15.08.2026

Locarno Film Festival

Rumänisches Vater-Sohn-Drama holt Hauptpreis

Der Film «Nu e locul tau aici» («You Don't Belong Here») des rumänischen Regisseurs und Drehbuchautors Florin Șerban hat am 79. Locarno Film Festival den Pardo d'Oro gewonnen. Eine Schweizerin wird mit dem Publikumspreis geehrt.
Locarno Film Festival: Rumänisches Vater-Sohn-Drama holt Hauptpreis
Sein Film hat mit der «Kraft des Drehbuchs, der Einzigartigkeit der Vision und der aussergewöhnlichen Beherrschung der filmischen Sprache» überzeugt: Florin Șerban. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

«Es ist etwas, wovon ich immer geträumt habe: An einem Festival ausgezeichnet werden, das pures Kino ist», sagte Florin Șerban bei der Preisverleihung. «Nu e locul tau aici» («You Don't Belong Here») handelt von einem verwitweten Vater und seinem Teenager-Sohn, der nachts durch die Strassen zieht und randaliert. Als dieser ins Visier der Polizei gerät, stellt dies das Leben des Vaters auf den Kopf. Der Film markiert Șerban Rückkehr zum Spielfilm nach acht Jahren.

Die Jury des internationalen Wettbewerbs hat der Film durch die «Kraft des Drehbuchs, die Einzigartigkeit der Vision und die aussergewöhnliche Beherrschung der filmischen Sprache» überzeugt, wie es in einer Mitteilung der Organisatoren vom Samstag heisst. Der Goldene Leopard ist mit 75'000 Franken dotiert.

Teodor Butănescu, der im Film den Sohn verkörpert, erhielt ausserdem von der Jury eine lobende Erwähnung. «Nu e locul tau aici» gewann schliesslich auch den mit 6000 Franken dotierten ersten Preis der Jugendjury sowie das Europa Cinemas Label. Dieses verschafft dem prämierten Film mehr internationale Sichtbarkeit und bessere Chancen auf einen Kinostart, indem Europa Cinemas Kinos ihn ins Programm aufzunehmen.

Ebenfalls in der Hauptkategorie wurde «A Margem do Rio» («The Riverbank») mit dem Spezialpreis der Jury im Wert von 30'000 Franken gewürdigt. Regie für den Film, in dem zwei Männer in die Tiefen der Mangrovenwälder reisen, führten die brasilianischen Regisseure Matheus Farias und Enock Carvalho.

Erneuter Erfolg für südkoreanischen Regisseur

Im internationalen Wettbewerb geht der Leopard für die beste Regie an den südkoreanischen Regisseur Hong Sangsoo für «Nun Dul Dega Eomne» («Nowhere to Lay My Eyes»). Es ist nicht die erste Auszeichnung für den Südkoreaner in Locarno: 2015 gab es für seinen damaligen Beitrag «Right Now, Wrong Then» gar den Goldenen Leoparden. Neben der besten Regie gibt es dieses Jahr dagegen noch eine der beiden Auszeichnungen für die beste Performance, nämlich für Kim Min-hee.

Sie verkörpert im Film die Ich-Erzählerin Sanghee, die nach zehn Jahren zusammen mit ihrem Bruder ihre Mutter auf der Vulkaninsel Jeju besucht. Gemeinsam mit dem neuen Partner der Mutter spazieren, essen und reden die Protagonisten - alles in einer seltsam emotionslosen Weise. Insbesondere Mutter und Tochter scheinen sich fast fremd zu sein. Nur zwischen der Tochter des Stiefvaters und Sanghee entsteht ein tieferes Gespräch. Sie - die Stiefschwester – ist es auch, die sich als einzige wirklich für Sanghees Kurzfilme interessiert.

Auszeichnung für Monica Bellucci

Monica Bellucci, die nicht persönlich an der Verleihung anwesend war, erhielt den anderen Pardo für die beste schauspielerische Leistung: Die italienische Ikone spielt im Coming-of-Age-Film «Ketticé» von Giovanni Tortorici die Mutter der Hauptfigur.

Der Film zeichnet nach, wie die Jugend Palermos der Perspektivlosigkeit und Schulöde mit Party, Kiffen, Facebook-Chats entkommt. Monica Bellucci setzt darin, als eine, die eigentlich nicht Mutter werden wollte, dem gängigen Mutterbild entgegen. Das ist auch mal komisch.

Während über 25 Jahren gedrehter Dok

In der Sektion «Concorso Cineasti del Presente» konkurrierten 15 Filme, die sich mit einer innovativen oder erfrischenden Filmsprache aktuellen und wichtigen Themen stellen, um einen Goldenen Leoparden. Der mit 35'000 Franken dotierte «Pardo d'Oro» ging an «La ilusión de un verano sin fin» («The Illusion of an Everlasting Summer») von Alessandra Sanguinetti. Die Doku wurde in einem Zeitraum von über 25 Jahren gedreht und begleitet das Leben zweier argentinischer Cousinen von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter.

Die 58-jährige Sanguinetti, eine in Buenos Aires aufgewachsene US-amerikanische Fotografin, ist Mitglied der renommierten Agentur Magnum Photos und hat ihre Arbeiten bereits in weltbekannten Häusern ausgestellt. Ihr Locarno-Beitrag wurde neben dem Hauptpreis in der Sektion «Concorso Cineasti del Presente» auch mit dem mit 15'000 Franken dotierten «Swatch First Feature Award» gewürdigt, der jeweils an ein Erstlingswerk geht. 

Schweizer Filme gingen leer aus

Jene wenigen Schweizer Produktionen, die mit internationalen Filmen konkurrierten, konnten nicht gross absahnen. In der Hauptkategorie, dem «Concorso Internazionale» lief «O Jacaré» des schweizerisch-portugiesischen Regisseurs Basil Da Cunha, über eine verschwundene Raubbeute in einem Lissabonner Vorort. Dieser ging jedoch leer aus.

Auch für den Spielfilm «Small Talk» von Mateo Ybarra gab es nichts zu holen, der in der Wettbewerbssektion «Cineasti del Presente» zu sehen war. Der Film mit der französischen Schauspielerin Hélène Bares folgt einer jungen Frau in eine Schweizer Etikette-Schule, wo sie sich auf ein Leben in elitären Kreisen vorbereiten will. Einzig der Preis der Jugendjury für den besten Autoren-Kurzfilm ging an die Schweizer Minderheitsproduktion «Ãsheghetam» von Filmsaazs.

Die 79. Ausgabe des Locarno Film Festivals, die auch wegen der extremen Hitze in Erinnerung bleiben wird, endet am Samstagabend auf der Piazza Grande mit der Verleihung des Publikumspreises und der Projektion des französischen Films «Ni vue, ni connue» von Marc Fitoussi, in dem Isabelle Huppert, die persönlich anwesend ist, mitspielt.

Schweizerin holt Publikumspreis

Einzig beim Publikumspreis konnte eine Schweizerin überzeugen: Die Regisseurin Petra Volpe, die unter anderem für die Filme «Die göttliche Ordnung» und «Heldin» bekannt ist, wurde für ihren Film «Frank & Louis» mit dem «Prix Public UBS» ausgezeichnet. Der englischsprachige Film erzählt von der Verbindungen zwischen zwei Strafgefangenen. 

«Es ist die höchste Auszeichnung für Filmemachende, denn sie bedeutet, dass der Film bei den Menschen Resonanz findet, für die er gemacht wurde», wurde Volpe in einer Mitteilung der Veranstalter des Filmfestivals vom Samstagabend zitiert. (sda/spo)


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE