Herr Niethammer, Sie sind mittlerweile seit zwölf Jahren Chefredaktor von Fritz+Fränzi. Welche Begegnung ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Ich erinnere mich gerne an ein Gespräch mit dem bekannten Kinderarzt Remo Largo, einem feinen, klugen Menschen. Auch Jesper Juul, der dänische Familientherapeut und langjährige Kolumnist von Fritz+Fränzi, ist mir in bester Erinnerung.
In der Jubiläumsausgabe, die am 24. August erscheint, sind die besten Interviews aus den letzten 25 Jahren zusammengetragen. Sind alle noch aktuell?
Das haben wir uns anfänglich auch gefragt. Wir deklarieren bei jedem Interview, wann es erschienen ist, um den Kontext herzustellen. Es ist tatsächlich erstaunlich, dass die meisten Gespräche keinen Staub angesetzt haben. Themen wie Autismus, ADHS, psychische Erkrankungen, Resilienz und Elternburnout sind heute genauso relevant wie früher.
Im Interview zum 20-jährigen Bestehen haben Sie gesagt, dass die Redaktion sich heute mit vielen Fragen beschäftigt, die schon vor 20 Jahren aktuell waren. Gilt das auch fünf Jahre später noch?
Die grossen Themen, die Mütter und Väter umtreiben, sind dieselben geblieben. Eltern, die das Beste für ihr Kind möchten, die zwischen Liebe, Fürsorge und Strenge die richtige Balance suchen. Die sich überlegen, wie sie ihre Tochter, ihren Sohn, resilient machen für die Aufgaben, die auf das Kind warten in dieser Welt, die immer komplizierter wird. Sein Kind auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten, ist die grosse Kunst der Erziehung. Das hat sich nicht verändert.
Wie schafft man es, sich als Zeitschrift zu erneuern, wenn die Themen zeitlos sind?
Indem man diese Themen immer wieder neu denkt und überprüft, welche Aspekte wir noch nicht behandelt haben. Die meisten Themen im Heft haben ihren Ursprung übrigens in der Redaktion oder im Verlag. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben selbst Kinder im Alter zwischen 6 und 16 Jahren. Mit Fritz+Fränzi adressieren wir uns an Eltern, deren Kinder exakt in diesem Alter sind.
Gibts auch Input von Leserinnen und Lesern?
Die Redaktion erhält regelmässig Anregungen aus der Leserschaft und konkrete, bereits recherchierte Inputs von freien Autorinnen und Autoren. Es passiert öfter, dass uns Themen angeboten werden, um die wir uns in den vergangenen zwölf Jahren noch nie gekümmert haben.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Neulich sind wir auf den Begriff Dyspraxie gestossen. Das ist eine neurologisch bedingte Entwicklungsstörung, bei der das Gehirn Bewegungen zwar planen möchte, diese aber nicht flüssig und präzise umsetzen kann. Typische Anzeichen sind Ungeschicklichkeit, häufiges Stolpern oder Probleme beim Ballfangen und Schuhebinden. Die Störung ist nicht sehr bekannt und wird oft mit ADHS oder einer anderen Verhaltensauffälligkeit verwechselt. Im Text, der noch in diesem Jahr erscheinen wird, gehen wir unter anderem diesen Fragen nach: Was hat es mit Dyspraxie auf sich? Wie können Eltern die Störung erkennen? Und was können sie tun?
Es wird immer wieder kritisiert, dass heute jedes auffällige Verhalten ein Label erhält. Wie gehen Sie damit um?
Fakt ist: Die Diagnose-Zahlen steigen seit Jahren. Die Ursachen werden unter Experten kontrovers diskutiert. Ich kann verstehen, dass viele Eltern für ein auffälliges Verhalten ihres Kindes eine Antwort wollen. Man muss allerdings aufpassen, nicht jede Besonderheit zu pathologisieren. Jedes Kind ist anders, hat individuelle Bedürfnisse, eine persönliche Prägung. Einer unserer Lieblingssätze im Team lautet: Vieles ist gut. In den meisten Familien funktioniert das meiste einwandfrei. Und die Kinder machen ihren Weg. Natürlich ist und bleibt es aber unsere Aufgabe, genau hinzuschauen, zu informieren, aufzuklären und einzuordnen. Fritz+Fränzi will Eltern ein Wegbegleiter sein – in guten wie in anspruchsvollen Zeiten mit ihrem Kind.
