19.04.2007

"Es ist tragisch, dass Casting-Shows etwas Falsches vorgaukeln"

Klaus Doldinger hat über 2000 Kompositionen für Film und Fernsehen geschaffen. Oft wird sein Werk auf die Filmmusik zu "Das Boot" und die "Tatort"-Titelmelodie reduziert. Doch als Jazzmusiker tritt er seit 53 Jahren auf den Bühnen dieser Welt auf -- heute Freitag in Zürich. Auch mit 70 Jahren ist seine feurige Leidenschaft für die Musik nicht ein bisschen verflogen. Zum Glühen bringen ihn aber auch die Casting-Shows: "Die brauch ich überhaupt nicht!" Das Interview:
"Es ist tragisch, dass Casting-Shows etwas Falsches vorgaukeln"

Klaus Doldinger, werden Sie lieber als Filmmusikkomponist oder als Jazz-Musiker angesprochen?

Am liebsten als Musiker und Komponist. Die Eingrenzung auf ein spezielles Metier reicht bei mir nicht. Der Jazz war und ist bei mir das auslösende Element für alle Kompositionen. Jazz bietet die Möglichkeit frei zu interpretieren und zu improvisieren. Auch meine Kompositionen, die nicht jazzig sind -- wie beispielsweise die Musik für "Das Boot" -- wurden aus dieser Improvisations-Fähigkeit heraus geboren.

Stört es Sie, dass man Ihr musikalisches Werk oft auf die Musik zum Film "Das Boot" und die Titelmelodie der Krimireihe "Tatort" reduziert?

Wenn man bedenkt, wie viele Musiker und Komponisten es gibt, deren Schaffen gar nicht bekannt ist, freut es mich, wenn man mich überhaupt noch auf etwas anspricht. Insofern befinde ich mich in einer glücklichen Lage.

Haben Sie sich bei der Komposition vorstellen können, dass die Melodien zu "Das Boot" und "Tatort" solche Klassiker werden?

Das weiss man vorher niemals. Bei jeder künstlerischen Arbeit springt man ins kalte Wasser. Nach jeder Veröffentlichung beginnt das grosse Warten. Ich lasse mich da jeweils gerne überraschen, wie zum Beispiel von einer Anfrage, die mich kürzlich aus Hollywood erreicht hat. Die möchten für einen Major-Film ein Stück von mir, das ich 1969 komponiert habe für den Soundtrack verwenden.

Sie sind auch Hitlieferant für Künstler, die ihre Stücke für Remixes verwenden. Alex Christensen hatte mit seinem Projekt U96 grossen Erfolg. Gefallen Ihnen diese Neuinterpretationen?

Ich falle den Kollegen, die das versuchen nicht in den Rücken. Der Erfolg dieses Remixes spricht für sich. Ich hätte es anders gemacht, das gebe ich zu. Es bestünde ja meinerseits die Möglichkeit, die Anfragen für Remixes abzulehnen, aber ich will kein Spielverderber sein.

Sie sind mit 70 Jahren in einem Alter, in dem man sich völlig zurecht auf seinen Lorbeeren ausruhen dürfte. Was treibt Sie dazu an, immer noch auf Konzert-Tournee zu gehen? Könne Sie nicht ohne den Applaus leben?

Mein Antrieb sind die Leidenschaft für die Musik und die Freude daran, sie auf der Bühne präsentieren zu können. Der Applaus ist eine schöne Dreingabe, aber es ist das Spielen an sich, das mir den grössten Spass bereitet. Wenn dann noch Leute kommen und sich mit mir freuen -- umso besser.

Sie geben nun heute Freitag ein Konzert in Zürich. Hat die Limmatstadt ein gutes Jazz-Publikum?

Ich komme seit bald 40 Jahren für Konzerte nach Zürich. Die Schweiz ist in Sachen Jazz sowieso hervorragend aufgestellt. Ich erinnere da nur mal an das Festival in Montreux, an dem wir auch schon aufgetreten sind.

Wir haben aber auch Casting-Shows wie "MusicStar". Was halten Sie von der Suche am Fernsehen nach "Superstars"?

Die brauch ich überhaupt nicht! Wenn schon, dann sollten die Nachwuchskünstler was eigenes präsentieren. Es macht doch keinen Sinn, eine Aretha Franklin oder eine Tina Turner bis zur Gestik hin zu imitieren. Diese Casting-Shows kranken an einer Art von gestellter Performance, die nicht nach vorne führt. Der Erfolg ist höchstens im Moment da. Die Gewinner solcher Shows als "Superstars" zu bezeichnen ist sowieso eine Verfälschung. Schauen sie sich mal die Lebensläufe richtiger Superstars wie Frank Sinatra, Stevie Wonder oder Rod Stewart an. Diese Künstler wurden aus sich heraus zu dem, was sie heute sind. Es ist tragisch, dass Casting-Shows der Jugend etwas Falsches vorgaukeln.

Würden Sie denn in den Tenor einstimmen, dass früher alles besser war?

Nein, das bildet man sich nur ein. Im Grunde genommen hat sich nicht wahnsinnig viel geändert. Natürlich ist mit der digitalen Welt das Raubkopieren ein ernstes Thema geworden. Man muss sehen, dass die Tonträgerindustrie in den 70er und 80er Jahren einen riesigen Aufschwung genommen hat. Es war abzusehen, dass es nicht immer so weiter gehen kann. Die digitale Welt ist die logische Weiterentwicklung der Technologie, welche damals zu diesem Aufschwung geführt hat. Nun entwickelt sich der Markt auf eine normale Grösse zurück. Es ist nur die Frage, ob noch gleichviel Künstler von der Musik leben werden können, wenn das Urheberrecht immer mehr ausgehöhlt wird.

(Interview: Stefan Wyss)


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