19.11.2025

Betty Bossi

«Hallo Betty» zwischen Fakt und Fiktion

Der Film erzählt von der Erfindung einer der bekanntesten Marken der Schweiz. Er läuft am Donnerstag an. Was ist dabei Fakt und was ist Fiktion? persoenlich.com hat recherchiert und unter anderem ein rares TV-Interview von Werberin Emmi Creola-Maag ausgegraben.
Betty Bossi: «Hallo Betty» zwischen Fakt und Fiktion
Betty Bossi ist eine der wenigen Kunstfiguren der Lebensmittelbranche, die bis heute existieren. (Bild: Betty Bossi)

Unilever-Agentur

Im Film kommt der Agenturname nicht vor. Emmi Creola-Maag arbeitete bei der Lintas. Diese war als Inhouse-Agentur des Seifenherstellers Lever Brothers gegründet worden, eine Firma die 1930 durch eine Fusion zu Unilever werden würde. Ab dann war die Agentur unabhängig, arbeitete aber noch eng mit den Unternehmen von Unilever zusammen. Heute ist der Name Lintas in der Schweiz nicht mehr präsent. Er verschwand vor mehr als zwei Jahrzehnten, als GGK Basel die Agentur übernommen hat, wie sich Werbeveteran Peter Leutenegger auf Anfrage von persoenlich.com erinnert. 

Vorbild aus den USA

Wie der Film erzählt, hat Emmi Creola-Maag als Texterin für Astra gearbeitet. Das Unternehmen, das unter anderem Öle und Margarine produzierte, gehörte Unilever. In einem Interview in der SRF-Sendung «Quer» aus dem Jahr 2000 erklärte Creola-Maag, dass dies kein einfacher Job war, da man Öle nicht einfach so probieren kann. Sie kam deshalb auf die Idee, eine Beratung für die Konsumentinnen zu kreieren. Ihre Verkörperung würde Betty Bossi werden. Das Vorbild dafür fand die Werberin in den USA. Praktisch alle amerikanischen Lebensmittelfirmen setzten damals auf «Home Economists» (Hauswirtschaftspezialistinnen), um die Konsumentinnen anzusprechen.

Betty Bossi war nicht allein

Die Figuren der Hauswirtschaftsspezialistinnen waren verbreitet. Astra hatte bereits eine Vertreterin in Frankreich unter dem Namen «Françoise Bernard». In der Schweiz hatte auch Nestlé eine Kunstfigur kreiert. «Marianne Berger» verkörperte die Marke Maggi ab 1956. Diese hatte sogar ein gleichnamiges Institut. Während die Verantwortliche von Françoise Bernard auch die Kunstfigur selber verkörperte, posierte Creola-Maag nur einmal als Betty Bossi, schreibt Forscherin Léa Marie d'Avigneau in einem wissenschaftlichen Artikel. Er erschien in der französischen Fachzeitschrift Genre & Histoire.

Umstrittener Ursprung

Im Film profitiert ein ehrgeiziger Kreativer davon, dass Emmi Creola-Maag als Frau nicht ernst genommen wird. Er entwickelt ein Konzept auf Basis ihrer Idee einer Kunstfigur. Auch in Wirklichkeit ist der Ursprung der Idee umstritten. Der damalige Marketing-Chef von Astra, Caspar Schweizer, beanspruchte ebenfalls die Vaterschaft der Kunstfigur. Auf die Idee wäre er nach einer Reise in Nordamerika gekommen.

Ein Name aus dem Telefonbuch

In einer Szene von «Hallo Betty» sieht man, wie Emmi Creola-Maag – verkörpert von Schauspielerin Sarah Spale – zum Telefonbuch greift auf der Suche nach einem Namen für ihre Kunstfigur. Und so kam die Werberin tatsächlich zum Nachnamen. «Er musste kurz sein, gut verständlich, in allen Sprachen sprechbar so, wie man ihn schreibt», sagte sie in einem Radio-Interview von 2006 - nur einige Monate vor ihrem Tod. Im Telefonbuch merkte sie, dass es viele Bossis gab. Der Name war ihr vertraut, da sie selbst jemanden mit diesem Nachnamen kannte. Für «Betty» musste Creola-Maag nicht lange suchen. Betty Crocker, die bis heute für General Mills wirbt, war damals schon eine berühmte Kunstfigur der amerikanischen Hauswirtschaft. «Ich fand, es war ein guter Kochname, so rund und gmögig.» Und der Vorname war auch in der Schweiz bekannt. Die Schwester von Gottfried Keller hiess auch Betty, so Creola-Maag.

Ein Erfolgsrezept

Das Konzept der Beratung war ein Volltreffer. «Es sind immer mehr Fragen gekommen», erinnerte sich Creola-Maag. «Die häufigste war: ‹Warum werden Plätzli so zäh?›». In den ersten Jahren erschien die Betty Bossi Post dreimal jährlich, schreibt die Medienstelle von Betty Bossi auf Anfrage. Der Inhalt passte auf eine beidseitig bedruckte Zeitungsseite. Das Blatt wurde in den Lebensmittelläden gratis aufgelegt. Nach zwei Jahren stellte Creola-Maag eine Assistentin ein und später noch einen Koch. Der Umfang der Zeitung wurde mit der Zeit breiter und 1966 wurde ein Abonnement eingeführt. Creola-Maag war 15 Jahre lang für die Publikation als Chefredaktorin verantwortlich. 1971 liess sie sich frühpensionieren. Die Publikation ging weiter. 1977 wurde Betty Bossi als Verlag innerhalb von Unilever selbstständig. Ringier übernahm ihn 1995. Seit 2012 gehört die Marke zu Coop. Heute erscheint die Betty Bossi Zeitung zehnmal im Jahr und zählt nach eigenen Angaben 422'000 Abonnenten.

Es gab keine Fernsehsendung

Im Film hat der junge Kreative, der Betty Bossi für sich beanspruchen will, eine Vision: Die «Köchin der Nation» soll eine eigene Kochsendung im Fernsehen erhalten. Eine Szene zeigt die Vorbereitungen im Studio. Da erscheint auch Moderatorin Heidi Abel (gespielt von Antoinette Ullrich), eine der markanten Fernsehfiguren aus dieser Zeit. Alle sind zum Dreh bereit, als die Aufnahme von einer Breaking News unterbrochen wird: Russland hat gerade den Sputnik-Satelliten ins All geschickt. In Wirklichkeit gab es nie ein solches Projekt. Das sei «reine Fiktion», erklärt Filmproduzent Peter Reichenbach auf Anfrage. Eine Kochsendung hatte das Schweizer Fernsehen lange nicht, heisst es beim SRF-Archiv auf Anfrage. Ab den 1960er-Jahren waren Rezepte Teil der verschiedenen Frauensendungen (Magazin der Frau, Tips für Sie). Eine erste berühmte TV-Köchin war Elfie Casty, diese hat regelmässig in der Vorabendsendung «Karussell» gekocht. Viel später erschien Betty Bossi im Rahmen einer SRF-Sendung: Es war «Al Dente», moderiert von Sven Epiney. Der Verlag verantwortete die Produktion und TV-Köchin Sibylle Sager war Rezeptredaktorin bei Betty Bossi. Das Format lief von 2001 bis 2010.

Berühmte Unterschrift

Die bekannte Unterschrift von Betty Bossi stammt tatsächlich aus Creola-Maags eigener Hand. An der Filmpremiere in Zürich zeigte sich ihre Tochter Ines Diacon gerührt, die Handschrift ihrer Mutter auf den Filmplakaten zu sehen.


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