31.10.2026

Saastal

«Wir sind die ‹hochalpine Feriendestination›»

Warum soll man im Walliser Saastal Ferien machen? Iwan Bitschin, frischgekürter Leiter Marketing und Kommunikation bei der Tourismusorganisation Saas-Fee/Saastal, weiss, warum. Im Interview erläutert er sein Marketingkonzept.
Saastal: «Wir sind die ‹hochalpine Feriendestination›»
«Unsere Strategie basiert auf einer klaren inhaltlichen Fokussierung», so Iwan Bitschin, Leiter Marketing und Kommunikation bei der Tourismusorganisation Saas-Fee/Saastal. (Bild: zVg)

Herr Bitschin, was hat Sie gereizt, gerade die Marketingverantwortung für das Saastal zu übernehmen?
Ehrlich gesagt, bin ich eher als «Spätzünder» im Marketing gelandet. Mit meinem Hintergrund als Wirtschaftsingenieur startete ich bei Saastal Tourismus als Produkt- und Sales-Manager. Das schien mir damals die einzige logische Schnittstelle zu meinen bisherigen Erfahrungen. Doch die Leidenschaft für die Vermarktung packte mich schnell. Als gebürtiger Saas-Feer ist die Region tief in meiner DNA verwurzelt. Es gibt wohl kaum einen Job, bei dem man authentischer hinter dem Produkt stehen kann als bei der eigenen Heimat. Die Chance, meine Verbundenheit zur Region mit strategischem Marketing zu verbinden, um das Saastal national und international noch stärker zu positionieren, war eine Herzensangelegenheit und eine spannende Herausforderung, die ich schlichtweg ergreifen musste.

Welche übergeordnete Marketingstrategie verfolgen Sie, um das Saastal in den nächsten fünf Jahren international stärker zu positionieren?
Unsere Strategie basiert auf einer klaren inhaltlichen Fokussierung: Wir schärfen unser Profil als «die hochalpine Feriendestination». Statt auf kurzfristige Trends zu setzen, vertrauen wir auf unsere gewachsene Identität und die beeindruckende Kulisse aus 18 Viertausendern, die unsere geografische Einmaligkeit definieren. International streben wir einen ausgewogenen Gästemix an. Neben der treuen Basis in der Schweiz bearbeiten wir gezielt die europäischen Nahmärkte sowie Fernmärkte in Nordamerika und Asien. Dabei transformieren wir unser Marketing hin zu einer ganzheitlich integrierten Marketingstrategie, die über alle analogen und digitalen Kontaktpunkte hinweg authentische Geschichten erzählt. Ein wesentlicher Pfeiler ist die Etablierung von Saas-Fee/Saastal als Ganzjahres-Erlebnisraum, um die Saisonabhängigkeit zu reduzieren. Durch starke Synergien mit Partnern in der globalen Vermarktung erhöhen wir unsere globale Sichtbarkeit und verankern uns nachhaltig in den Köpfen internationaler Reisender.

Was erachten Sie derzeit als die grösste Herausforderung im Destinationsmarketing für eine alpine Region wie das Saastal?
Der radikale Wandel vom klassischen «Gefunden-Werden» hin zum aktiven «Gäste-Finden». Früher reichte es, auf Google präsent zu sein, wenn jemand nach Skiferien suchte. Heute hat sich das Gästeverhalten fundamental verändert: Die Inspiration findet oft zufällig und fragmentiert auf Social Media oder durch KI-basierte Tools statt, noch bevor überhaupt ein konkretes Reiseziel im Kopf existiert. Die grösste Herausforderung ist es, aus der Masse an austauschbaren, wunderschönen Bildern alpiner Destinationen herauszustechen. In einem Markt, der vor «Bergglück-Content» überquillt, müssen wir unsere Vision für «persönliche Herausforderungen» so spitz und mutig positionieren, dass wir im digitalen Rauschen nicht untergehen. Es reicht nicht mehr, «nur» schöne Pisten zu haben; wir müssen den Gast dort abholen, wo er seine Träume formt, und ihn mit lückenloser Online-Buchbarkeit direkt zur Conversion führen.

