23.01.2012

Italien

Touristen posieren vor "Costa Concordia"

Ort des traurigen Unglücks wird zum Spektakel.

Eigentlich ist im Sommer Hochsaison auf Giglio. Doch nun strömen mitten im toskanischen Winter Journalisten und Touristen in Scharen auf die kleine Insel vor der Westküste Italiens. Seit Freitagnacht vor gut zehn Tagen ist Giglio weltberühmt. Vor ihrer zerklüfteten Küste liegt seither das Wrack der "Costa Concordia" wie ein sterbender Wal in instabiler Seitenlage. Vor allem Festland-Italiener zieht der havarierte Schiffsgigant, in dessen Bauch noch mehrere Tote vermutet werden, an.

Mit Frau, Bruder und Kindern ist Danilo Rossi angereist. "Ich wollte es einfach mit meinen eigenen Augen sehen", sagt der 28-Jährige. "Ich bin absolut sprachlos. Ich fasse es nicht, wie gross es ist, es ist ein schrecklicher Anblick." Doch auf das Erinnerungsfoto mit Handy-Kamera verzichtet kaum einer der Gelegenheits-Paparazzi, die zu Hunderten mit Fähren im Hafen ankommen. "Die Leute kommen aus ganz Italien", sagt Samantha Brizzi, Tourismuschefin auf der 800-Einwohner-Insel. "Sie kommen mit kleinen Kindern, nur für einen Tagesausflug." "Äusserst geschmacklos" finde sie das.

Schul-Exkursionen

Allerdings verdienen die Gastronomen auf der Insel auch ganz gut an den Ausflüglern: Deren Programm besteht in der Regel aus den Schnappschüssen mit Wrack und einer anschliessenden Stärkung in einem der Restaurants oder einer der Bars im Ort. Lehrerin Benedetta macht mit ihrer Klasse einen Schulausflug auf die Insel. "Ich habe meine ganze Klasse mitgenommen, mal sehen, ob wir rauskriegen, was passiert ist", sagt sie. "Wir suchen das Hotel, wo der Kapitän sich nach dem Schiffbruch versteckt hat."

Einer ihrer Schüler, der etwa 15-jährige Filippo, spekuliert angeheizt durch die Medienberichterstattung: "Wer weiss, welche Version wahr ist: Hat (Kapitän) Schettino auf der Brücke getrunken? Wusste (die Kreuzfahrtgesellschaft) Costa davon und vertuschte es?" Um die entscheidenden Stunden des Unglücks vor Giglio ranken sich nach wie vor Spekulationen: Die Staatsanwaltschaft wirft Kapitän Schettino unter anderem fahrlässige Tötung vor.

Er soll das Schiff in einem eigenmächtigen, waghalsigen Manöver gegen einen Felsen vor der Insel Giglio gesteuert haben und anschliessend viel zu lange mit der Evakuierung gewartet haben. Schettino bestreitet Letzteres. Derzeit steht er bei Neapel unter Hausarrest. Fest steht, dass das Kreuzfahrtschiff mit 4230 Menschen an Bord unterwegs war, 13 Todesopfer sind bislang bestätigt, rund 20 weitere Menschen werden noch vermisst. Doch dass im Hintergrund ihrer Fotos ein Schiffskoloss zu sehen ist, der für andere zum Sarg wurde, stört die Gaffer offenbar kaum.

Ab jetzt ist es 'Katastrophen-Tourimus'

Giglio, dessen Bevölkerung im Sommer auf etwa 5000 zumeist erholungsbedürftige Menschen anwächst, sei nun "überall in der Welt bekannt", sagt Bürgermeister Sergio Ortelli. Er hofft, dass seine Insel nicht nur wegen des Wracks in Erinnerung bleibt. "Es gibt so viele schöne Dinge auf dieser Insel zu sehen", sagt Ortelli. Der Anblick des Schiffs sei "die Geschichte eines Augenblicks". "Man macht ein Foto und dann vergisst man's", hofft Ortelli, der lieber die Schönheit des Meeres preist. Die Taxifahrerin Luciana ist pessimistischer: "Alles ist vorbei, alles ist anders. Ab jetzt wird es Katastrophen-Tourismus sein." (sda/afp)


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