«Robin Lingg hat in kurzer Zeit enorm viel bewegt, das war bemerkenswert»
Gründerin Ellen Ringier ist letztes Jahr verstorben. Es ist das erste Jubiläum ohne sie. Fritz+Fränzi war ihr Herzensprojekt. Ist die Zukunft auch ohne sie gesichert?
Es waren schwierige Monate. Wir standen bis kurz vor ihrem Tod im Austausch, zuletzt per E-Mail und Sprachnachricht. Danach war für einen Moment unklar, wie es mit der Stiftung und dem Magazin weitergeht. Ellen war eine Macherin, sie hat Fritz+Fränzi nicht nur gegründet. Sie lebte und atmete Fritz+Fränzi bis zuletzt.
Was ist nach ihrem Tod geschehen?
Ellens Neffe Robin Lingg hat das Stiftungsratspräsidium im Juni 2025 übernommen (persoenlich.com berichtete). Robin ist der Sohn von Evelyn Lingg, der Schwester von Michael Ringier. Er hat in kurzer Zeit enorm viel bewegt, das war bemerkenswert. Er hatte viele konkrete Ideen und Vorstellungen, das Magazin weiterzuentwickeln. Er war als Präsident eine Idealbesetzung.
Seit diesem Frühjahr ist er aber nicht mehr im Amt.
Robin hat das Präsidium in einer schwierigen Phase der Stiftung übernommen, dafür sind wir ihm dankbar. Nach einem intensiven Jahr (Robin Lingg hat im April all seine Führungsaufgaben bei Ringier abgegeben, Anm. d. Red.) hat er den Stab weitergegeben an Michael Ringier, der das Lebenswerk seiner Frau weiterführt. Fritz+Fränzi war, ist und bleibt damit eine Herzensangelegenheit von engagierten Menschen aus dem engsten Umfeld von Ellen Ringier.
Wie zuversichtlich sind Sie, dass Michael Ringier das Werk weiterführt?
An der ersten Stiftungsratssitzung als Präsident hat sich Michael Ringier bestens informiert präsentiert. Er war gut vorbereitet, hat präzise Fragen gestellt. Zum Schluss meinte er, die Zahlen, die professionelle Arbeit und die Berichte aus Verlag und Redaktion gäben ihm ein gutes Gefühl. Um die Zukunft von Fritz+Fränzi mache er sich keine Sorgen.
«Es gibt keine Überlegungen, dass Fritz+Fränzi Teil der Ringier Medien Schweiz wird»
Seit diesem Frühjahr arbeiten Sie im Ringier-Pressehaus an der Dufourstrasse. Warum?
Wir sind in erster Linie umgezogen, um Mietkosten zu sparen. Und um Synergien zu nutzen. Wie beispielsweise die IT-Infrastruktur von Ringier. Ausserdem profitieren wir von Weiterbildungsangeboten im Haus und dem hervorragenden Personalrestaurant.
Es klingt so, als wäre Fritz+Fränzi bereits in Ringier integriert.
Fritz+Fränzi bleibt weiterhin zu 100 Prozent unabhängig. Und es gibt keine Überlegungen, dass Fritz+Fränzi Teil der Ringier Medien Schweiz wird. Es steht uns aber frei, dort Synergien zu nutzen, wo es Sinn macht. Redaktion und Verlag arbeiten nach dem Umzug an die Dufourstrasse weiterhin komplett unabhängig von Ringier; auch die Bildredaktion, das Layout und das Korrektorat bleiben ausgelagert.
