11.08.2026

IWP

«Die Meinungen sind gewissermassen Stammtischsätze»

Das IWP lanciert eine Plakatkampagne, die mit Bodin Consulting entwickelt wurde. Warum ein Forschungsinstitut Werbung macht und wie die Plakate provozieren, erklärt Geschäftsführer René Scheu im Interview.
IWP: «Die Meinungen sind gewissermassen Stammtischsätze»
«Wer in der Wissenskommunikation neue Wege beschreitet, wird nicht von allen beklatscht» (Bild: zVg/Andy Gawlowski)

Herr Scheu, das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) startet wieder eine Plakatkampagne. Was bezwecken Sie damit – und vor allem: Wen wollen Sie erreichen?
Das Wort «Kampagne» hat eine militärische Vorgeschichte: Es bezeichnete einst den Feldzug. Kämpfe sind jedoch nicht Sache des IWP. Sprechen wir also lieber von einer Kommunikationsinitiative. Wir betreiben Wissensvermittlung, wollen mit «Fakten statt Meinungen» aufklären – und die Stimmbürger zum Nachdenken anregen. Oder hätten Sie gewusst, dass die Schweiz das erfindungsreichste Land Europas ist? Dass die Einkommensmobilität hier stärker ausgeprägt ist als in anderen europäischen Ländern? Oder dass sich die realen Ausgaben für den Sozialstaat, der angeblich auf dem Altar der Wirtschaft geopfert wird, in den letzten 30 Jahren verdreifacht haben? Wir wenden uns an alle, die sich noch überraschen lassen.

Ansonsten sind Universitäten im Marketing eher zurückhaltend. Warum gehen Sie mit dieser Initiative auf die Strasse?
«Raus aus dem Elfenbeinturm» lautet mittlerweile das Motto vieler Universitäten. Wir nehmen es einfach wörtlich. Fürs Protokoll allerdings: Das Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik ist nicht von der Universität Luzern, sondern an der Universität. Es ist durch eine öffentliche Kooperationsvereinbarung mit ihr verbunden. Unter der Leitung seines Direktors Prof. Dr. Christoph Schaltegger forscht das IWP nach akademischen Standards; in Auftritt und Themensetzung ist es frei.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie eine aufwendige und viel beachtete Initiative starten. Wie waren die Reaktionen auf die erste Plakatschaltung?
Die erste Plakatinitiative hatten wir 2023 lanciert. Von den Leuten draussen erhielten wir fast nur ermunternde, bisweilen auch erheiterte Rückmeldungen. Gleichzeitig war uns klar: Wer in der Wissenskommunikation neue Wege beschreitet, wird nicht von allen beklatscht. Das gehört zur Übung. Wir können und wollen nicht allen gefallen. Ich halte es da mit Oscar Wilde: «Es gibt nur eines auf der Welt, das schlimmer ist, als dass über einen geredet wird: dass nicht über einen geredet wird.» Ein Forschungsinstitut ist zwar kein Dandy. Ein wenig öffentliche Aufmerksamkeit verträgt es dennoch.

«Soziale Medien stehen überall hoch im Kurs. Sie haben bloss einen kleinen Nachteil»

Warum haben Sie Plakate gewählt und nicht soziale Medien oder andere Werbemittel?
Soziale Medien stehen überall hoch im Kurs. Sie haben bloss einen kleinen Nachteil: Kaum hat man etwas gesehen, hat man es schon wieder vergessen. Die Aufmerksamkeitsspanne wird dort in Sekunden gemessen, die Halbwertszeit zuweilen in Millisekunden. Das Plakat ist das stoische Gegenmedium. Es bleibt einfach stehen. Man kann daran vorbeigehen, sich darüber ärgern oder kurz innehalten – aber man kann es nicht wegklicken. Gerade diese Unaufgeregtheit macht es in unserer hypernervösen Zeit beinahe subversiv. Das Plakat wirbt nicht um Aufmerksamkeit. Es wartet, bis die Aufmerksamkeit vorbeikommt.

Wie sind die Slogans entstanden?
Unser Forschungsteam hat aus mehr als 200 Vorschlägen sechs Sujets destilliert. Jedes stellt einer verbreiteten Meinung einen überprüfbaren Fakt gegenüber. Die Meinungen sind gewissermassen Stammtischsätze: oft gehört, selten geprüft. Die Fakten stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen, die wir auf jedem Plakat nennen. Jeder kann nachschauen – und soll es auch. Mein Favorit lautet: «Die Erfolgreichen zahlen kaum Steuern.» Dem steht der Fakt gegenüber: «Die obersten 2 Prozent der Steuerpflichtigen zahlen 50,7 Prozent der direkten Bundessteuer.» Quelle: ESTV, 2025. Der Stammtisch ist eine ehrwürdige Institution. Aber gelegentlich darf auch dort nachgerechnet werden.

