03.08.2026

Buch

«Wir behandeln Flüsse zärtlich, als Lebewesen»

Der frühere DRS-3-Programmleiter Bendicht Luginbühl surft seit 45 Jahren in Schweizer Flüssen und hat zusammen mit dem Fotografen Stefan Wermuth den Bildband «La petite mort – Surfen im Fluss» publiziert. Im Interview erzählt er von einer verschworenen Szene, die sich Askese verordnet hat – und von versiegenden Quellen, wegen derer die Flusssurfer auch radikale Umweltmassnahmen mittragen würden.
Buch: «Wir behandeln Flüsse zärtlich, als Lebewesen»
Fluss-Surfer Bendicht Luginbühl (links) auf einer Fotografie von Stefan Wermuth.

Herr Luginbühl, Sie haben zusammen mit dem Fotografen Stefan Wermuth ein Buch mit dem Titel «La petite mort – Surfen im Fluss» publiziert. Wieso dieser ungewöhnliche Titel?
Wir Berner sprechen öfters fliessend Französisch. Ein paar Kilometer westlich spricht man Französisch als Muttersprache. Wir leben nahe an der französischen Kultur. Die Berner Patrizier haben die französische Sprache gepflegt, um sich von den Citoyens und dem Gesindel abzuheben, wie sie es nannten. «La petite mort» bezeichnet seit dem 19. Jahrhundert in poetischer Annäherung «le relâchement total du corps après l’amour», diese grosse, herrliche Leere nach dem sexuellen Höhepunkt. Die Technik des Flusswellenreitens ähnelt dem Erlebnis höchster Wonnen sehr fest: Über eine lange Zeit wird das Bungee-Seil gedehnt, gestreckt, hin zum Punkt, an dem die volle Dehnung erreicht ist. Das Seil zittert und vibriert. Ab dann katapultiert uns das Board in einem sekundenschnellen Rush flussaufwärts, der Strömung entgegen. Am Endpunkt der Fahrt, des Glides, erschlafft das Seil. Wir versinken im kalten Fluss, das Board treibt ab. Et voilà: La petite mort.

Das Buch porträtiert 60 Surferinnen und Surfer. Nach welchen Kriterien wurden diese ausgewählt?
Stefan Wermuth hat rund ein Jahr in diese aufwendige analoge Porträtarbeit mit der Deardorff-8x10-Kamera investiert. Der Tribe der Fluss-Surfer ist nicht einfach so vor die Kamera zu kriegen. Wir zeigen im Buch junge und ältere Surferinnen und Surfer: Der jüngste ist noch nicht 15-jährig, der älteste aktive Surfer wäre dann wohl ich… Eine eindrückliche Mischung von jungen und alten weiblichen und männlichen Fluss-Süchtigen.

Sie gelten als Pionier des Fluss-Surfens. Worin liegt der Unterschied zum herkömmlichen Surfen?
Surfen im Meer braucht den Surf, ein Surfboard, Mut und Gleichgewicht, um die Aqua-Dynamik zu erkennen und abzusurfen. Surfen im Fluss braucht ein Bungee-Seil als Zugmotor gegen die Strömung. Dazu ein Brett oder ein Board. Und den Mut, mit einem reissenden Fluss, der Dynamik eines Bungee-Seils und den Effekten umzugehen, die sich einstellen, wenn man gegen die Strömung flussaufwärts gleitet, mit bis zu 50 km/h …

Sie waren auch ein Pionier und Wegbereiter der Mountainbike-Bewegung. Gibt es da Gemeinsamkeiten?
Thomas «Frischi» Frischknecht, einer der legendären Schweizer Weltklasse-Biker, bezeichnete mich als Pionier der Schweizer Bike-Bewegung. Die Gemeinsamkeiten waren einst: kultige Insider-Fortbewegungsarten. Nichts für die Masse und nichts für Hasenfüsse. Fluss-Surfen ist ein Insider-Groove geblieben, keine Sponsoren, kein Hype, keine Lautsprecher. Fitte Kaltwasser-Menschen, asketische Frauen und Männer. Das war in den Gründerjahren der Bike-Bewegung auch so: Das MTB, das Mountainbike, in Kalifornien rund um den Mount Tamalpais erfunden und entwickelt, war ein Off-Road-Velo für Insider und Abenteurer. Heute ist die MTB-Bewegung zu einer globalen Milliardenindustrie gewachsen. Eine Massenbewegung, mit all ihren wunderbaren und hässlichen Schattierungen. Die Mountainbike-Technologie boostet die gesamte Zweirad-Industrie. Federung, Dämpfung, Scheibenbremsen, ABS – all diese Innovationen haben wir der Entwicklung des Bergvelos zu verdanken.

Sie hatten auf dem Velo einen schweren Unfall. Wie geht es Ihnen heute?
Ich habe mir 2021 bei einem Bikesturz das Genick gebrochen. Nach 290 Tagen war ich zurück im Leben: dank Glück, dank den täglichen fünfstündigen Trainings, dank meinem Coach Pit Nägeli von Kona-Coaching und dank viel PMA, viel Positive Mental Attitude.

