28.10.2026

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«Es geht darum, dass man uns irgendwann nicht mehr braucht»

Mentoring als Begleitung auf Zeit: Seit zehn Jahren bringt das Migros-Kulturprozent mit «Double» Kulturschaffende in einen intensiven Austausch. Was dieses Förderformat wirksam macht, erläutern der Projektleiter Mirko Vaiz und die Autorin Flurina Badel, die das Programm sowohl als Mentee als auch als Mentorin kennt. Ein Gespräch über Vertrauen, Netzwerke, Mehrsprachigkeit und die Frage, wann ein Mentorat seinen Zweck erfüllt hat.
Gesellschaftliches Engagement der Migros: «Es geht darum, dass man uns irgendwann  nicht mehr braucht»
Flurina Badel und Mirko Vaiz im Gespräch.

Herr Vaiz, was hat sich in zehn Jahren verändert – und was ist gleich geblieben?
Mirko Vaiz: Im Kern ist das Format unverändert: Wir bieten massgeschneiderte Mentorate für Kulturschaffende. Die Mentees bewerben sich mit einem Projekt bei aus-
gewählten Coaches und arbeiten ein Jahr lang im engen Austausch an individuellen Fragestellungen. Verändert hat sich die Breite des Angebots: Ursprünglich auf Literatur ausgerichtet, umfasst Double heute neun Sparten. Seit letztem Jahr gibt es zudem eine Ausschreibung für spartenverbindende Projekte; insgesamt führen wir jährlich zehn Ausschreibungen durch. Hinzu kommt ein Netzwerktreffen, das Coaches und Mentees mehrerer Jahrgänge zusammenbringt, den Austausch stärkt und Workshops zu spartenübergreifenden Themen ermöglicht.

Frau Badel, wie erleben Sie Double in der Schweizer Förderlandschaft?
Flurina Badel: Gerade bei Nachwuchs-
autor*innen ist Double Literatur heute fest auf dem Radar. Was ich besonders innovativ finde: Double hat das Thema Mehrsprachigkeit früh ernst genommen. In der Schweiz sind viele Schreibende mehrsprachig. Früher zeigte sich das eher unterschwellig in Texten, heute zunehmend ganz explizit. Dass es dafür eigene Mentorate gibt, ist extrem wertvoll – auch weil Mehrsprachigkeit bei vielen Förderinstitutionen noch immer zu wenig mitgedacht wird. Nebst Double Literatur gibt es nur eine einzige andere Möglichkeit, ein Mentorat für einen rätoromanischen Text zu bekommen: Seit letztem Jahr bietet die Lia Rumantscha einen zweijährigen Studiengang für Literarisches Schreiben mit Mentorat für das Abschlussprojekt an.

Welche Qualität hat die Zusammenarbeit im Mentorat – und worin unterscheidet sie sich von anderen Förderformaten?
Mirko Vaiz: Double bringt Mentees mit Coaches zusammen, die gut zu ihnen passen und auf ihre individuellen Anliegen eingehen. Während eines Jahres werden sie künstlerisch begleitet und meist auch organisatorisch unterstützt. Ein weiterer Effekt ist, dass Coaches mit ihren Netzwerken Türen öffnen können. Darin liegt der grosse Unterschied zu beispielsweise rein finanzieller Förderung.

Flurina Badel: Ich finde dieses «Türen-Öffnen» sehr wertvoll – in der Literatur etwa ganz konkret durch das Teilen meines Netzwerks. Mit meiner Mentee spreche ich über praktische Fragen, die im Studium noch kein Thema sind, zum Beispiel, wie ein Verlagsvertrag aussehen sollte. Wir tauschen uns aber auch darüber aus, wie sich ein Kleinkind und Schreiben vereinbaren lassen. Wichtig ist mir, dass im Mentorat alles Platz hat: der Text, die Emotionalität und die aktuellen Lebensumstände. Ein Residenzaufenthalt, den wir im Rahmen des Mentorats machen konnten, hat das noch einmal verdichtet – gemeinsam vor Ort entsteht eine andere Konzentration.

Haben Sie den Eindruck, dass bei Double ein Dialog zwischen künstlerischen Generationen entsteht?
Flurina Badel: Im Mentorat mit Romana Ganzoni 2018/2019 war das «Generationenübergreifende» stärker, da sie bereits fest im Literaturbetrieb verankert war. Aktuell mit Selina Beghetto erlebe ich eher einen Austausch unter Kolleginnen – da sie auch schon langjährige Erfahrung im kreativen Schaffen hat. Bei Romana bestand stärker ein Gefälle zwischen ihrer Erfahrung und meinem Werdegang. Aber in der Literatur lässt sich «Generation» ohnehin nicht linear denken: Nachwuchsautor*innen sind oft 40 oder älter. Das Alter hat in der Literatur einen grossen Mehrwert.