Geht die Rechnung wirtschaftlich auf?
Wir haben unsere Kosten laufend im Blick. Anfang Jahr haben wir deshalb die Druckerei gewechselt. Fritz+Fränzi wird neu in Lahr, nördlich von Freiburg im Breisgau, gedruckt. Da werden auch Ringier-Titel wie Beobachter und Schweizer Illustrierte hergestellt. Mit diesem Wechsel konnten wir enorme Kosten sparen.
Printmagazine haben es nicht leicht. Mitbewerber Wir Eltern ist kürzlich pleitegegangen.
Wir haben genau verfolgt, was mit Wir Eltern passiert ist und bedauern sehr, dass ein einst so gut gemachter Traditionstitel nicht mehr auf dem Markt ist. Wir haben bei Themen, die nicht zu uns passen, oft und gerne an die Kolleginnen von Wir Eltern verwiesen. Trotz dem Aus wird man bei Fritz+Fränzi weiterhin keine Texte über Schwangerschaft, Geburt und die frühkindliche Entwicklung finden.
«Wir planen die Einführung eines dreistufigen Onlineabo-Modells»
Ihre Leser- und Abozahlen sind stabil. Trotzdem: Wie sieht Ihre Digitalstrategie aus?
Wir passen unser Angebot laufend an die veränderten Lesegewohnheiten an und geben diesbezüglich Vollgas. Im vierten Quartal werden wir unseren digitalen Auftritt überarbeitet haben und neue digitale Produkte anbieten können.
Fritz+Fränzi führt also eine Bezahlschranke ein?
Wir planen die Einführung eines dreistufigen Abo-Modells. Die erste Stufe ist ein weiterhin freier Zugang ohne Registrierung und ohne Login – wie bisher. Stufe zwei ist ein Digital-Abo, das wir «FuF-Digital» nennen. Damit hat der Leser, die Leserin Zugriff auf ausgewählte Texte hinter der Bezahlschranke. Und mit «FuF-Digital Plus» bieten wir das Rundum-Sorglos-Paket an. Es ermöglicht den Zugriff auf sämtliche Texte der Printausgabe, auf unser Archiv und auf alle E-Papers.
Wie entscheiden Sie, welche Texte frei zugänglich sind und welche nicht?
Da sind wir noch in der Findungsphase.
Gibt es weitere Neuigkeiten?
Wir führen einen digitalen Elterncoach ein, einen Chatbot, den wir «Kid» nennen. Wir haben ihn so programmiert, dass er ausschliesslich auf die rund 3500 Texte von Fritz+Fränzi zurückgreift, die wir in den vergangenen 15 Jahren publiziert haben.
«Ein wesentlicher Teil der Inhalte wird weiterhin kostenlos für alle zugänglich sein»
Es war Ellen Ringiers Vision, Elternbildung auch Familien zugänglich zu machen, die sich keine Abos leisten können. Ist die Bezahlschranke damit kompatibel?
Wir werden keine harte Paywall hochziehen, hinter der sämtliche Inhalte von Fritz+Fränzi verschwinden. Das wäre nicht im Sinn unseres Stiftungszwecks, der eine möglichst grosse Verbreitung unserer Inhalte zur Stärkung von Elternkompetenz vorsieht. Deshalb wird ein wesentlicher Teil der Inhalte weiterhin kostenlos für alle zugänglich sein. Und wir werden weiterhin fast 90 Prozent der gedruckten Auflage von knapp 70’000 Exemplaren kostenlos über Schulen und Institutionen abgeben.
Warum führen Sie überhaupt eine Bezahlschranke ein, wenn Sie möglichst viele Eltern erreichen wollen? Geht es um Geld?
Ein Werturteil lautet: Was gratis ist, ist nichts wert. Darüber machen wir uns seit Jahren Gedanken. Heute sind wir überzeugt, dass unabhängiger Journalismus sich nicht allein durch Werbung und Klickzahlen finanzieren lässt. Wir stellen immer wieder fest, dass sich Leserinnen und Leser bewusst für uns entscheiden. Sie sind bereit, für unsere Inhalte zu bezahlen und damit die ideelle Mission von Fritz+Fränzi zu unterstützen.
