Herr Wildberger, herzliche Gratulation zu Ihrer Ernennung zum CEO von Publicis. Mussten Sie lange überlegen, ob Sie den Job annehmen?
Nein. «Wichtig ist nur die Veränderung, dass man nie im Stillstand verharrt. Und dass man sich auch in harten Zeiten seine Träume und Wünsche bewahrt», singt Sven Regener, und sage auch ich als Kreativ-Chef. Weil wir als grösste Kommunikationsagentur der Schweiz nicht reagieren sollten, sondern immer nur agieren. Der Status Quo hat mich gelangweilt, ich träume schon seit Längerem von einer «eigenen Publicis», die ich nach meinen Vorstellungen gestalten kann. Mit dem langfristigen Ziel, eines Tages eine neue, unverwechselbare Form der Kommunikation zu erreichen. Nicht nur in der Umsetzung, sondern auch im Entstehungsprozess.
Wie genau?
Mit einer neuen Definition der Zusammenarbeit mit Kunden und Mitarbeitern. Vielleicht bleibt manches davon ein Traum, aber der Weg dorthin führt realistischerweise nur über Transformation. Wir haben uns 100 Tage Zeit genommen, dafür einen Plan zu entwickeln. Jeder, der motiviert genug ist, kann mitmachen und dabei sein, wenn bei uns eine neue Ära eingeläutet wird.
Hat das internationale Netzwerk diese Änderung vorgenommen?
Was meine Ernennung zum CEO betrifft ja.
Welche Rolle wird zukünftig der langjährige CEO, Curdin Janett, bei der Publicis haben?
Curdin Janett scheidet aus der Agentur aus und wird sich einem Start-up ausserhalb der Branche widmen.
Sie wurden dieses Jahr zum «Werber des Jahres» gewählt und haben Publicis unbestrittenermassen im kreativen Bereich an die Spitze gebracht. Nun verlangt aber der Job des CEOs ganz andere Qualitäten. «Verliert» Publicis dadurch den kreativen Kopf?
Im Gegenteil. Man hätte auch unser Firmenschild abmontieren und das Wort «Kreativität» hinschrauben können. Kreativität ist unser Kerngeschäft und der einzige Antrieb, an den ich glaube. Kreativität lohnt sich, sie verkauft Produkte und löst Probleme – je grösser diese sind, desto lieber nehme ich mich ihnen an. Kreativität ist eine Qualität, die aber keinesfalls nur einer Abteilung vorbehalten sein sollte, sondern in allen Bereichen eines Unternehmens zum Tragen kommen muss und in unserem Fall auch kommen wird, weil wir uns auch dahingehend noch weiter verstärken. Um das glaubhaft vorzuleben und voranzutreiben, macht es natürlich Sinn, wenn als letzte Instanz ein ursprünglich Kreativer entscheidet. «Creative Leadership» bedeutet also, dass bei uns jedes Problemchen, aber auch jede Herausforderung – wie zum Beispiel die Digitalisierung – kreativ angegangen und gelöst wird – auf unsere ganz eigene Art.
Was heisst das?
Wir wissen ja alle, es geht immer um Ideen, also was und wie man etwas macht. Und dann auch darum, wie man seine Partner oder Kunden überzeugt. Und wie aus einer kleinen, einzelnen Massnahme bei Bedarf ein komplettes Programm werden kann. Dafür braucht es ein komplettes Leistungsportfolio. Wir bemühen aber kein oberflächliches 360-Grad-Versprechen, sondern können auf autarke Firmen verweisen, die in ihren jeweiligen Bereichen etwas vom Besten repräsentieren, was der Markt zu bieten hat. Auch hier wird es demnächst noch zur Verkündung von einigen Optimierungen kommen. Damit ein solches System zum Laufen kommt und optimal vernetzt werden kann, braucht es viele schlaue, kreative Köpfe.
An wen rapportieren Sie zukünftig?
An Justin Billingsley, Member of the Publicis Communications Global Comex.
Neu werden die Agenturen Leo Burnett und Alpha näher an die Publicis angegliedert. Kommt es zu einer Fusion?
Leo Burnett und auch Alpha245 gehören schon seit Jahren zu 100 Prozent zur Publicis Gruppe. Insofern ist das nichts Neues. Ich kann aber auch versichern, dass alle zur Agentur-Gruppe gehörenden Firmen eigenständig bleiben werden.
Befinden sich alle diese Agenturen zukünftig unter einem Dach an der Stadelhoferstrasse?
Von einem Umzug ist zurzeit keine Rede. Wir werden aber prüfen, wo wir in Zukunft enger zusammenarbeiten können. Ich denke da beispielsweise an die Bereiche Digitale Umsetzung und Produktion, wo wir Vorteile für unsere Kunden und auch unsere Gruppe schaffen können.
Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Publicis zukünftig?
Jede Agentur der Agenturgruppe wird ihre heutige Grösse beibehalten, einzig die Prozesse der Zusammenarbeit werden unter die Lupe genommen um das Maximum herauszuholen. Die Publicis «Werbeagentur» hat heute um die 100 Mitarbeiter. Das wird auch in Zukunft so bleiben.
Gibt es im Schweizer Werbemarkt überhaupt noch Wachstumsmöglichkeiten?
Ja, meiner Meinung nach gibt es hierzulande noch zahlreiche Firmen, die wir von unserem Angebot überzeugen können. Und dann ist da ja auch noch der äusserst attraktive Verdrängungsmarkt.
Sie sind vergangene Woche zusätzlich in den Vorstand des ADC gewählt worden. Können Sie alle diese Aufgaben überhaupt noch zeitlich bewältigen?
Ich betreue das Ressort PR und gehe nach heutigem Stand davon aus, alles unter einen Hut zu bekommen. Man muss es nur kreativ angehen.

