23.09.2026

Zurich Film Festival

«Wo ich hinkomme, sprechen mich die Leute aufs Kino Corso an»

Am Donnerstag startet das 22. Zurich Film Festival, das zweite, seit Christian Jungen das ZFF mit weiteren Mitgliedern der Festivalleitung von der NZZ übernommen hat. Im Interview spricht er über schwindende Sponsorengelder, gekürzte Bundesbeiträge und den Kampf ums Kino Corso – und verrät, welche Filme Medienschaffende sehen sollten.
Zurich Film Festival: «Wo ich hinkomme, sprechen mich die Leute aufs Kino Corso an»
«Das Sponsoring ist wie der Schneemann an der Sonne: Er steht noch, aber er wird kleiner», so Christian Jungen, Direktor und Miteigentümer des Zurich Film Festivals. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Herr Jungen, die diesjährige Austragung des Zurich Film Festivals (ZFF) findet bereits zum zweiten Mal unter Ihrer Ägide als Miteigentümer statt. Was haben Sie nun gegenüber der letztjährigen Ausgabe verändert?
Wir haben beim ZFF zum ersten Mal ein Motto: «Dream big». Damit wollen wir der allgemeinen Trübsal in Gesellschaft und Wirtschaft etwas Positives entgegensetzen. Wir haben viele Filme, die zum Träumen anregen und bei denen man das Kino inspiriert verlässt. Zum Beispiel unseren Eröffnungsfilm «Tenzing» von Jennifer Peedom über die Erstbesteigung des Mount Everest, den die beiden Hollywoodstars Tom Hiddleston und Willem Dafoe dem Publikum persönlich vorstellen werden.

Bei den Sponsoren hat es Veränderungen gegeben. War es schwierig, Ersatz zu finden?
Das Sponsoring ist wie der Schneemann an der Sonne: Er steht noch, aber er wird kleiner. Umso mehr sind wir stolz, dass wir mit Sunrise einen vierten Main Partner neben UBS, Mercedes-Benz und NZZ gefunden haben. Zum ersten Mal seit fünf Jahren haben wir das Tableau wieder voll. Sunrise belohnt seine treuesten Kunden im Rahmen seines Treueprogramms «Sunrise Moments» mit Kinokarten und bringt uns so neue Leute ans Festival.

«Es wäre fair, wenn wir mehr öffentliche Unterstützung bekämen»

Sie haben verschiedentlich durchblicken lassen, dass Sie mehr öffentliche Gelder benötigen. Stiessen Sie damit auf offene Ohren?
Mit der Stadt Zürich sind wir in einem guten Dialog. Das ZFF leistet nicht nur viel für den Schweizer Film und die Filmkultur generell. Es generiert auch eine grosse Wertschöpfung von gegen 50 Millionen Franken beim Gewerbe. Hotels und Restaurants profitieren genauso vom Festival wie Eventfirmen, Modelabels oder Transportunternehmen. Daher wäre es auch fair, wenn wir mehr öffentliche Unterstützung bekämen. Wir sind noch immer zu 90 Prozent privat finanziert; ein grösserer Sockel der öffentlichen Hand gäbe uns mehr Planungssicherheit und würde uns helfen, die Nachwuchsförderung, die man kaum über Sponsoren finanzieren kann, aufrechtzuerhalten.

Sie haben dieses Jahr 20'000 Franken weniger Fördergelder des Bundes erhalten, weil neu ein welsches Festival unterstützt wird (persoenlich.com berichtete). Wie gross war Ihre persönliche Enttäuschung?
Wir waren sehr überrascht von diesem Entscheid und können ihn nicht nachvollziehen. Denn das ZFF fördert konsequent den Schweizer Film und leistet einen grossen Beitrag zu dessen internationaler Ausstrahlung und zur Sichtbarkeit im Heimmarkt. Wir lassen uns davon aber nicht beirren und haben jetzt eine rekursfähige Begründung angefordert.

Welche Stars kommen dieses Jahr nach Zürich?
Von der Eröffnung mit Tom Hiddleston und Willem Dafoe bis zur Award Night mit Andy García am 3. Oktober im Opernhaus dürfen wir jeden Tag Stars in Zürich willkommen heissen, die ihre neuen Filme präsentieren. Besonders freue ich mich auf Anna Kendrick, die ja für «Up in the Air» eine Oscarnomination erhalten hat. Sie stellt die Beziehungskomödie «Babies» vor, die sich um ein Paar in Los Angeles dreht, das bewusst keine Kinder haben möchte und auf Partys immer wieder in peinliche Situationen gerät. Ein typischer LA-Film, bei dem ich viel gelacht habe.

Was wird das Highlight der diesjährigen Ausgabe?
Ich bin sehr gespannt auf die Diskussionen um «111 – Echoes from Halifax» des Schweizer Regisseurs Mauro Mueller, der in Mexiko lebt und Mitglied der Oscar-Academy ist. Er erzählt den Tag vom 2. September 1998, als eine Swissair-Maschine an der kanadischen Küste abstürzte, aus der Perspektive verschiedener Beteiligter: aus jener des Piloten (Anatole Taubman), aus jener einer Stewardess (Ursina Lardi), die ihre Schicht mit einer Kollegin abtauschte, und aus jener von Passagieren und ihren Angehörigen. Ein starkes Drama, das zeigt, wie die Luftfahrt Menschen verschiedenster Herkunft verbindet. Angestossen wurde der Film von Produzent Björn Hering, dessen Lebenspartnerin die Tochter des Piloten der Maschine ist.

