Herr Freitag, Sie haben ein Buch mit dem Titel «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?» geschrieben. Nach Fertigstellung Ihres Textes: Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?
Nach mehr als dreissig Jahren in diesem Land steckt ziemlich viel Schweiz in mir. Ich bin pünktlich, zuverlässig, relativ früh auf den Beinen und habe im Schrank Kleiderbügel derselben Machart und in derselben Richtung. Dazu übe ich mich in der Schweizer Grammatik des Zusammenlebens: Ich benutze eher den Konjunktiv als die Befehlsform und verpacke Aufforderungen mit einem Frage- statt einem Ausrufezeichen. Ich widerspreche vorsichtiger, achte stärker auf Zwischentöne und suche eher nach einem Kompromiss, statt mich um jeden Preis durchzusetzen. Zugleich ist der Blick des Zugewanderten geblieben. Ich kann mich über vieles freuen, was Einheimische längst für selbstverständlich halten, und stolpere noch immer über Eigenheiten, die ihnen gar nicht mehr auffallen.
Ganz banal gefragt: Gibt es den typischen Schweizer überhaupt?
Nicht als reale Person, die sämtliche helvetischen Eigenschaften in sich vereint. Die Tessinerin, der Genfer, die Stadtzürcherin und der Bauer aus dem Berner Oberland leben in unterschiedlichen sprachlichen, sozialen und kulturellen Welten. Alter, Bildung, Geschlecht, Herkunft und politische Überzeugung spielen ebenfalls eine grosse Rolle. Wer vom typischen Schweizer spricht, läuft deshalb schnell Gefahr, die Vielfalt des Landes in eine einzige Figur zu pressen. Es gibt jedoch statistische Häufungen und kulturelle Erwartungen. Bestimmte Eigenschaften kommen in der Schweiz häufiger vor oder werden hier stärker belohnt als anderswo.
Welche zum Beispiel?
Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung, Pflichtbewusstsein und Selbstdisziplin sind nicht bloss Folklore. Sie sind soziale Koordinationsleistungen. Sie tragen dazu bei, dass Züge pünktlich fahren, Abmachungen eingehalten werden und Institutionen funktionieren. In internationalen Vergleichen zählt sich ein besonders grosser Anteil der Schweizer Bevölkerung zu den Gewissenhaften. Hinzu kommt eine besondere Form der Gmögigkeit. Damit ist nicht überschwängliche Herzlichkeit gemeint. Schweizer Freundlichkeit ist oft wenig expressiv, dafür zuverlässig: Man lässt einander leben, zeigt sich umgänglich und vermeidet unnötige Grobheiten. Vielleicht ist das besonders schweizerisch: weniger grosse Geste, mehr dauerhafte Anständigkeit. Ein drittes Merkmal ist die Kompromissbereitschaft. Die Schweiz hat über Jahrhunderte gelernt, sprachliche, religiöse, regionale und politische Unterschiede auszuhalten. Der Kompromiss hat nichts Anrüchiges, sondern gilt als legitime Form der Konfliktbearbeitung. Man sucht selbst bei weit auseinanderliegenden Positionen noch nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Das ist oft langsam und umständlich, aber ausgesprochen stabilisierend. Und natürlich gehört auch eine gewisse Nüchternheit dazu. Erfolg wird geschätzt, Prahlerei dagegen sanktioniert. Man hält durchaus viel von sich und seinem Land, sagt es aber nicht zu laut. Euphorie wirkt schnell verdächtig; der Griesgram ist gesellschaftlich häufig besser akzeptiert als der Schwärmer.
Hat sich diese schweizerische Selbsteinschätzung in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, oder sind bereits multinationale Einflüsse spürbar?
Charaktereigenschaften lassen sich nicht so schnell abstreifen. Werte und Einstellungen sind da etwas beweglicher. Während in den 1960er Jahren noch 40 Prozent jemanden, der nach neun Uhr aufsteht, nicht für einen guten Schweizer hielten, denkt mehr als fünfzig Jahre später noch etwa ein Viertel so. Und wer nur eine Landessprache spricht, keinen Militärdienst leistet oder die Nationalhymne nicht mitsingen kann, wird heute wesentlich seltener aus der nationalen Gemeinschaft ausgeschlossen. Die Schweiz ist aber auch multinationaler geworden. Ein grosser Teil der Bevölkerung hat ausländische Wurzeln, Lebensstile haben sich pluralisiert, und globale Medien sowie soziale Netzwerke verändern den Umgangston. Die Menschen sind individueller geworden, Beziehungen weniger dauerhaft und gesellschaftliche Milieus durchlässiger. Soziale Medien belohnen Zuspitzung, Emotionalität und Selbstinszenierung – also vieles, was der traditionellen schweizerischen Zurückhaltung entgegensteht. Trotzdem verschwinden nationale Prägungen nicht einfach. Zugewanderte passen sich an, verändern zugleich aber auch das Land. Swissness ist daher kein abgeschlossenes Erbstück, sondern ein fortlaufender Aushandlungsprozess.
