16.03.2026

Jean Etienne Aebi

«Man kann nicht alles haben»

Ein Nachruf der etwas anderen Art: Verfasst von Jean Etienne Aebi (1945–2026) selbst, der mit seinen Agenturen Aebi&Partner, ASGS/BBDO, Aebi/BBDO, Aebi, Strebel und danach als Kreativchef von Publicis die Schweizer Werbegeschichte wie kaum ein anderer prägte. Diese letzte Lebensbilanz wird auf Wunsch des Verstorbenen publiziert.
Jean Etienne Aebi: «Man kann nicht alles haben»
Der Werbepapst: Jean Etienne Aebi als Testimonial in einer persönlich-Eigenwerbung. (Bild: Archiv)

«Mein erstes Wort soll Auto gewesen sein. Maman et Papa, von meinen drei älteren Geschwistern schon ausgiebig benutzt, hatte ja nichts Eigenständiges mehr an sich. Hansli gehört ins Gymnasium, meinte schon die Kindergärtnerin, er muss es dann halt nur wollen. Und genau so war es: Nach zwei Jahren Literargymi wollte ich anderes. Action Painting, Rock, Beatniks, Spielsalons waren angesagt. Immerhin gelang es mir, meinen Vater noch einmal mit exzellenten Noten zu erfreuen: Das Buch, das die Lehrerin am Franzkurs in Lausanne für Diktate und Nacherzählungen benutzte, hatte ich mir beschafft und auf den Knien. Auch sonst schlug die streng christliche Erziehung nicht lückenlos an. So stammte zum Beispiel die Kohle für meine erste Gitarre heimlich aus der Portokasse des Bibellesebundverlags unseres Daddys. Mein erstes, mit Bürgschaft der Mutter erworbenes Auto, einen Triumph Spitfire, setzte ich gekonnt neben die Kurve auf dem Julier, kollateral zum Totalschaden ergab sich ja nur ein Beinbruch.

So weit zur Kindheit. Danach galt es ernst. Lehre und Abschluss an der Kunstgewerbe-schule als eidgenössisch diplomierter Grafiker und Jahrgangsbester, na also! Einstieg gleich als Art Director bei einer Kleinagentur. Und nebenbei die erste eigene Firma für Artist Promotion, die u. a. 1967 im Vorprogramm der Rolling Stones im Hallenstadion eine Fashion-Show à la Twiggy bestritt. Na ja, der geradlinig einseitige Weg war nie mein Ding. Wissensdurstig heuerte ich bei Lintas an, einer damals grossen internationalen Marcom-Agentur. Nach einem Monat beglückte ich das gesamte Kader mit Verbesserungsvorschlägen in Form eines matrizengedruckten Exposés: «Die Rolle des Account Executive». Worauf ich rasant als Berater reüssierte. Das Gehalt besserte ich mit Privatbüez als Kreativer auf.

Es folgten meist gleichzeitige Funktionen in Text, Design, TV-Producing und Strategie, so bei Ruperti NCK, einer kreativ führenden Bude der 70er-Jahre – und ein Training in deren Mutterhaus in New York. Die nächste Agentur, J. Walter Thompson, holte mich dann als Creative Director, und das auch über Zürich hinaus: Mitarbeit an multinationalen Projekten oder eigene Werbefilmproduktionen summierten sich zu ganz netten Städtetrips nach Wien, Frankfurt, Madrid, London, Paris, Mailand. Diese Vita bis hierhin mag sich wie ein Bluff lesen, ist aber verbürgt und für einen immer noch Twen gar nicht so schlecht, der – das schon – mega ehrgeizig war und natürlich enorm neugierig.

Schluss damit. Fertig Karrierestorys. Mit Heidi, meiner grossen Liebe, zum ersten Mal auf die Kykladen, wohin wir ein Leben lang zurückfanden, vor allem auf unsere – zum Glück kaum bekannte – kleine Lieblingsinsel. Mit 30 die erste Million, dieses Ziel schaffte ich zwar nicht ganz, aber immerhin 1976 den Sprung in die Selbständigkeit. Als Creative Consultant, so wie ich den Begriff verstand: Kreativer und Berater in einem. Für Direktkunden wie Ford Baden-Württemberg, nicht ohne Faxgerät, einem der ersten in der Schweiz, sechs Minuten pro A4-Seite. Oder Steinfels, zum Beispiel mit «Auch Lieselotte braucht nur ein Pulver. Niaxa und Basta». Plus als Kooperationspartner von Agenturen wie Schellenberg für Mercedes-Benz Trucks weltweit, ein Dutzend Diakarusselle pro Präsentation. Oder für das Creative Center von Hannes Looser, beispielsweise «Veni, Vidi, Fumi. Gauloises». Das waren noch Zeiten.

Der Rest ist eher bekannt. In dieser Reihenfolge: Sohn Boris im Bauch, Hochzeit im Wald, Tochter Leonie im Arm, das Glück hoch vier, Ferienhaus im Luganese, Villa am Züriberg, Family Go West in den USA. Was will man da noch mehr? Ach ja, parallel dazu: Mit Toni Joghurt, das im Glas, 1982 die erste eigene Werbeagentur Aebi&Partner. Als Talent- und Star-Pool schnell ein einzigartiges kreatives Biotop für die besten Leute der damaligen Zeit. Darunter u. a. Guido Studer, Reini Weber, Roli Lacher, Willi Bühler, Hampe Zünd, Ralph Kappes, Walti Rüegg, Martin Denecke, Guillaume Borel, Remy Fabrikant, Danielle Lanz, Frank Bodin, Cary Steinmann, aber auch mein jüngster Bruder Geri Aebi, dessen spätere Karriere bei GGK Wien und Wirz ich mit grosser Zuneigung verfolgte. Die ADC-Bücher der 80er-Jahre lesen sich wie eine erweiterte Agenturdokumentation. Prallvoll mit legendären Kampagnen wie für Vitra (die Personalities-Kampagne schaffte es sogar ins Museum of Modern Art in NY), den «Tages-Anzeiger» («Wir haben jeden Morgen einen Kater»), Fleurop («Jeder Strauss ein Meisterwerk»), Toggenburger («Eiger, Mönch und Toggenburger») u. v. m.