Welche neuen Zielgruppen möchten Sie für das Saastal erschliessen, und wie soll deren Ansprache konkret erfolgen?
Wir konzentrieren uns auf fünf Kernsegmente: ambitionierte Schneesportler, anspruchsvolle Wandernde, aktive Familien, Abenteurer sowie das gut situierte Paar. Unser Fokus liegt auf Gästen, die das Hochalpine nicht nur konsumieren, sondern als persönliche Bereicherung und Herausforderung suchen. Wir verstehen diese Segmente nicht als starre Kategorien, sondern als Lebenswelten. Für ambitionierte Schneesportlerinnen und Schneesportler rücken wir unsere garantierte Schneesicherheit und die weitläufigen Pisten bis auf 3500 m ü. M. ins Zentrum, während wir für Abenteurer die physische Herausforderung unserer Berge und die hochalpinen Gletschererlebnisse betonen. Strategisch nutzen wir Synergien, etwa durch die Verknüpfung von Naturerlebnissen mit regionaler Kulinarik für das genussorientierte Paar. Durch authentisches Storytelling verbinden wir Tradition mit dem Bedürfnis nach Entschleunigung. Unser Ziel ist eine Community, für die das Saastal der Ort ist, an dem persönliche Ambition auf eine unvergleichliche Naturkulisse trifft.

Wie differenziert sich das Saastal gegenüber anderen alpinen Destinationen in der Schweiz und im Ausland?
Wir unterscheiden uns durch eine bodenständige Positionierung, die auf echte Substanz statt auf künstliche Events setzt. Das Saastal ist ein authentischer Abenteuerspielplatz in seiner reinsten Form. Die Präsenz der 18 Viertausender ist bei uns kein Marketingeffekt, sondern der direkte Lebens- und Erlebnisraum für unsere Gäste – von der Profisportlerin am Gletscher bis hin zur Familie beim ersten Bergwandern. Was uns wirklich unterscheidet, ist die Kombination aus dieser gewaltigen Naturkraft und einer tief verwurzelten Bodenständigkeit. In Saas-Fee bewahren wir durch die konsequente Autofreiheit eine dörfliche Ruhe, die eine sichere Geborgenheit schafft und den Fokus auf das Wesentliche lenkt. Wir müssen nicht laut sein, um aufzufallen. Unsere Stärke ist die Substanz: Wer zu uns kommt, findet ein sonniges Hochgebirgstal, das seine Traditionen pflegt und den Gast als Partner auf Augenhöhe empfängt.

Welche Bedeutung hat nachhaltiger Tourismus in Ihrer Kommunikations- und Markenstrategie für das Saastal?
Nachhaltigkeit ist für eine alpine Destination heutzutage eine strategische Notwendigkeit, um die Lebens- und Erlebnisgrundlage – die hochalpine Natur – langfristig zu bewahren. Wir nutzen nachhaltige Überlegungen als strategische Leitplanke und für transparente Kommunikation. Ein zentraler Meilenstein ist hierbei die Einstufung als Swisstainable Destination auf Level II – engaged. Diese Auszeichnung unterstreicht, dass wir uns als gesamte Region zu einer kontinuierlichen und messbaren nachhaltigen Entwicklung verpflichtet haben. Unsere Markenstrategie folgt dem Prinzip einer Balance zwischen ökologischer Verantwortung, gesellschaftlichem Wohlergehen und ökonomischer Stabilität. Wir setzen auf eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, um die regionale Wertschöpfung zu stärken und die authentische Kultur des Saastals zu erhalten. Wir verstehen Nachhaltigkeit als einen Prozess, bei dem wir unsere Gäste nicht belehren, sondern sie einladen, Teil einer verantwortungsvollen Reisekultur in einer sensiblen Bergwelt zu sein.

Welche persönlichen Erfahrungen oder Stationen in Ihrer Karriere prägen heute Ihren Blick auf Tourismusmarketing?
Vor meinem Wechsel in den Tourismus war ich in der Innovationsberatung tätig. Dort habe ich gelernt, dass die besten Lösungen nicht im Elfenbeinturm der Geschäftsleitung, sondern in kollaborativen Prozessen entstehen, die den Kunden konsequent ins Zentrum stellen. Im Destinationsmarketing ist es ähnlich: Es reicht heute nicht mehr, «nur» mit der Schönheit der Natur oder guten Hotels zu werben. Wirkliche Wow-Erlebnisse schaffen wir nur, wenn wir das Angebot holistisch über die gesamte Customer-Journey betrachten. Das bedeutet, dass wir uns als Destination zusammensetzen und die Bedürfnisse der Gäste radikal in den Mittelpunkt rücken, statt Dienstleistungen in Silos zu denken. Wir haben im Saastal noch viel ungenutztes Potenzial, um durch diesen kooperativen Ansatz unvergessliche Erinnerungen zu schaffen. Es ist ein Prozess, der Mut erfordert, aber letztlich den Unterschied zwischen einer austauschbaren Bergkulisse und einer unverwechselbaren Marke ausmacht. Ein hervorragendes Produkt, das zu einer hohen Gästezufriedenheit führt, ist schlussendlich das beste Marketing.



Dieser Text ist zuerst in der persönlich-Printausgabe vom September erschienen.


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