Mirko Vaiz: Grundsätzlich gilt: Wenn die künstlerische Qualität vergleichbar ist, geben wir Mentees den Vorzug, die neu im Kulturbetrieb sind. Die Unterstützung durch erfahrene Kolleg*innen ist für sie besonders wertvoll – für die künstlerische Entwicklung, die Professionalisierung und den Netzwerkaufbau. Das Kriterium «Alter» ist dabei – wie Flurina für die Literatur gezeigt hat – relativ. Entscheidend ist der Austausch: Ein Mentorat lebt vom Dialog. In den Rückmeldungen betonen Coaches oft, dass sie selbst viel von den Mentees lernen. Gerade dieser gegenseitige Austausch macht das Mentorat wertvoll. Beide Seiten profitieren davon.

Welche Rolle spielt die Auswahl der Coaches?
Mirko Vaiz: Mit der Auswahl der rund 30 Coaches pro Jahr können wir gezielt auf aktuelle Themen im Kulturbetrieb eingehen. Unsere Spartenexpert*innen wirken wie Seismografen: Sie erkennen früh, welche Themen die Szene beschäftigen, und schlagen passende Coaches vor. Es zeigt sich übrigens, dass in fast allen Sparten ein wachsender Bedarf an Mentoraten besteht, die über die reine künstlerische Zusammenarbeit hinausgehen. Wir setzen entsprechend Schwerpunkte. Ein wichtiges Thema ist die Inklusion: In Sparten wie Tanz oder Jazz bieten wir Mentorate für Künstler*innen mit Behinderungen an. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Gendergerechtigkeit: Der Frauenanteil unter den Coaches ist hoch, und besonders in männerdominierten Bereichen wie Jazz achten wir darauf, ein Gegengewicht zu schaffen.

Frau Badel, aus persönlicher Sicht: Was haben Sie aus Ihrer Zeit als Mentee mitgenommen – und wie prägt das heute Ihre Rolle als Mentorin?
Flurina Badel: Was mir als Mentee geblieben ist – und was ich auch als Mentorin erreichen möchte –, ist dieser Moment des Öffnens. Jemandem zu vertrauen und Einblick in den Rohzustand eines Textes zu geben, ist ein fragiler Schritt. Da kann viel kaputtgehen. Es braucht Vertrauen. Dass ich mich meiner Mentorin gegenüber so öffnen konnte, war für mich eine wichtige Erfahrung. Idealerweise braucht die Mentee nach dem Mentorat die Meinung der Mentorin nicht mehr. Es geht darum, während eines Entwicklungsschritts intensiv begleitet zu werden – und irgendwann nicht mehr darauf angewiesen zu sein. Das wünsche ich mir als Mentorin: dass ich für einen abgeschlossenen Prozess stehe, für den es mich danach nicht mehr braucht.

Herr Vaiz, Ihre wichtigste Erkenntnis aus zehn Jahren?
Mirko Vaiz: Ich schliesse hier an die Aussage von Flurina an. Das Zwischenmenschliche ist zentral. Unsere Aufgabe ist es, einen Rahmen zu schaffen, in dem vertrauensvoll, offen und achtsam gearbeitet werden kann.

Und die Zukunft?
Mirko Vaiz: Die nächste spartenverbindende Ausschreibung realisieren wir gemeinsam mit Migros-Kulturprozent m2act, einem Schwesterprojekt hier in der Kulturförderung beim Migros-Kulturprozent. m2act setzt sich für strukturelle Veränderungen, faire Arbeitsbedingungen sowie für Inklusion und Diversität ein. Gemeinsam entwickeln wir ergänzend zu den Mentoring-Angeboten für Kulturschaffende ein Coaching-Angebot für Institutionen und Ensembles.

Zum Schluss: Was macht Double für Sie über die Förderung hinaus besonders?
Mirko Vaiz: Die Bewerbungen, die wir erhalten, spiegeln in ihrer Gesamtheit gesellschaftliche Entwicklungen. Sie geben uns nicht nur einen Einblick, woran die Kulturschaffenden in ihren Sparten arbeiten, sondern zeigen auch aktuelle Themen der Gesellschaft auf. 

Flurina Badel: Das ist ein spannender Aspekt. Diesen Einblick hätte ich auch sehr gerne. Mit der Auswahl der Mentees prägt ihr die Schweizer Kulturlandschaft mit und macht Fragen unserer Zeit sichtbar. Darin liegt eine grosse Verantwortung.


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