Am Mittwoch veröffentlichten Tamedia und 20 Minuten eine weitere Umfrage zur SRG-Initiative. Von einer «Zitterpartie um SRG-Halbierung» schrieb der Tages-Anzeiger mit Blick auf das Ergebnis. Man kann es auch ein Kopf-an-Kopf-Rennen nennen: 50 Prozent der Befragten gaben an, «Ja» oder «eher Ja» zu stimmen am 8. März, wenn es an der Urne darum geht, ob das Budget der SRG deutlich gesenkt werden soll. 48 Prozent wollen «Nein» oder «eher Nein» stimmen. Gegenüber der letzten Umfrage im vergangenen Oktober hat das Nein-Lager um vier Prozentpunkte zugelegt. Dabei ist der Anteil jener, die klar mit «Nein» stimmen wollen, von 32 auf 41 Prozent angestiegen. Politologe Lucas Leemann, der im Auftrag von Tamedia und 20 Minuten die Umfrage durchgeführt hat, sieht die Meinungen weitgehend gemacht: «Entscheidend ist am Ende wohl, wer wie stark mobilisieren kann.» Wie beurteilen die Initianten und die Gegner der Vorlage das Umfrageergebnis? persoenlich.com hat nachgefragt.
«Diese Entwicklung ist völlig normal»
Thomas Matter, SVP-Nationalrat und Mitglied im Co-Präsidium des Initiativkomitees, zeigt sich wenig überrascht. «Diese Entwicklung ist völlig normal», teilt Matter mit und erwähnt, was allgemein bekannt ist. «Der Ja-Anteil sinkt meistens bei Volksinitiativen, je näher die Abstimmung rückt.» Für den weiteren Verlauf der Ja-Kampagne sieht Matter keinen Handlungsbedarf. «Wir haben ein kleines Budget zur Verfügung und werden damit unser Möglichstes tun», so der SVP-Politiker. Mit «kleinem Budget» meint er mindestens eine Millionen Franken, wie das Komitee an seiner Medienkonferenz bekannt gegeben hat. Für die weitere Mobilisierung setzen die Befürworter einer Reduktion des SRG-Budgets auf das Kostenargument. Matter: «Wir möchten die Leute mobilisieren, indem wir ihnen aufzeigen, dass sie bei einem Ja am Ende des Jahres mehr Geld im Portemonnaie haben.»
Beim Schweizerische Gewerbeverband (SGV), der sich auch für die Annahme der Initiative starkmacht, führt man die Zunahme des Nein-Anteils primär auf die finanziellen Verhältnisse zurück: Das Nein-Lager verfüge über ein «viel grösseres Budget» und sei entsprechend aktiv, schreibt Simone Hinnen, Leiterin Kommunikation und Kampagnen beim SGV. Dennoch sieht sich der Verband bestätigt, dass das Kernanliegen verfängt, die privaten Haushalte zu entlasten und die Unternehmen von der Abgabe zu befreien.
Verband will Gewerblerinnen und Gewerbler mobilisieren
Für den weiteren Verlauf der Kampagne gibt sich der Verband kämpferisch: Das Resultat an der Urne werde zeigen, ob das Stimmvolk bereit sei, das Gewerbe von dieser «unfairen und verfassungswidrigen Doppelbesteuerung» zu erlösen. Mobilisieren will der SGV dabei gezielt die Gewerblerinnen und Gewerbler, die sich über die Unternehmensabgabe ärgern, obwohl privat bereits Gebühren bezahlt würden. Diese würden ein Ja einlegen, «damit Geld frei wird für das, was wirklich zählt», so Hinnen.
Dass es ums Geld geht, sieht auf der Gegenseite auch Demokratie-Aktivist und Kampagnenprofi Daniel Graf. «Initiativen fürs eigene Portemonnaie wirken am Anfang attraktiv. Das kippt, sobald klar wird, was auf dem Spiel steht.» Die Gegenargumente würden jetzt sichtbarer, und die Nein-Kampagnen sind erst seit Anfang Jahr richtig gestartet. Graf ist erst kürzlich in den Abstimmungskampf eingestiegen mit einer Community-orientierten Kampagne, die Gespräche initiieren will, um so im sozialen Nahbereich gegen den SRG-Abbau zu argumentieren. Die aktuellen Umfragewerte bestätigen Graf in seinem Vorgehen. «Diese Initiative lässt sich nur mit Überzeugungsarbeit bodigen – im Alltag, im Freundeskreis, im Job.»
