08.09.2023

Zürich in 100 Geschichten

«Zürich ist viel zu selbstbewusst für Witze»

Journalistinnen, Werber und andere Persönlichkeiten schreiben über die Geschichte und Gegenwart von Stadt und Kanton Zürich. Entstanden sind 100 Texte und 120 Bilder auf 320 Seiten. Herausgegeben hat «Zürich in 100 Geschichten» Journalist Peter Röthlisberger.
Zürich in 100 Geschichten: «Zürich ist viel zu selbstbewusst für Witze»
«Ich habe bei den Menschen meines Vertrauens Ideen gesammelt und dann die passenden Autorinnen und Autoren dazu gesucht», so Peter Röthlisberger, Herausgeber von «Zürich in 100 Geschichten». (Bild: Marco Rosasco)
von Christian Beck

Peter Röthlisberger, was verbindet Sie mit Zürich?
Ich bin mit 20 zum Studieren nach Zürich gekommen. Ich fühle mich noch immer als Bündner, finde die Stadt aber genial, weil sie mich so gut aufgenommen hat. Zürich ist eine sehr integrative Stadt.

Wenn man Zürich sagt, denken viele gleich an die Stadt und nicht unbedingt an den Kanton. Geht es Ihnen auch so?
Ja klar, die Stadt bestimmt die Wahrnehmung. Für unser Buch ist es aber ein Glücksfall, weil wir uns nicht auf Stadt oder Land festlegen mussten. Alle guten Geschichten hatten Platz. Wir haben uns einmal sogar über die Kantonsgrenze hinausgewagt.

Das Buch «Zürich in 100 Geschichten» erscheint am Montag. Was gab den Ausschlag dazu, dieses Buch herauszugeben?
Wir sind mit «Arosa in 100 Geschichten» gestartet, haben mit «Graubünden in 100 Geschichten» nachgelegt und uns jetzt an Zürich herangewagt. Es ist die Pointe eines Steigerungslaufs.

«Ich bin sehr stolz auf die Liste der Schreibenden»

Die 100 Geschichten kommen von 73 Journalistinnen, Historikern, Schriftstellerinnen und Unternehmern. Sind das alles Ihre Freundinnen und Freunde?
Es sind Freunde dabei, Autorinnen und Autoren, die ich immer schon grosse Schreibkünstler fand. Ich versuchte, diejenigen zu finden, die in ihrem Thema absolut zuhause sind. Und habe jene angefragt, die mich in meiner journalistischen Karriere gefördert haben. Ich bin sehr stolz auf die Liste der Schreibenden.

Wie haben Sie die Auswahl der Geschichten getroffen? Sind Sie aktiv auf die Autorinnen und Autoren zugegangen, weil sie ihre Storys kannten?
Der Prozess dauerte zwei Jahre. Ich habe bei den Menschen meines Vertrauens Ideen gesammelt und dann die passenden Autorinnen und Autoren dazu gesucht. Harald Nägeli musste unbedingt ins Buch, also habe ich Margrit Sprecher gefragt, die ihn gut kennt und unglaublich gut schreibt. Über das Züriwetter konnte kein anderer schreiben als Jörg Kachelmann, für den Postraub habe ich die Krimibestsellerautorin Seraina Kobler angefragt, für die S-Bahn Benedikt Weibel. Ich könnte 100 Beispiele aufzählen.

Sind das alles Geschichten der Gegenwart, oder geht die Reise weit zurück in die Vergangenheit? Immerhin sind Sie nicht nur Journalist, sondern auch Historiker.
Wir wollen unbedingt, dass unser Buch auch als historisch relevant wahrgenommen wird. Deshalb ist die erste Geschichte auch eine zur Historie der Stadt und des Kantons. Ausserdem schrieben mit Tobias Straumann und Jakob Tanner zwei Geschichtsprofessoren am Buch mit.

Welche der 100 Geschichten hat es Ihnen besonders angetan?
Sie sind wie die eigenen Kinder. Man hat sie alle gern, findet unterschiedliche Eigenschaften toll. Die Strecke mit den Zugewanderten aus anderen Kantonen, die Zürich ihre Liebe erklären, ist sehr persönlich. So erging es mir ja selbst.

Und welche Story können Sie kaum glauben?
Lady Shiva habe ich als eine der schillerndsten und faszinierendsten Frauen Zürichs kennengelernt. Die 100'000 Objekte, die Bruno Stefanini für sein Weltmuseum gesammelt hatte, sind von unterhaltsamster Absurdität. Michael Hermann und Matthias Halbeis haben es geschafft, ein Porträt von Christoph Blocher zu schreiben, wie ich es noch nie gelesen haben. Und dank Barbara Lienhard wissen wir endlich, ob Zürcher Stil haben …

«Das Buch ist für die Bewohner gedacht»

Im Beschrieb zum Buch heisst es, es könne «zum halboffiziellen Standardwerk für Bewohnerinnen und Bewohner von Stadt und Kanton Zürich werden». Haben Sie von Tourismusverbänden Geld erhalten?
Leider nicht. Was aber seine innere Logik hat. Das Buch ist für die Bewohner gedacht, nicht für Touristen.

Der Kanton Zürich spielt im Buch aber nur eine untergeordnete Rolle …
Das stimmt.

Zürcher geniessen in der Restschweiz nicht den besten Ruf. Woher kommt das?
Für den kleinen Bruder ist der grosse Bruder immer eine Herausforderung.

Wollen Sie mit dem Buch auch etwas Entwicklungsarbeit leisten?
Nein. Die braucht Zürich wirklich nicht.

Zum Schluss: Können Sie mir einen Zürcher-Witz erzählen?
Witze erzählt man sich ja eher über Menschen an der Peripherie. Über Bündner Oberländer, Freiburger, Ostfriesen. Zürich ist viel zu selbstbewusst für Witze.



«Zürich in 100 Geschichten» erscheint am Montag im Verlag NZZ Libro.

Peter Röthlisberger gründete den Blick am Abend und Blickamabend.ch und war neun Jahre Chefredaktor im Blick-Newsroom, davor Inlandchef der Weltwoche und Programmleiter von TeleZüri. Er ist Mitbesitzer von Chefredaktion GmbH, Herausgeber mehrerer Bücher, doziert an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich und moderiert den Wirtschaftstalk «Economia» auf TV Südostschweiz.



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