Sina Candrian, welches Vorurteil über Jugendliche hat Sie als Jugendliche selbst am meisten genervt?
Als Jugendliche hatte ich oft das Gefühl, dass meine vielen kreativen, wilden und manchmal auch (zu) verrückten Ideen schnell als unrealistisch oder gefährlich abgestempelt wurden. Dabei steckt gerade in solchen Ideen oft unglaublich viel Energie und Mut. Gerade im Freestyle-Sport, Musik oder in der Kunst entsteht aus genau solchen spontanen und wilden Ideen oft etwas ganz Besonderes. Viele Dinge, die zuerst verrückt wirken, können später zu echten Chancen werden.
Genau solche Vorurteile wollten Sie mit «Don’t Grow Up! #GrowStrong» aus der Welt räumen – einem Kurzfilm, den 57 Jugendliche selbst realisiert haben (persoenlich.com berichtete). Wie wurde aus so vielen verschiedenen Stimmen eine kohärente Botschaft?
Beim Projekt «Don’t Grow Up! #GrowStrong» war es uns wichtig, von Anfang an partizipativ zusammenzuarbeiten – sowohl beim Schreiben des Drehbuchs als auch später während des Drehs. Die Jugendlichen konnten ihre Ideen einbringen, mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Ihre tollen Ideen und Vorschläge haben wir ernst genommen, genau hingehört und sind ihnen auf Augenhöhe begegnet. Dadurch entstand eine Atmosphäre, in der sich alle entfalten und kreativ sein konnten. Das hat die ganze Filmcrew gestärkt und für eine unglaublich motivierende Energie am Set gesorgt.
Der Film hat bereits vor dem Release Gold bei den Cannes Corporate Media & TV Awards geholt. Was sagt das über die Qualität aus, die Jugendliche leisten können, wenn man ihnen Vertrauen schenkt?
Der Gold-Award zeigt, was möglich ist, wenn Jugendliche Vertrauen bekommen und ihre Ideen ernst genommen werden. Mit Halsundbeinbruch Film hatten wir eine professionelle Produktionsfirma mit viel Erfahrung an unserer Seite. Sie haben das Projekt gemeinsam mit den Jugendlichen sorgfältig aufgebaut. Diese Kombination aus professioneller Begleitung und echtem Mitgestalten war entscheidend. Die Jugendlichen konnten ihre Perspektiven, Ideen und ihre Kreativität voll einbringen. So ist ein unglaublich starker und aussagekräftiger Film entstanden, auf den alle stolz sein können.
Der Film stellt eine provozierende Frage: Wollen Jugendliche nicht erwachsen werden – oder wollen sie einfach nicht so werden wie wir? Was ist Ihre persönliche Antwort darauf?
Ich glaube, jeder Mensch ist ein Individuum und möchte auch genauso wahrgenommen werden – das gilt für Jugendliche genauso wie für Erwachsene. Niemand hat Lust, in eine Schublade gesteckt oder pauschal kategorisiert zu werden. Jugendliche wollen ihren eigenen Weg finden und herausfinden, wer sie selbst sind. Und ehrlich gesagt hoffe ich auch, dass die nächste Generation in vielem anders wird als wir. Das passiert ganz natürlich, weil sich unsere Lebensbedingungen, Herausforderungen und Möglichkeiten ständig verändern.
Gorilla arbeitet seit über 15 Jahren mit Jugendlichen. Wie hat sich das gesellschaftliche Bild der Jugend in dieser Zeit verändert – zum Besseren oder zum Schlechteren?
Ja, das Bild der Jugendlichen hat sich in den letzten 15 Jahren definitiv verändert. Ob zum Besseren oder zum Schlechteren, finde ich schwer zu beurteilen – vieles ist einfach anders geworden. Jugendliche werden heute mit anderen Themen konfrontiert und sind mit ganz anderen Dingen beschäftigt als früher. Gleichzeitig haben sie neue Möglichkeiten, sich auszudrücken und zu vernetzen, und auch wir als Organisation haben neue Wege gefunden, mit ihnen in den Austausch zu treten. Zugleich sehen wir Herausforderungen wie steigende Übergewichtigkeit durch weniger Bewegung und ungesunde Ernährung, einen sehr hohen Bildschirmkonsum oder auch Themen rund um die psychische Gesundheit. Genau deshalb ist es so wichtig, diese Themen gemeinsam mit den Jugendlichen anzugehen und Lösungen zusammen zu entwickeln.
Mentale Gesundheit ist ein zentrales Thema im Film. Warum braucht es einen Kurzfilm von Teenagern, damit dieses Thema Gehör findet?
Keine Botschaft ist so wirkungsvoll, wie wenn Jugendliche selbst von sich erzählen. Wenn junge Menschen aussprechen, was in ihren Köpfen und Herzen vorgeht, entsteht eine ganz besondere Ehrlichkeit und Nähe. Genau das macht einen solchen Film so stark und authentisch. Wir möchten ihre Stimmen, Gedanken und Gefühle sichtbar machen und gemeinsam mit ihnen in die Gesellschaft hinaustragen. Denn nur wenn wir wirklich zuhören, können wir besser verstehen, was sie bewegt.