«Alarmstufe Rot» bei der SP Schweiz
Bei den Gegnern der Halbierungsinitiative zeigt sich insgesamt ein durchzogenes Bild. Von latentem Optimismus bis zu aufgeregtem Alarmismus gab es alle Reaktionen. So verschickte die SP Schweiz kurz nach Veröffentlichung der Umfrageergebnisse am Mittwochmorgen einen Spendenaufruf für eine «Informationsoffensive» gegen die Halbierungsinitiative. Die E-Mail dazu leitet die Partei ein mit: «Alarmstufe Rot! Gemäss einer aktuellen Umfrage droht ein Ja zur Anti-SRG-Initiative.» Und sollte das der Fall sein, dann «füllen Fake News und Desinformation das Vakuum», warnt SP-Co-Präsident Cédric Wermuth.
Zwar nicht alarmiert, aber «besorgt» zeigt sich Laura Zimmermann vom Komitee «Nein zur Halbierungsinitiative». Grundsätzlich sei alles normal mit dem steigenden Nein-Anteil mit der näher rückenden Abstimmung. Gleichzeitig bestätigten die aktuellen Umfrageergebnisse auch die Befürchtungen, «dass es eine sehr knappe Abstimmung werden wird und jede Stimme zählt.» Für die weitere Mobilisierung sei es noch wichtig zu betonen, «dass eine Annahme der Initiative fatal wäre», so Zimmermann. Wie ihre Kampagne das in den nächsten Wochen vermitteln will, verrät sie aber nicht.
«Unsere Leute sind gut mobilisierbar»
Weniger alarmiert oder besorgt zeigt sich derweil die Operation Libero, die auch eine Nein-Kampagne fährt gegen die Halbierungsinitiative. Zwar gibt Co-Geschäftsführer Simon Städeli zu bedenken, dass der Nein-Anteil bei der Umfrage gar nicht so stark zugenommen habe. Hoffnungsfroh stimmt ihn die Entwicklung bei der FDP-Wählerschaft, wo sich der Nein-Trend deutlicher zeigt als im Gesamtbild. An der Kampagne ändern die aktuellen Umfrageergebnisse nichts. «Wir gingen immer davon aus, dass es knapp wird und dass die Mobilisierung extrem wichtig ist», so Städeli auf Anfrage von persoenlich.com. Und im eigenen Umfeld könnte das gut gelingen. «Die Anzeichen deuten darauf hin, dass unsere Leute sehr gut mobilisierbar sind.» Zuletzt warb die Operation Libero mit einem satirischen Autokratie-Leitfaden, den sie an 10'000 Haushalte verschickte, für ein Nein zur SRG-Initiative.
Wie Laura Zimmermann und Operation Libero bringt auch Mark Balsiger viel Kampagnenerfahrung mit, gerade im Medienbereich. So engagierte er sich 2018 gegen die «No Billag»-Initiative aktiv. Mit Blick auf die Tamedia-Umfrage und den weiteren Verlauf des Abstimmungskampfes setzt die «Allianz Pro Medienvielfalt», die Balsiger initiiert hatte, auf Ausdauer und Beharrlichkeit. «Wir kämpfen seit nunmehr vier Jahren gegen die Halbierungsinitiative, weil wir von Anfang an mit einem knappen Ausgang rechneten», so Balsiger. Mit einer gedruckten Abstimmungszeitung, weiteren Onlinevideos mit Stephan Klapproth und Monika Schärer, sowie regelmässigen Postings auf LinkedIn und Facebook will die «Allianz Pro Medienvielfalt» weitere Nein-Stimmen mobilisieren.
Die Wirkung der Pfister-Rede
Dass der Nein-Anteil gemäss den aktuellen Umfrageergebnissen grösser geworden ist, sieht Mark Balsiger einem kurzfristigen Effekt geschuldet. Am 8. Januar fand die Dreikönigstagung des Verlegerverbands statt mit Bundesrat Martin Pfister als Redner. Der Verteidigungsminister sagte unter anderem: «Wenn es um die Medien in einem Land gut bestellt ist, ist es auch um die Sicherheit eines Landes gut bestellt.» Balsiger glaubt, dass dieser Satz nachgehallt hat. Das sieht man auch beim Verband Cinésuisse so, der mit seiner Kampagne «Unsere Kultur retten» im Abstimmungskampf mitmischt. «In einer Zeit, die geprägt ist von internationalen Krisen, wird immer klarer, wie wichtig eine starke SRG auch für verlässliche Information und unsere Sicherheit ist», zeigt sich Salome Horber, Geschäftsführerin des Filmverbands überzeugt. Den Grund für die zunehmende Bereitschaft, die SRG-Initiative abzulehnen, sieht Horber nicht zuletzt darin, «dass Stimmen aus der Kulturbranche zunehmend Gehör finden und deutlich machen, wie ein massiver Abbau bei der SRG unsere eigenen Geschichten, Sprachen und Perspektiven verdrängen würde.»
Wie die Einschätzungen nun auch alle ausfallen mögen: Abgerechnet wird am 8. März.
KOMMENTARE
23.01.2026 22:17 Uhr
22.01.2026 09:56 Uhr

