01.10.2025

Ausschreibung

Zürich verärgert mit Abbruch elf Agenturen

Die Stadt Zürich stoppt die Ausschreibung für ihre neue Employer-Branding-Kampagne wegen eines Formfehlers. Leidtragende sind elf Agenturen, die dafür umfangreiche und unbezahlte Vorarbeit geleistet haben – eine Investition, die nun für alle vergebens war.
Ausschreibung: Zürich verärgert mit Abbruch elf Agenturen
Ein Motiv der aktuellen Employer-Branding-Kampagne von KSP für die Stadt Zürich. Deren Weiterentwicklung wurde nun gestoppt. (Bild: KSP)

Sechs Wochen nach dem Eingabetermin hat die Stadt Zürich die öffentliche Ausschreibung für ihre neue Employer-Branding-Kampagne auf Simap, der offiziellen Plattform für das öffentliche Beschaffungswesen der Schweiz, unerwartet gestoppt.

Elf Agenturen hatten sich am Vergabeverfahren beteiligt. Der Aufwand sei «maximal» gewesen, heisst es aus der Branche. Für die betroffenen Agenturen ist der Entscheid deshalb besonders bitter. Einer der Betroffenen, der anonym bleiben möchte, bringt den Frust auf den Punkt: «Hier hat die Stadt Unmengen an Ressourcen und Herzblut der Kommunikationsbranche in Luft aufgelöst.»

Für die Agenturen wiegt der Abbruch besonders schwer, weil die Ausschreibung weit mehr als nur eine einfache Offerte verlangte. Konkret mussten die Anbieter kreative und strategische Vorleistungen erbringen. Dazu zählten die Entwicklung von drei ergänzenden Kampagnensujets für die bestehende Employer-Branding-Kampagne, zwei weitere Sujets für eine parallele Call-to-Action-Kampagne für aktuell ausgeschriebene Stellen, die Ausarbeitung konzeptioneller Überlegungen für die neue Zielgruppe der Quereinsteiger sowie ein kompletter kreativer Ideenansatz zur Weiterentwicklung der bestehenden Kampagne.

Eine Investition, die nun vergebens war.

«Nur erste Skizzen verlangt»

Warum verlangte die Stadt von allen elf Agenturen bereits so umfangreiche Vorleistungen? Matthias Ullmeyer, Leiter HR-Kommunikation und Employer Branding ad interim bei der Stadt Zürich, sagt auf Anfrage: «Im Rahmen einer Ausschreibung wird eine solide Grundlage für die Auswahlentscheidung benötigt. Entsprechend müssen die bietenden Agenturen ihre kreative Kompetenz aufzeigen und die mediale Umsetzbarkeit erkennbar machen.»

Die Stadt betont, dass es sich nicht um eine komplette Neuentwicklung gehandelt habe, sondern um eine «Weiterentwicklung auf bereits bestehendem Material». Verlangt worden seien lediglich «erste visuelle Skizzen», die eine kreative Bildidee veranschaulichen sollten – «nicht fertig ausgearbeitet, sondern reduziert auf das Wesentliche». Eine detaillierte Ausarbeitung der Kampagnensujets wäre erst nach Erteilung des Auftrags an die Gewinneragentur erfolgt.

Mangelnde Vergleichbarkeit

Wäre. Denn so weit kommt es schon gar nicht. Ullmeyer erklärt den Grund für den Abbruch: «Im Zuge der Angebotsprüfung und Bewertung wurde festgestellt, dass die in der Ausschreibung definierten Leistungsbeschriebe und die dazu eingereichten Offerten einen zu grossen Interpretationsspielraum zuliessen.» Die mangelnde Vergleichbarkeit der Angebote habe die Evaluation des «vorteilhaftesten Angebots» nach den Regeln des öffentlichen Beschaffungswesens (Art. 41 IVöB) verunmöglicht.

Anders als bei Pitches privater Unternehmen, bei denen oft eine Entschädigung für den Aufwand gezahlt wird, verhält es sich bei öffentlichen Ausschreibungen anders. Dies bestätigt auch Ullmeyer: «Gemäss Ausschreibungsbedingungen wird der Aufwand der Anbieter in einem Beschaffungsverfahren nicht entschädigt, daran ändert auch der Abbruch nichts.»

Ullmeyer bezeichnet den Abbruch des Verfahrens als «für alle Beteiligten unerfreulich», sieht ihn aber als unumgänglich an. Das Projekt soll zu einem späteren Zeitpunkt neu ausgeschrieben werden. «Alle Anbietenden haben somit nochmals die Chance, ein Angebot einzureichen», so Ullmeyer.

Ob die elf Agenturen dazu nochmals Lust haben, ist allerdings fraglich.