«Journalismus ist ein grosses Thema»

Es sind auch einige «Medienfilme» im Programm …
Journalismus ist ein grosses Thema. «The Housewife» mit Naomi Watts erzählt die wahre Geschichte eines Reporters der New York Times, der von Simon Wiesenthal einen Tipp bekam, wo sich ein untergetauchter Nazi versteckt. Bei seinen Recherchen kommt er einer viel grösseren Geschichte auf die Spur. Der Film ist ein Hoch auf investigativen Journalismus und kommt heute, wo leider Antisemitismus wieder grassiert, genau zur richtigen Zeit. Und «Ink» von Danny Boyle ist ein faszinierender Film darüber, wie Rupert Murdoch aus dem verstaubten Blatt The Sun die schärfste und erfolgreichste Boulevardzeitung der Welt gemacht hat. Ein Film, den jeder Medienschaffende gesehen haben sollte.

Im Vorfeld gab es Diskussionen über die künftige Ausrichtung des Kinos Corso, Ihrer wichtigsten Spielstätte. Konnte der Streit mit der Stadt nun beigelegt werden?
Das Corso ist seit bald 80 Jahren ein Kino – mit heute vier Sälen und über 1300 Plätzen. Es ist seit dem ersten Tag die Heimspielstätte des ZFF. Hier haben wir Sharon Stone, Juliette Binoche oder Russell Crowe empfangen. Aber es ist auch das beliebteste Premierenkino für Schweizer Filme. Im Corso 2 hatte letztes Jahr zum Beispiel «I Love You I Leave You» des ZHdK-Abgängers Moris Freiburghaus seine Uraufführung. Der Film gewann dann das Goldene Auge unseres Dokumentarfilmwettbewerbes und später den Schweizer Filmpreis. Es ist aber nicht nur für das ZFF wichtig, dass das Corso ein ganzjähriges Kino mit vier Sälen bleibt, sondern auch für die Schweizer Filme, welche die Stadt über die Zürcher Filmstiftung fördert. Das Corso ist das letzte grosse repräsentative Premierenkino der Schweiz. Diesem Flaggschiff der Zürcher Filmkultur ohne Not die Segel zu streichen, wäre geschichtsvergessen und nicht im Interesse der Bevölkerung.

Was macht Sie da so sicher?
Ob im Fussballstadion, beim Vortrag in der Zunft oder im Lions Club: Wo ich hinkomme, sprechen mich die Leute aufs Corso an und sagen mir, sie wollten ebenfalls, dass es ein Kino bleibe. Das Corso ist ein Kino – so, wie das Schauspielhaus ein Theater ist oder das Kunsthaus ein Museum. Es braucht keine Umnutzung. Wir haben «I love Corso»-T-Shirts, Feuerzeuge und Anstecker produziert. Die gehen bei uns im Shop weg wie warme Semmeln. Kein Wunder: Das Corso ist das Lieblingskino vieler Zürcherinnen und Zürcher. Es ausgerechnet jetzt, wo das Kino wieder boomt, zu schliessen, ist schwierig zu vermitteln. Unsere Sicht durfte ich dem neuen Stadtpräsidenten Raphael Golta persönlich darlegen, was wir sehr schätzen. Nun hoffen wir, dass die Zürcher Politik eine Lösung findet, bei der das Corso ein Kino bleiben kann.

Welches sind dieses Jahr die grössten Herausforderungen?
Wir haben ein sehr dichtes Programm am ersten Wochenende: Stars wie Julianne Moore, Jesse Eisenberg, Naomi Watts, John Turturro und Casey Affleck sind da. Parallel dazu geht im Dolder Grand die Branchenkonferenz Zurich Summit, die in Hollywood als «Davos der Filmwirtschaft» gilt, über die Bühne, mit Top-Speakers wie Oscar-Academy-Präsident Bill Kramer. Und am Samstag findet im Festivalzentrum der erste ZFF-Familientag statt, mit vielen Gratisangeboten für Kinder und der Premiere des Films «Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld». Übers Jahr sind wir 23 Festangestellte, am Event selber über 600. Viele Freiwillige unterstützen uns – ohne sie gäbe es das ZFF gar nicht. An diesem Wochenende sind wir als Organisation gefordert. Es braucht jeden und jede, damit am Ende alle – Publikum, Filmgäste, Partner und Branchengrössen – zufrieden sind.

Worauf freuen Sie sich am meisten?
Ich bin ein grosser «Rocky»-Fan, mein Büro ist ein kleines Rocky-Museum. Dass wir nun «I Play Rocky» als Europapremiere zeigen dürfen, ist eine grosse Freude für mich. Der Film ist wirklich ein Meisterwerk und erzählt, wie Sylvester Stallone den Film beim Studio durchboxte und erreichte, dass er die Hauptrolle spielen konnte. Er selber hat der Verfilmung seiner Geschichte zugestimmt – unter einer Bedingung: Er dürfe nicht von einem Star verkörpert werden, weil er selber ja damals ebenfalls noch unbekannt war. Nun spielt Anthony Ippolito den italienischen Hengst und empfiehlt sich und den Film für die Oscars.


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