05.09.2012

"Zürich verfügt über die grösste Kinodichte Europas"

Am Donnerstag gibt das Zurich Film Festival sein diesjähriges Programm bekannt. Was man jetzt bereits weiss: Film-Grössen wie John Travolta, Richard Gere und Oliver Stone werden heuer über den grünen Teppich schreiten. Doch wie locken die Veranstalter solche Weltstars nach Zürich? Und wie finanzieren sie ein solches Festival? persoenlich.com hat sich mit Mitorganisatorin Nadja Schildknecht im Vorfeld der achten Ausgabe unterhalten. Zum Interview:
"Zürich verfügt über die grösste Kinodichte Europas"

Frau Schildknecht, vor ein paar Wochen ist das Filmfestival in Locarno zu Ende gegangen. Verträgt es in der Schweiz zwei solche Filmanlässe?

Auf jeden Fall. Ich möchte beide Festivals nicht missen, ich gehe regelmässig auch nach Locarno. Wir unterscheiden uns vor allem durch die Filmauswahl. Locarno zeigt die Filme, die im Sommer aktuell sind, wir diejenigen des Herbstes. Sie haben aber recht: Locarno hat sich nicht zuletzt durch unser Festival auch verändert. Vor ein paar Jahren hatte Locarno auf internationale Stars verzichtet. Dies hat sich geändert, seit wir einige prominente Filmpersönlichkeiten nach Zürich holen.

Haben Sie Angst, dass es überhaupt genügend Stars gibt, welche zu Ihnen kommen können?

(Lacht.) Überhaupt nicht. Stars, ich nenne sie lieber Persönlichkeiten, wird es geben, solange es Filme gibt. Die Leute wollen Idole. Von Anfang an war es uns aber wichtig, dass sie nicht nur nach Zürich kommen, um sich auf dem roten - oder bei uns auf dem grünen - Teppich zu präsentieren und einen Preis abzuholen. Oft geben sie noch eine Masterclass an die aufstrebenden Filmtalente, sie geben somit ihr Wissen und ihre Erfahrung weiter, oder sie präsentieren ihren neusten Film, sind also auf Promotionstournee. Dieses Jahr haben wir unter anderem John Travolta, Richard Gere, Susan Sarandon und Herbert Grönemeyer als Gäste hier in Zürich. Insgesamt begrüssen wir dieses Jahr circa 300 international geladene Gäste aus der Filmbranche.

Ist es für Sie einfach, die Gäste nach Zürich zu bringen?

Nein, einfach ist fast nichts im Leben, obwohl man uns mittlerweile auch international starkes Vertrauen schenkt. Eine grosse Herausforderung bleibt es trotzdem, auch für unser Gästemanagement, topprominente Gäste nach Zürich zu holen. Oft stellt das Management hohe Anforderungen, denn auch sie sind unter Druck, sie können sich keine Fehler leisten.

2009 wurde Roman Polanski kurz vor seinem Besuch des Zurich Festival verhaftet. Hat Ihnen dies geschadet oder nicht?

Rückblickend gesehen, hat es uns sicher nicht geschadet. Wir sind dadurch auf einen Schlag international bekannt geworden, aber angenehm war die ganze Sache für keine Partei. Für alle war es wichtig, dass die ganze Geschichte doch noch einigermassen gut endete. So kam Roman Polanski im vergangenen Jahr extra nach Zürich, um seinen Award abzuholen. Polanski hatte uns auch keine Vorwürfe gemacht.

Im Gegensatz zu Locarno sind Sie privat finanziert. Welche Auswirkungen hat dies auf das Zurich Film Festival?

Über siebzig Prozent der Finanzierung kommen aus der Privatwirtschaft mit weit über achtzig Partnern. Dies ist sicherlich eine Ausnahme in der Festivallandschaft und nicht immer einfach zu bewältigen, aber es ergeben sich auch Vorteile durch diese breite Abstützung der Partner. Sie sind motiviert und ermöglichen oft auch, nebst den finanziellen Leistungen, interessante Marketingmöglichkeiten zu realisieren. Die Partner sind massgeblich daran beteiligt, dass das Festival so schnell wachsen konnte.

Anfänglich mussten Sie um die staatliche Anerkennung kämpfen.

Ja, das stimmt. In Zürich wie auch beim Kanton mussten wir anfänglich gegen viele Vorurteile ankämpfen. Doch dies hat sich glücklicherweise geändert. Man sieht nun den Mehrwert für die Stadt, und auch der Kanton ist begeistert vom Programm und von der Organisation; dafür sind wir sehr dankbar. Der Beitrag vom Bund ist mit 50'000 Franken immer noch tief. Locarno erhält 1,45 Millionen von den 2,3 Millionen, welche der Bund insgesamt an alle Filmfestivals in der Schweiz ausschüttet.

Sie kommen ursprünglich nicht aus der Filmbranche. Wie wurden Sie von den Filmfreaks aufgenommen?

Sicherlich bin ich kein ausgeprägter Filmfanatiker gewesen, aber ich hatte schon immer ein Faible für das Kino und gute Filme. Wir haben uns die Aufgaben aufgeteilt, nur so geht es, und nur so funktioniert es auch sehr gut. Während Karl für das Filmprogramm und zahlreiche Gäste zuständig ist, stehen bei mir die Finanzen, das Marketing und Sponsoring, der Event und die Organisation im Vordergrund.

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Sie und Karl Spoerri die Idee für ein Zurich Film Festival hatten?

2004 veranstalteten wir in Zürich das Onedotzero, ein Digitalfestival, welches aus London stammt. Innerhalb von zweieinhalb Tagen hatten wir über 3'000 Besucher. Dies hat uns dazu bewogen, darüber nachzudenken, warum es eigentlich in Zürich kein internationales Filmfestival gibt. Die Idee ist bestechend: In Zürich verfügen wir über die grösste Kinodichte Europas, die Infrastruktur mit den Hotels und dem internationalen Flughafen, und auch die Kultur wird in Zürich geschätzt. Wir hoffen also auf viele Besucher in diesem wie auch in den weiteren Jahren.

Interview: Matthias Ackeret, Bilder: Zurich Film Festival

Das ausführliche Interview mit Nadja Schildknecht ist in der aktuellen Print-Ausgabe von "persönlich" zu finden.