«Wenn du dein Studium nicht abschliesst, werde ich dir keine Stelle geben.» Diesen Satz sprach Karl Lüönd im Frühling 1990 zu mir. Ich war 25 Jahre jung, zwölf Monate fehlten mir zum Abschluss meines Anglistik- und Romanistik-Studiums, zwei Jahre für das Diplom des Höheren Lehramts. Nebenbei schrieb ich Artikel für die Gratiszeitung Züri Woche, die Karl Lüönd mitgegründet hatte und deren Chefredaktor er war. Ich war damals so fasziniert vom Journalismus, hatte 1000 Ideen für Geschichten und wollte plötzlich nur noch meine kreative Ader ausleben, statt Linguistik, Literatur und Didaktik zu büffeln. Doch Karl Lüönd, der mich nur aufgrund eines in seinen Augen «brillant geschriebenen» Leserbriefs, also sozusagen blind, als Greenhorn-Freelance-Journalistin engagiert hatte, war dagegen. «Einen Studienabschluss kann dir niemand nehmen. Halt durch, du weisst nie, was passiert.» Und er sollte recht behalten.
Ich schloss mein Phil-I-Studium ab und absolvierte alle Praktika für das Höhere Lehramt. Mein Berufsziel schon aus Kinderzeiten, einst am Gymnasium Englisch und Französisch zu unterrichten, legte ich aber umgehend auf Eis, als ich das Uni-Diplom in den Händen hielt. Das Journi-Virus hatte mich zu sehr infiziert. Ich wollte ganz in den Journalismus eintauchen.
Karl Lüönd gab mir im Nu das Go für meine Idee einer wöchentlichen Serie, «Züri Jugend Aktiv», in welcher ich originelle Jungunternehmer (vom fahrenden Glacéverkäufer bis zum Snowboard-Konstrukteur) porträtierte. Ein Jahr später bereits vertraute er mir die Realisation meiner eigenen Seite, «Paola's People», an und legte damit den Grundstein für meine jahrzehntelange Karriere als Gesellschaftsjournalistin.
Karl Lüönd bekräftigte mich bei allen Geschichten mit seinem ausgeprägten journalistischen Fachwissen. Er war ein engagierter Mentor, 100 Prozent diskret, ohne Machtgehabe, ein in allen Belangen souveräner Chefredaktor mit einer pointierten Schreibe, einer klaren politischen Meinung und viel Empathie für seine Mitmenschen. Als das Handy aufkam und ich überzeugt war, ich würde eins brauchen, schüttelte er schmunzelnd den Kopf und sagte: «Ich verstehe zwar nicht, was so ein Gerät soll, aber wenn du es brauchst, dann kaufen wir es halt.» Kurzum: Karl Lüönd war in jeder Hinsicht ein Vorbild!
Sogar als ich einmal im News-Journalismus aushalf, in einer heiklen Zürcher Mordgeschichte einer verdächtigen Person den falschen Namen zuschrieb, damit einen Shitstorm gegen die Züri Woche auslöste und allen Grund für eine Abmahnung verdient hätte, blieb er gelassen und legte mir unter vier Augen lediglich eine der Grundregeln des Journalismus nahe: «Es gibt nichts Schlimmeres als fehlerhafte Namen. Sei in Zukunft sorgfältiger, kontrolliere jede Namensnennung von Personen, Städten oder Kanton zwei- oder dreimal.» Diesem Ratschlag bin ich bis heute treu geblieben.
Es dauerte knapp zwei Jahre nach meinem Start bei der Züri Woche, da klopfte der Blick an und wollte mich abwerben. Mir war klar, dass ich den Schritt vom regionalen in den landesweiten Journalismus machen musste, wenn ich weiterkommen wollte. Mit schlechtem Gewissen trat ich zu Karl Lüönd ins Büro und teilte meinem Förderer meine Abgangsabsicht mit. Er reagierte wie immer, souverän-ruhig, meinte nur augenzwinkernd mit seiner warmen Stimme: «Es hat mich eh gewundert, dass ich dich so lange behalten konnte. Geh deinen Weg, du wirst Karriere machen.» Und wieder sollte er recht behalten.
Ich verdiente meine Sporen als Reporterin beim Blick und bei der Schweizer Illustrierten ab, kletterte bei Ringier die Karriereleiter hoch zur Unterhaltungschefin verschiedener Produkte. Karl Lüönd blieb mein Wegbegleiter, gratulierte mir zu jedem Schritt, schriftlich oder per Telefon, und fütterte mich mit väterlich-kollegialen Ratschlägen, stilvoll, freundlich und mit Respekt.
Als ich 2005 im Gespräch als Inputerin für das neugegründete Gesellschaftsmagazin «Glanz & Gloria» vom Schweizer Fernsehen war, meldete sich Karl Lüönd bei mir und sagte: «Wenn es noch eine Referenz braucht, sag es mir. Ich bin immer für dich da.» Zehn Jahre später wurde ich zur Redaktionsleiterin des People-Magazins gewählt. Ohne Hochschulabschluss hätte ich diese Position nicht erhalten, das gab man mir beim Assessment klipp und klar zu verstehen. Karl Lüönd umarmte mich wortlos und süffisant lächelnd, als wir uns nach Bekanntgabe meiner Wahl zufällig an einem Event trafen.
Er war es auch, der sich freiwillig für ein Mitschreiben meldete, als letztes Jahr das Jubiläumsbuch zu «20 Jahre G&G» erschien. Und als das SRF wenige Wochen später das Ende der Sendung verkündete, klingelte das Telefon. Karl Lüönd war dran und fragte: «Wie geht es dir?» Ich jammerte minutenlang. Er hörte still zu und meinte: «Ach komm, mach doch was anderes. Es gibt so viel Spannendes.» Als ich mich noch nach seinem Befinden erkundigte, teilte er mir unaufgeregt mit, er habe Krebs und liege im Spital. Er wisse halt auch nicht, wie lange es noch gehe. So war Karl Lüönd halt: Er nahm sich selber viel weniger wichtig als sein Rundherum.
Immer und immer wieder ertappte ich mich im Laufe meiner Karriere, dass ich Karl Lüönds Ratschläge anwandte. Ich förderte jugendliche Journalistinnen und Journalisten auf ihrem Weg, gab Greenhorns intuitiv Chancen, ohne zu wissen, ob sie fruchten würden. Ich riet jungen Menschen ab, ihr Studium abzubrechen. Ich förderte sie mit Teilzeitstellen, damit sie den Master abschliessen konnten. Jede und jeder ist mir bis heute dankbar dafür, so wie ich Karl Lüönd ewig dankbar sein werde.
Nur etwas habe ich von Karl Lüönd nicht geerbt: seine Ruhe und Würde, mit Fehlern von Redaktionsmitarbeitenden umzugehen. Doch immer, wenn ich Fehler schärfer als angebracht kritisierte, kam er mir in den Sinn. Und ich entschied, wenigstens Profit aus Fehlern zu schlagen und jeden «Übeltäter» einen Fünfliber in die Cüplikasse der Redaktion einzahlen zu lassen. Die Kasse war Ende Jahr immer voll, der Weihnachtsapéro gesichert und die Leute zufrieden – nicht zuletzt dank meiner Prägung durch Karl Lüönd. Ich dachte mir: Karl Lüönds Würde habe ich zwar nicht übernommen, aber wenigstens eine Prise seines Humors.
Leb wohl, lieber Kari! Ruhe in Frieden! Ich werde dich nie vergessen!
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05.03.2026 13:27 Uhr