Einerseits Exemplare kostenlos verteilen, andererseits Print-Abo und schon bald Digital-Abo verkaufen: Ist das nicht ein Widerspruch?
Wenn Eltern unser Heft über die Schule beziehen, erhalten sie nicht automatisch jede Ausgabe, weil wir die Verteilung nicht lückenlos über die rund 3000 Schulen in der Deutschschweiz finanzieren können. Wer also jede Ausgabe auf Papier oder in Zukunft digital lesen möchte, muss dafür etwas bezahlen.
Wie sieht Ihr Budget aus?
Die Stiftung Elternsein ist eine sogenannte Nehmerstiftung. Ohne finanzielle Unterstützung von grosszügigen Menschen und Geberstiftungen wäre es nie möglich gewesen, das zu leisten, was wir seit 25 Jahren tun. Im vergangenen Jahr haben wir rund 1,1 Millionen Franken durch Fundraising generiert. Die Werbeerträge betrugen 1,2 Millionen. Und die Aboerlöse knapp 900’000. Ergibt ein Jahresbudget von rund 3,2 Millionen Franken.
«Manchmal verändern sich bei Geldgebern die Schwerpunkte»
In Ihrem Jahresbericht steht, dass Sie letztes Jahr einen wichtigen Spender verloren haben.
Ja, in der Tat.
Man hört, es habe sich um eine Person gehandelt, die nah an Ellen Ringier war und sich nach ihrem Tod entschieden hat, ihr Engagement zu beenden.
Ich bitte um Verständnis, dass ich auf die näheren Umstände nicht eingehen kann. Fakt ist: Stiftungen und Geldgeber unterstützen nicht immer dieselben Organisationen. Manchmal verändern sich Schwerpunkte, und es gibt Dringlichkeiten, die kurzfristig erfüllt werden müssen. Das macht es allerdings anspruchsvoller für uns, zu planen.
Wie haben Sie es geschafft, dieses grosse Loch rasch zu stopfen?
Es gehört zur Realität im Fundraising, dass eine langfristige Planung schwierig ist. Umso wichtiger ist es, kontinuierlich den Kontakt zu bestehenden Geldgebern zu halten und zu neuen aufzubauen. Wir haben eine engagierte, hochprofessionelle Fundraiserin im Team, die genau das tut. Es hilft ihr zudem, dass wir unsere Inhalte seit neun Monaten digital auch in unseren Landessprachen Französisch und Italienisch sowie in Englisch anbieten. Weitere Sprachen, unter anderem Spanisch, Portugiesisch und Albanisch, folgen.
Wollen Sie damit ein internationales Publikum erreichen?
Nein. Das Angebot richtet sich an Menschen, die in der Schweiz leben, deren Muttersprache aber nicht Deutsch ist. Dank der KI-gesteuerten Übersetzungsfunktion können sie unsere Inhalte dennoch konsumieren.
Fritz+Fränzi ist 25 Jahre alt. Sie werden im kommenden Februar 65. Lassen Sie sich dann pensionieren?
Die Stiftung Elternsein hat mir angeboten, noch ein Jahr oder zwei dranzuhängen. Ich habe lange in mich hineingehört, mich mit meiner Familie besprochen, mit meinem Team. Ja, ich möchte über meine Pensionierung hinaus noch eine Zeitlang Chefredaktor von Fritz+Fränzi bleiben. Der grosse Louis Armstrong hat einmal gesagt: Musiker gehen nicht in Rente. Sie hören auf, wenn keine Musik mehr in ihnen ist. Ich glaube, das gilt auch für meinen Berufsstand: Journalisten gehen nicht in Rente. Sie hören auf, wenn kein Journalismus mehr in ihnen ist. Und in mir ist noch eine ganze Menge Journalismus.