Aber auch Sie wählen Ihre Fakten aus. Ist «Fakten statt Meinungen» nicht selbst eine ziemlich meinungsstarke Formel?
Natürlich wählen wir aus. Wer kommuniziert, wählt aus – selbst ein Telefonbuch folgt einem Auswahlprinzip. Entscheidend ist deshalb nicht, ob ausgewählt wird, sondern wie: Sind die Zahlen korrekt? Sind die Quellen transparent? Lassen sich die Aussagen überprüfen? Wir behaupten nicht, sechs Plakate erklärten die ganze Schweiz. Wir zeigen sechs Tatsachen, die verbreitete Vorstellungen erschüttern. Ein guter Fakt beendet das Denken nicht. Er bringt es erst in Gang.

«Wer sich in der Meinung wiedererkennt, dürfte sich vom Fakt zunächst weniger bestätigt als belästigt fühlen» 

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Frank Bodin?
Sie kennen Frank Bodin: Er leidet eher an einem Überfluss als an einem Mangel an Ideen. Nach der ersten Initiative war für uns klar, dass wir auch die zweite mit ihm realisieren wollten – noch aufgeräumter, noch reduzierter, noch wesentlicher. Franks gestalterische Dialektik lautet ungefähr: Je leiser ein Plakat spricht, desto lauter wird es gehört. Eine schöne Theorie. Ob sie stimmt, entscheiden nun die Passanten.

Sind die Plakate zur Aufklärung gedacht – oder steckt darin auch ein wenig Provokation?
Ein Mindestmass an Provokation liegt bereits in der Versuchsanordnung: Eine liebgewonnene Meinung trifft auf einen widerspenstigen Fakt. Wer sich in der Meinung wiedererkennt, dürfte sich vom Fakt zunächst weniger bestätigt als belästigt fühlen. Das ist durchaus erwünscht. Wir haben Themen gewählt, bei denen Wahrnehmung und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Zugleich sind unsere Plakate denkbar unschrill: Zahlen und Buchstaben, kein Geschrei, keine Schockbilder. In einer lauten Welt kann Nüchternheit die wirksamste Provokation sein.

Wie unabhängig ist das IWP von der Universität Luzern?
Das IWP hält die Standards der wissenschaftlichen Qualitätssicherung der Universität Luzern ein und wendet ihre Regeln in der Forschung an. Unsere Studien legen Methoden und Datengrundlagen transparent offen. Wissenschaftliche Standards sind keine Einschränkung unserer Freiheit, sondern deren Voraussetzung. In der Themenwahl und der inhaltlichen Arbeit ist das Institut autonom. Weil es sich über eine eigene Förderstiftung finanziert, ist es auch wirtschaftlich unabhängig. Es fühlt sich weder dem Zeitgeist noch einzelnen Personen oder staatlichen Körperschaften verpflichtet, sondern – ganz old school – der Erkenntnissuche.

Sie waren mehrere Jahre Feuilletonchef der NZZ und sind ein bekannter Journalist. Wie stark hat sich Ihr berufliches Leben durch die Tätigkeit am IWP verändert?
Ein eigenes Institut mit aufzubauen, mit einem grossartigen Compagnon und jungen Forschern zusammenzuarbeiten, Lectures mit herausragenden Gästen zu veranstalten und dabei die Schweiz immer wieder neu kennenzulernen – das ist zweifellos die bisher schönste Zeit meines beruflichen Lebens. Dem Schreiben bin ich ja nicht untreu geworden. Ich verfasse Bücher und Kolumnen für die Titel von CH Media und trete ab und an weiterhin als Autor in der NZZ in Erscheinung. Das alte Leben ist also nicht verschwunden; es hat bloss ein paar neue Zimmer erhalten. Und ja: Mir macht dieses Leben unheimlich Spass. Fast bin ich geneigt zu sagen: Möge es ewig währen.


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KOMMENTARE

David Elmiger
13.08.2026 14:47 Uhr
Eigentlich müsste der Claim heissen: Wirtschaftspolitik für Liberale. :)
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