Nach kurzer Zeit mit A&P schon in den Top Ten, also war nach sechs Jahren was Neues fällig. Elefantenhochzeit, inkl. amerikanischer Beteiligung, zur Nummer eins als Aebi, Suter, Gisler, Studer/BBDO. Nach diversen Eruptionen ordentliche Gesundschrumpfung zu Aebi/BBDO und schliesslich Management-Buy-out für ’n Appel und ’n Ei. Danach die Agentur als Aebi, Strebel wieder hochgepusht zum Spitzenreiter im Kreativranking, unter anderem mit der «Liebe Mobiliar ...»-Kampagne, die als erfolgreicher Evergreen auch dreissig Jahre später noch läuft. Schliesslich den Laden kurz vor dem Millennium flott nochmals verkauft, diesmal an die Franzosen von Publicis.

Traurig nur, dass damit die Marke Aebi verschwand, die durch alle Hochs und Tiefs hindurch nachweislich für Bestwerte stand. Was das Stehaufmännchen Aebi aber nie verlor, war der Glaube daran, dass Werbekampagnen auch so gemacht werden können, dass sie nicht nur Alltagsbelästigung, sondern ein Stück erfreulicher Kultur sind. Wie auch eine meiner letzten, wo ein Tram auch ein Schiff ist, ein Schiff auch ein Bus, ein Bus auch eine Bahn, eine Bahn auch ein Tram: «Richtig verkehrt» für den ZVV.

Die verblüffende Überraschung. Weil ich diese immer wieder neu praktizierte, kamen halt Auszeichnungen und Ehrungen zuhauf, das Geld ausreichend, das Who’s who, die zahlreichen Jury- und Vorstandsberufungen, inter- und nationale Medienpräsenz, der Fachbuchbestseller «Einfall oder Abfall» – und auch an die Uni hab ich’s am Ende doch noch geschafft, wenn auch halt als Dozent. Auch in der letzten Berufsphase, notabene wieder als Creative Consultant, war mein Angebot durchaus gefragt. 2010 dann aber der grosse U-Turn. Zum einen wollte ich mit Heidi nach ihrer Krebsdiagnose noch ein paar schöne Jahre verbringen. Zum anderen zog ich mich aus der Kommunikationsbranche komplett zurück.

Back to the roots, die ich seit Jahrzehnten vernachlässigt hatte. Mich nochmals neu erfinden und selbst überraschen. Was folgte, war die erste grosse Einzelausstellung als konzeptueller Künstler (siehe jeanetiennea.ch). Danach, ein bisschen zu früh, das erste Konzert als gegen alle Gypsygefälligkeit phrasierender Jazzviolinist. Tja, fast hätte ich mein Teenager-Traumziel Berufsmusiker noch halbwegs erreicht. Immerhin war das Debutalbum «Be You» als «Johnny Tienne A. reloaded: Singer-Songwriter in Bluesrock» von Spotify bis Youtube höchst erfreulich unterwegs (höre johnnytiennea.ch). Gefolgt von den mir am Herzen liegenden Mundart-Rocksongs auf «Züriblues» und schliesslich «Chummit». Alles frei von kommerziellen Absichten, nix von Mainstream.

Was bleibt zu sagen? Vielleicht noch das: Nachdem mich das Berufsleben lange so absorbierte, dass die persönliche Beziehungspflege oft zu kurz kam, habe ich in den letzten Jahren das Familienleben neu entdeckt. Die kleine eigene Familie mit Sohn, Tochter, Ebi, Yasha und Shahin war mein ganzer Stolz. Die Grossfamilie mit allen, die dazugehören, ein grosses Glück – darunter meine Schwö Chrigel, die genial die Grossmutterrolle für meine Enkel gab. Auch sonst hat sich der Lonely Wolf noch ganz schön zum sozial Interessierten gemausert, der u. a. ungemein gerne mit seinen früheren Freunden neu durchgestartet wäre, die aber leider grossteils bereits in die ewigen Jagdgründe abgetaucht waren. Am Ende bleiben vor allem die Erinnerungen, die man halt gerne teilen würde.

Man kann nicht alles haben. Jean Etienne Aebi hatte vieles davon!»



Der Text von Jean Etienne Aebi wurde auf seinen Wunsch zuerst in der persönlich-Printausgabe vom Januar/Februar publiziert. Aebi verstarb am 27. Januar 2026.


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KOMMENTARE

Peter Eberhard
16.03.2026 09:20 Uhr
" Werbekampagnen können auch so gemacht werden, dass sie nicht nur Alltagsbelästigung, sondern ein Stück erfreulicher Kultur sind." Genau das sollte das Credo der Werbeindustrie sein, die heute vor allem Produkte herstellt, die niemand hören, sehen und lesen will, sondern die man mit Adblockern, Verbotsklebern, Replay/Aufzeichnungen & Co. möglichst von sich fernhalten möchte. Und nein, da sind nicht einfach die Auftraggeber schuld, denen scheints der Mut fehle, sondern die kreative Faulheit der Werber selbst.

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