aber bislang «kein Digitalisierungs- und Restaurierungsvorhaben in diesem Umfang für Videobänder realisiert».
In einem zweiten Schritt sollen dann die Mitarbeitenden von CBAAC in Lagos die Digitalisierung durchführen. Und in einem dritten Schritt soll eine Lösung für digitale Langzeitarchivierung entstehen. Es geht also darum, dass die Cinémathèque wie das CBAAC lernen, wie die prekären Videobestände, die zum Weltkulturerbe gehören, erhalten und langfristig in einem Archiv aufbewahrt werden können. (sda/spo)
Von Andrea Fiedler (Keystone-SDA), Abuja

