10.09.2012

"Reportagen"

Bilanz nach Jahresfrist

"Wir wollen DAS Reportage-Magazin werden".

Seit letztem Oktober hat die Schweiz eine Zeitschrift für fundierte "Reportagen". Nach knapp einem Jahr und sechs erschienenen Ausgaben, hat persoenlich.com bei Chefredaktor Daniel Puntas Bernet nachgefragt, wie sich das mutige Print-Projekt entwickelt.

Herr Puntas, Sie haben im letzten Oktober die Zeitschrift "Reportagen" lanciert. Ihr erklärtes Ziel: hochstehende, journalistische Texte zu publizieren und faire Journalistenlöhne zu zahlen. Wie nah sind Sie diesem Ziel mittlerweile gekommen?

Was die Qualität unserer Texte anbelangt, müssen letztlich die Leserinnen und Leser entscheiden. Wir glauben, dass wir auf hohem Niveau gestartet sind und uns mittlerweile verbessern konnten. Unsere Messlatte liegt aber immer noch etwas höher. Schliesslich wollen wir mittelfristig DAS deutschsprachige Reportage-Magazin werden. Und dass wir faire Löhne bezahlen, hat sich – wenn man die Menge der Anfragen von Autoren anschaut –, offenbar herumgesprochen.

Können Sie für uns eine kleine Bilanz nach einem knappen Jahr "Reportagen" ziehen?

Die grösste Herausforderung ist es, die grösstenteils positive Resonanz in Abonnenten umzuwandeln – schliesslich basiert unser Konzept darauf, dass die Leser weitgehend die Qualität unseres Magazins finanzieren. Dafür brauchen wir Zeit. Was wir unterschätzt haben, ist die Preissensibilität in Deutschland/Österreich: 20 Franken für ein Heft oder 100 Franken für ein Jahres-Abo gibt man hierzulande eher aus, als jene 15 Euro (75 Euro fürs Abo), die das Heft in unseren Nachbarländern kostet.

Mir ist "Reportagen" beim Erscheinen der letzten Ausgabe zum ersten Mal aufgefallen. Die Zeitschrift war am Kiosk prominent platziert. Das machte mich neugierig. Wie entscheidend ist dieser Faktor?

Eine attraktive Platzierung am Verkaufspunkt ist das A und O – am Kiosk und in der Buchhandlung. Insbesondere mit einem Magazin, das aufgrund seiner Grösse gerade am Kiosk unterzugehen droht. Dazu kommt, dass wir nicht mit packenden Bildern, sondern mit Text auf dem Cover um die Aufmerksamkeit des Lesers buhlen. Deshalb haben wir auf diesen Punkt besonderes Augenmerk gelegt.

"Reportagen" ist eine junge Zeitschrift. Wie weit sind Sie von den schwarzen Zahlen entfernt?

Wir rechneten von Anfang an damit, dass wir mindestens 2-3 Jahre dafür brauchen. An dieser Zielsetzung hat sich bisher wenig geändert.

Können Sie uns konkrete Zahlen nennen?

Unsere Auflage beträgt 20'000 Exemplare; wir haben eine tiefe vierstellige Zahl an Abonnenten und ebenso viele Exemplare gehen an den Verkaufsstellen in Deutschland, Österreich und der Schweiz weg. Dazu kommen Vertriebskanäle mit kommerziellen Partnern. Die Remissionen am Verkaufspunkt holen wir, und das ist sehr branchenunüblich, zurück, weil das hochwertige Leinenprodukt zeitlos ist – und auch später noch Käufer findet.

Besteht den wirklich ein Markt, um eine solche Art von Zeitschrift kostendeckend oder gar gewinnbringend zu betreiben?

Würden wir nicht daran glauben, hätten wir vor einem Jahr diese Reise nicht angetreten. Die ersten Reaktionen von unterschiedlichster Seite auf "Reportagen" zeigen uns, dass sich längere, tiefgründigere und journalistischen Texten über unsere reale Welt – als Gegenpol zur schnellen, bildhaften digitalen Informationswelt – zunehmender Beliebtheit erfreuen.

Die einzelnen Ausgaben bestehen aus sechs Reportagen, die inhaltlich in keinem Zusammenhang stehen. Wieso eigentlich nicht?

Weil wir mit einem Themenheft zwar ein klareres Erkennungsbild hätten, aber gleichzeitig viele potenzielle Leser ausgrenzen würden. Gerade die Mischung von unterschiedlichen Themen und Stilen aus allen Weltgegenden trägt zu unserem – hoffentlich einzigartigen – Profil bei.

Ihre aktuelle Ausgabe beginnt mit einer Geschichte über Menschenhandel in Genua. Der Text liest sich gut, bloss: Ist das eine Reportage?

Wenn man den Text aufgrund der engen Kriterien der Reportage misst, wie sie an den Journalistenschulen gelehrt wird, dann wohl eher nicht. Doch das ist für uns nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass es eine gute Geschichte ist, die etwas Relevantes und so noch selten Gehörtes über einen wichtigen Gegenstand erzählt. Wir verstehen die Reportage als Steilpass für Autoren, nichtfiktionale journalistische Texte zu schreiben, die den Leser nicht nur informieren, sondern auch packen und ihn andere Welten miterleben lassen.

Wie viele Texte entstehen exklusiv für "Reportagen"?

Praktisch alle Texte sind bisher exklusiv für uns verfasst worden. Unsere Redaktion definiert Themen und sucht die Geschichten – und im Gespräch mit den Autoren entwickeln wir dann gemeinsam die einzelnen Reportagen. Von den vielen Vorschlägen, die uns seit der Lancierung erreichen, können wir mittlerweile auch Geschichten formen.

Fotos enthält "Reportagen" keine. Wieso nicht?

Auch das hat mit einem Alleinstellungsmerkmal zu tun. Ausserdem würde hochstehende Reportage-Fotografie unser Magazin zusätzlich verteuern – und schliesslich glauben wir, dass gut erzählte Geschichten den berühmten Film im Kopf auslösen, und dadurch nicht auf Bilder angewiesen sind.

Kommen Sie selber überhaupt noch zum Schreiben?

Nein, davon kann ich im Moment nur träumen. Sobald wir aber kommerziell Morgenröte sehen, werde ich den Traumberuf Reporter wieder versuchen, selber auszuüben.

Wo findet man Ihrer Meinung nach sonst noch gute, fundierte, flüssig geschriebene Reportagen?

Im Dossier der "Zeit", dann und wann im "Spiegel", ab und zu auch im "Magazin" des "Tages-Anzeigers" oder im österreichischen Magazin "Datum".

Was macht denn eigentlich eine gute Reportage aus?

Der Mut zur subjektiven Darstellung unter Wahrung journalistischer Redlichkeit, einen natürlichen und nicht konstruierten Plot, viel Zeit für die Recherche und fürs Schreiben und fürs Denken, und Empathie des Autors im Gespräch mit seinen Protagonisten.

Interview: Adrian Schräder

Am Montagabend referiert Daniel Puntas Bernet am 7. MAZ-Mediapodium im KKL in Luzern zum Thema "Was ist Erfolg im Journalismus?".


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