Ist Fluss-Surfen auch so gefährlich?
Ich surfe seit rund 45 Jahren aktiv. In dieser Zeit haben, soweit wir das rekonstruieren konnten, 13 Personen den Brettsport mit dem Leben bezahlt. Fluss-Surfen ist heute weniger gefährlich, weil das Bungee-Seil via Trapez in den Händen der Surfenden liegt und bei Stürzen in Sekundenbruchteilen flussaufwärts wegspickt. Jahrzehntelang surften wir mit Brettern, die fest mit dem Zugseil verbunden waren, wie eines auf dem Bild zu sehen ist. So oder so bleibt Fluss-Surfen gefährlich. Auch wir Routiniers beachten die massgeblichen Sicherheitsmassnahmen: stets zu dritt am Wasser, Cut-Knives einsatzbereit, um im Notfall sofort das Zugseil durchtrennen zu können. Es bleiben uns maximal 180 Sekunden zur Bergung, wenn der Surfer im Fluss gefangen bleibt. Selber kannst du dich nicht befreien, der Riss, die Wassermasse von rund 300 Kubikmetern pro Sekunde drückt dich im tiefen Wasser platt.

Wo surfen Sie am liebsten?
Ich gehe gern dahin, wo die Surfer gerade sind. Diese mäandrierenden Gruppen, der bescheidene Umgang innerhalb des Tribe faszinierten mich schon immer. Wir bezeichnen uns als Simple Minds. Wir haben uns alle einem asketischen Lebensstil angenähert. Wir behandelten und behandeln Flüsse zärtlich, als Lebewesen. Das war schon so, bevor nun all die «Flüsse sind Lebewesen»-Bücher geschrieben worden sind. Wir schützen die Flüsse und sehen den überbordenden Konsum-Groove unserer Zeit mit grosser Skepsis. Diese Bescheidenheit, diese Askese zeigt sich in den fantastischen, unretuschierten Porträts von Stefan Wermuth. An diesen Surfenden ist alles echt, Stefan hat hier eine herausragende Arbeit geleistet. Meine Lieblingsspots: in Kalifornien der Russian River an zwei Stellen, der Deschutes River in Oregon. In der Schweiz die Aare, als unbestritten strömungsmächtigster Fluss der Schweiz. In Bern ist es der Stadtstandort Untertorbrücke sowie unsere fixe Installation am Elfenau-Sporen.

Sie waren als Programmleiter eine der prägenden Personen von Radio DRS 3. Hat der Umgang mit einem jungen Hörpublikum Ihre Sportleidenschaft zusätzlich befeuert?
Wir haben damals die Hörerschaft von DRS 3 in gut zwei Jahren auf 1,3 Millionen tägliche Hörerinnen und Hörer erhöht. Unser Leitmotiv war «Musik ist Information», wir haben die Rubriken «Info 3» und «DRS 3 Wirtschaft» auf den Sender gehoben, die KMU-Welt eröffnet, das «Duell der Kantone» erfunden mit «Uri, Schwyz und … Untergang». Und das Thema Outdoor breit auf dem Sender institutionalisiert – mit einem auch für uns erstaunlichen Resultat: Die Menschen in der Schweiz lieben journalistisch gut aufbereitete Outdoor-Themen mehr als alles andere. Es ist mir ein Rätsel geblieben, weshalb die stark unter Druck geratene, leider ideenlose SRG bis heute nicht gemerkt hat, wie viel Hörer- und Zuschauerpotenzial in diesen positiv konnotierten Themen liegt. Ich spreche hier prononciert nicht von den aktuellen Selbstbeweihräucherungs-Formaten, diesen langweiligen Berghütten-Features und der herumhüpfenden Mona Vetsch in Endlos-Schlaufe. Wir sprechen von einer professionellen, institutionalisierten Outdoor-Berichterstattung durch gut geführte Journalismus-Profis in Radio und TV. Ich habe meine Diplomarbeit zum «Marketspace für Special-Interest-Medien» geschrieben, ich kenne also die Potenziale in die analoge Breite und in die digitale Tiefe.

Wie verbringen Sie nun den Sommer?
Mit Schreibarbeiten für ein Buch, mit täglichen Schwimm-Eskapaden, mit groovigen Bike-Touren mit meinem Coach in den endlosen Weiten des Juragebirges, mit meinen Rides26-Velokollegen auf Touren und Trails vom Emmental ins Entlebuch ins Säuliamt, hinüber ins Wallis und über die Berner Alpen zurück ins Mittelland. Angesichts des massiven Verkehrs und der ökologischen Katastrophe, welche Europa überzieht, vermeide ich – bestmöglich – die Herumreiserei mit Autos und Flugzeugen.

Wie geht Fluss-Surfen bei den tiefen Wasserständen zurzeit?
So gut wie gar nicht. Wir liegen derzeit bei unter 100 Kubikmetern pro Sekunde, die Fliessgeschwindigkeit ist tief. Der ganze Tribe der Fluss-Surfer ist seit einigen Jahren besorgt. Die Beobachtungen, die wir machen: Die Bäche liegen im ganzen Land tief oder sind ausgetrocknet, die Gletscher schmelzen ab, aber es kommt kaum mehr Hochwasser herunter, die Flüsse leiden sichtlich extrem. Neulich waren wir auf einem Ride an der Quelle des Flüsschens Trueb im Trubtal, dem längsten Seitental des Emmentals. Die Quelle ist versiegt, die Bauern stehen unter einer enormen Anspannung. Bloss das Agglo-Volk checkt noch nicht, was jetzt auf uns zurollt. Wir sind unruhig, und wir werden auch radikale Massnahmen zum Schutz der Umwelt und unserer Flüsse mittragen.

Bendicht Luginbühl und Stefan Wermuth: La petite mort – Surfen im Fluss. Bern: Helvetia Verlag, 1. Auflage 2026, 144 Seiten, CHF 79.00, ISBN 978-3-907728-06-2.


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