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KOMMENTARE

Adrian Schaffner
06.10.2025 11:30 Uhr
Das Ganze erinnert doch stark an die Schaffhausen-Ausschreibung vor 6 Jahren. Wer es gerne nochmals nachlesen möchte, hier der Link: https://www.persoenlich.com/blog/schaffhausen-pitch-kostet-die-agenturen-eine-halbe-million Damals haben 57 Agenturen teilgenommen und der Kantonsrat hat schliesslich bei der Beratung für die ausgearbeitete Konzeptidee «nichteintreten auf das Geschäft» entschieden. Die ganze Arbeit wurde also nicht einmal angeschaut und direkt gekübelt. 6 Jahre später sind es wenigstens «nur» noch 11 Agenturen, deren Arbeit in den Sand gesetzt wird. Aber die Auftraggebenden der öffentlichen Hand haben offenbar noch nichts dazu gelernt.
Yves Seiler
03.10.2025 10:43 Uhr
Über elf Agenturen hinweg schwebt sicher die gute alte Fee mit dem prall gefüllten Portemonnaie und verteilt ihre Pitchgelder. Oder gibt es diese Fee gar nicht – ist alles nur ein Märchen? Aber dann hätten die Leading Swiss Agencies wohl alle gar nicht teilgenommen. Was auch ziemlich langweilig wäre. Oder haben sie etwa doch? Diese Geschicht ist bestimmt noch nicht zu Ende.
Sara Steinmann
02.10.2025 13:52 Uhr
Schade, um die Kreativität, die Zeit und den Einsatz der Kreativen und allen anderen in der Agentur. Pardon, in den 11 (!) Agenturen.
Peter Eberhard
02.10.2025 09:57 Uhr
Ich dachte immer, projektbezogene, konkrete Vorschläge seien bei einem Pitch entschädigungspflichtig. Sorry, kleiner Scherz.... Und ein völlig unprofessioneller Auftraggeber: Wie um Himmelswillen kommt man auf sagenhafte ELF Agenturen? Und dann: "....die in der Ausschreibung definierten Leistungsbeschriebe ... liessen einen zu grossen Interpretationsspielraum zu". Nicht zu fassen.
Peter Lesch
02.10.2025 09:35 Uhr
Auszug aus dem asw-Wertekodex: "Wir nehmen nicht an Auswahlverfahren teil, die unverhältnismässige Vorleistungen zu Lasten der Agenturen erfordern." Was ist das Problem? Peter Lesch
Claude Bürki
02.10.2025 08:01 Uhr
Einmal mehr: unbezahlte Vorarbeit. Ja, haben denn die Agenturen immer noch nichts gelernt -- gratis pitchen, ein No-go! Und das gleich noch zu elft! So wird Arbeit der Agenturen "wertgeschätzt"...
Ramon Alder
02.10.2025 07:39 Uhr
Diese Ausschreibung war ein reinstes Desaster. Es war von Anfang an absehbar, dass das nicht gut ausgehen kann, hätte man die Fragen der interessierten Agenturen ernst genommen und entsprechend gehandelt. Das Problem war früh erkennbar, man hätte bereits damals die richtigen Konsequenzen ziehen müssen. Schade, dass dennoch elf Agenturen unter diesen Bedingungen angetreten sind und viel Energie und Herzblut investiert haben. Übrigens: Auch bei öffentlichen Ausschreibungen ist eine Pitch-Entschädigung nicht unüblich. Nicht in der ersten Runde, die vom Aufwand her überschaubar bleibt, aber sehr wohl in der zweiten Runde. Dort, wo sich die Auswahl auf zwei bis vier Agenturen (nicht elf, liebe Stadt Zürich) reduziert und konkrete Strategie- und Konzeptarbeiten verlangt werden. Falls bei der nächsten Ausschreibung Unterstützung benötigt wird: Der LSA steht gerne beratend zur Seite.
Miro Dietiker, MD Systems
02.10.2025 07:30 Uhr
Wir schreiben das Jahr 2021, revidieren das Beschaffungswesen, und keiner kriegt es mit. Auch nicht 4+ Jahre später? Das neue Dialogverfahren wäre optimal geeignet für solche kreative Leistungen und Unsicherheit seitens des Beschaffers. Ausserdem wären Entschädigungen für Aufwände der ausgewählten Agenturen für ihre kreative Leistungen möglich und auch sinnvoll - z.B. auch um die Rechtslage um die präsentierten Werke fair zu klären. Achtung Gefahrenzone: "Trägt die Vergabestelle am Abbruch des Verfahrens ein Verschulden, kann sich die Vergabestelle mit Schadenersatzbegehren konfrontiert sehen (weitere Ausführungen hierzu in der Rubrik Konsequenzen einer Beschwerde / Schadenersatz)."
Victor Brunner
02.10.2025 07:05 Uhr
«Hier hat die Stadt Unmengen an Ressourcen und Herzblut der Kommunikationsbranche in Luft aufgelöst.» Stimmt. ist nicht abwertend oder verletzend und trotzdem anonym, Ist die Angst vor Konsequenzen durch die Stadt so gross? Fakt ist 11 Agenturen müssen die Kosten für die Pfuschausschreibung der Stadt berappen. Während die Stadt Marmorböden im Freien will, teure Bio-Container anschafft, das Personal bei der Pensionskasse besser stellen will und die Agenturen lässt die Stadt Gratisarbeit verrichten!
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