Die Kampagne läuft crossmedial: von Schulhauspostern bis zu digitalen eBoards und TikTok. Influencer und Medienpartner sind eingebunden. Wie stellen Sie sicher, dass die authentische Jugendstimme dabei nicht durch kommerzielle Logiken verwässert wird?
Unser wichtigster Kompass ist immer die authentische Stimme der Jugendlichen. Der Film und die Botschaften sind aus ihren Gedanken, Erfahrungen und Ideen entstanden – daran orientieren wir uns auch in der ganzen Kampagne. Die verschiedenen Kanäle wie Poster, eBoards oder TikTok helfen vor allem dabei, diese Stimmen sichtbar zu machen und möglichst viele Menschen zu erreichen. Uns geht es nicht um kommerzielle Logik, sondern darum, Impulse zu setzen: kurz innehalten, über sich selbst nachdenken und vielleicht auch den Mut finden, etwas zu verändern. Der Film ist zwar kurz, aber er kann sehr viel auslösen – genau diese Wirkung möchten wir verstärken.
Was unterscheidet diesen Ansatz von anderen Jugendprojekten, die auch behaupten, auf Augenhöhe zu sein?
Was unseren Ansatz besonders macht, ist die echte Zusammenarbeit mit den Jugendlichen von Anfang an. Sie sind nicht nur Teilnehmende, sondern authentische Botschafterinnen und Botschafter, die bei der Entwicklung von Projekten mitdenken und mitgestalten. Wir stehen im stetigen Austausch mit ihnen und begegnen uns auf Augenhöhe. Gleichzeitig sind wir sehr nah an ihrem Alltag und arbeiten direkt «an der Front», wodurch wir ihre Themen, Trends und Bedürfnisse früh wahrnehmen. So entstehen Projekte, die wirklich aus der Lebenswelt der Jugendlichen heraus entstehen.
Co-Creation bedeutet auch Kontrollverlust. Gab es Momente, in denen Jugendliche eine Richtung einschlugen, die Sie intern diskutiert oder hinterfragt haben?
Durch die enge Zusammenarbeit mit den Jugendlichen und die professionelle Begleitung der Filmcrew konnten Ideen gemeinsam weiterentwickelt und gut eingeordnet werden. Natürlich ist nicht immer jede Person von Anfang an von jeder Idee begeistert. Aber genau dort wird es spannend – weil Diskussionen neue Perspektiven öffnen. Die partizipative Zusammenarbeit hilft dabei, diese Ideen gemeinsam zu formen. So entsteht am Ende ein Produkt, hinter dem alle stehen und auf das alle stolz sein können.
«Ich habe wieder einmal bemerkt, wie beeindruckend Jugendliche mit ihrem Mut, ihren Ideen und ihrer Kreativität sind»
Was haben Sie durch dieses Projekt über die heutige Jugend gelernt, das Sie vorher nicht wussten?
Gelernt ist vielleicht das falsche Wort – aber ich habe wieder einmal bemerkt, wie beeindruckend Jugendliche mit ihrem Mut, ihren Ideen und ihrer Kreativität sind. Wenn man ihnen Raum gibt, zeigen sie unglaublich viel Engagement und Offenheit. Es ist schön zu sehen, wie sie ihre Gedanken teilen und gemeinsam etwas gestalten wollen. Diese Energie und Ehrlichkeit ist wirklich bewundernswert. Genau solche Momente erinnern mich immer wieder daran, wie viel Potenzial in der jungen Generation steckt.
Was kann eine Organisation wie Gorilla leisten – und was muss die Gesellschaft selbst ändern im Umgang mit Jugendlichen?
Als Organisation können wir gemeinsam mit Jugendlichen Projekte umsetzen, in denen sie ihre Ideen, ihre Kreativität und ihre Perspektiven einbringen können. Dabei möchten wir Räume schaffen, in denen sie sich ernst genommen fühlen und ihre Stärken entfalten können. Gleichzeitig hoffen wir, auch kritische Stimmen gegenüber den Jugendlichen zu erreichen und aufzuzeigen, dass Jugendliche im Grunde mit viel Positivem unterwegs sind. Denn wenn man genau hinschaut: da wächst eine mutige, kreative und resiliente Generation heran. Als Gesellschaft dürfen wir ihnen deshalb vor allem Vertrauen schenken und ihnen wirklich zuhören.
Welches Vorurteil über die Jugend von heute mussten Sie selbst revidieren?
Eine schwierige Frage. Vielleicht das Vorurteil, dass die Jugendlichen von heute verwöhnt seien. In gewissen Bereichen mag das auf den ersten Blick so wirken, weil sie mit vielen Möglichkeiten aufwachsen. Gleichzeitig stehen sie aber auch vor ganz anderen Herausforderungen und einem hohen Druck. Wenn man genauer hinhört, merkt man schnell, wie reflektiert, engagiert und stark viele Jugendliche heute sind.