Was sind die Themen, die die Schweizer momentan am meisten umtreiben?
Es wird gerade viel über Identität nachgedacht – darüber, wie das Land trotz Wachstum und Veränderung jene Schweiz bleiben kann, die viele kennen und schätzen. Die Debatten über Zuwanderung, Bevölkerungswachstum, Wohnraum, Verkehr und die sogenannte Zehn-Millionen-Schweiz zeigen dies. Aber auch die Lebenshaltungskosten sind ein Thema. Steigende Mieten, Krankenkassenprämien und Preise erzeugen Abstiegsängste – auch bei Menschen, die objektiv vergleichsweise gut abgesichert sind. Diese Sorgen prägen den Blick auf Chancengerechtigkeit und sozialen Aufstieg. Hinzu kommen Klima und Umwelt, das Verhältnis zu Europa sowie die internationale Rolle der Schweiz. Innenpolitisch wird die Schweiz als sicher, stabil und wohlhabend erlebt; von aussen wird ihr mitunter vorgeworfen, die Vorteile internationaler Zusammenarbeit zu nutzen, ohne ausreichend Verantwortung zu übernehmen. Über all das legt sich eine diffuse Unsicherheit. Mehr als 90 Prozent bezeichnen sich zwar als glücklich, und rund 70 Prozent sind mit ihrem Leben sehr zufrieden. Gleichzeitig empfindet fast die Hälfte die Welt als zunehmend unsicher, und mehr als 40 Prozent blicken wehmütig auf die Vergangenheit zurück. Die Schweiz leidet also nicht primär unter schlechten Verhältnissen, sondern unter der Sorge, gute Verhältnisse verlieren zu können.
Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Buch gekommen?
Der Ausgangspunkt war die Gulliver-Befragung während der Landesausstellung 1964. Damals wurden mehr als 130’000 Menschen gefragt, was eine gute Schweizerin oder einen guten Schweizer ausmacht. Ich wollte wissen, welche Anforderungen heute gelten. Dabei habe ich den alten Kriterienkatalog auf 52 Fragen erweitert. Mich interessieren nicht nur staatsbürgerliche Pflichten, sondern auch Charaktereigenschaften, Emotionen, soziale Beziehungen und politische Haltungen: Muss man gewissenhaft, gmögig oder kompromissbereit sein? Wie wichtig sind Vertrauen, Vereinsengagement und Nachbarschaft? Darf man pessimistisch sein, sich einsam fühlen oder der politischen Elite misstrauen? Das Buch holt meine Forschung aus dem Seminarraum und macht sie spielerisch für alle zugänglich. Demokratie findet schliesslich nicht nur im Bundeshaus statt, sondern überall dort, wo unterschiedliche Menschen aufeinandertreffen – in der Nachbarschaft, im Verein, am Arbeitsplatz und am Stammtisch.
Wie ist die Resonanz?
Das Echo ist grösser, als ich erwartet hatte. Das Buch hat es auf die Schweizer Sachbuch-Bestsellerliste geschafft. Offenbar trifft die Frage nach Identität, Passung und Zugehörigkeit einen Nerv. Viele berichten mir, dass sie sich in einzelnen Beobachtungen wiedererkennen, an anderen reiben und das Buch im Familien- oder Freundeskreis weiterdiskutieren. Genau das war beabsichtigt. Das Buch soll keine amtliche Prüfung darüber sein, ob man zur Schweiz passt. Es soll Selbstverständlichkeiten in Frage stellen und ein Gespräch darüber auslösen, was dieses Land zusammenhält und wo man selbst steht.
Wie verbringen Sie selbst den diesjährigen 1. August?
Im Kreise der Familie in unserem Schrebergarten.
Halten Sie eine 1.-August-Rede? Und wenn nicht, worüber würden Sie sprechen?
Nein. Würde ich eine halten, würde ich über die Kunst des Zusammenlebens sprechen – und darüber, dass die grösste Leistung der Schweiz nicht ihre Einheit, sondern ihr produktiver Umgang mit den Unterschieden im Land ist. Die Schweiz verfügt über aussergewöhnlich viele politische und kulturelle Mechanismen, um Differenzen erträglich zu machen.
Markus Freitag: «Wie viel Schweiz steckt in Ihnen? 52 provokante Fragen zu Ihrer Swissness.» Verlag Hier und Jetzt 2026, 176 S.


