Susanne Wille, in knapp einem Monat wird über die Initiative «200 Franken sind genug» abgestimmt. Schlafen Sie noch durch?
Ich bin ständig unterwegs, die Tage sind lang und die Nächte entsprechend kurz. Aber das spielt keine Rolle. Es geht um die Zukunft der SRG. Dafür setze ich mich gern mit voller Kraft ein.
Sehen Sie derzeit Ihren Kommunikationschef Markus Berger mehr als Ihren eigenen Mann?
(Lacht.) Soweit sind wir noch nicht. Aber ja, im Moment sind wir mit dem Tagesgeschäft, mit grossen Sonderprojekten wie den olympischen Spielen, mit unserer SRG-Transformation und natürlich mit der Abstimmung stark gefordert – auch kommunikativ. Darum stehe ich im engsten Austausch mit allen Teams und auch mit Markus.
«Ich weiss jeden Morgen, warum ich aufstehe, und wofür ich mich engagiere»
Sie arbeiten derzeit sieben Tage pro Woche. Hinterlässt das auch Spuren?
Spuren insofern, als dass momentan einfach nicht alles Platz hat. Berufliches wie Privates. Ein Unternehmen zu leiten, bedeutet sowieso, ständig zu priorisieren und zu jonglieren. Zugegeben, das mache ich momentan doch mit einer sportlichen Anzahl Bällen in der Luft. Ich weiss aber jeden Morgen, warum ich aufstehe und wofür ich mich engagiere. Und was mir wichtig ist: Ich bin ja nicht allein. Auch Jean-Michel Cina, der Verwaltungsratspräsident, meine Kolleginnen und Kollegen in der Geschäftsleitung und im Unternehmen, die Trägerschaften und natürlich die Abstimmungskomitees, sie alle sind praktisch rund um die Uhr unterwegs für die SRG.
Woher holen Sie die Energie?
Ich sage Ihnen, ich schöpfe vor allem Energie aus der Kraft, die ich im Unternehmen spüre. Ich sehe momentan in allen Regionen, wie sehr sich unsere Mitarbeitenden mit ihrer täglichen Arbeit fürs Publikum einsetzen. Denn wir wissen alle, dass über 80 Prozent der Bevölkerung unsere Programme regelmässig nutzen. Ich spüre zudem die Unterstützung in breiten Teilen der Gesellschaft. Gerade gestern sagte jemand im Zug zu mir: «Frau Wille, ich organisiere Ihnen alle Stimmen aus meiner Familie.»
Und entschädigt Sie der Bruttolohn von 484'000 Franken für diesen Einsatz?
Ich kann nachvollziehen, dass mein Lohn in diesem heissen Abstimmungskampf diskutiert wird. Bei der Initiative geht es jedoch um Grundsätzliches: Will man die SRG halbieren, ja oder nein? Will man weiterhin eine funktionierende SRG, die in vier Sprachen produziert und nah bei den Menschen ist? Und: Wie viel ist uns der mediale Service public wert?
Ihr Vorgänger Gilles Marchand nannte die Halbierungsinitiative eine «Attacke gegen die Schweiz» – das kam nicht gut an. Sie sagen: «Ich bin bereit, die SRG zu hinterfragen.» Kommt das besser an?
Ich habe nach meiner Wahl zur Generaldirektorin an meinem ersten Arbeitstag gesagt: «Ich stehe für eine SRG, die weiss, was sie ausmacht, wo ihr Wert liegt, die aber auch bereit ist, sich kritisch zu hinterfragen und zu erneuern.» Und daran halte ich mich, daran will ich gemessen werden.
Eine Zeitlang wurden Sie von Werber David Schärer zu Ihren Auftritten begleitet. Wie viel Schärer steckt in Ihren Argumenten?
In meinen ersten Monaten als Generaldirektorin stemmten wir auch noch den ESC, bei dem Edi Estermann die Kommunikationsleitung übernahm. David Schärer unterstützte uns darum bis Ende Juli in einem befristeten Mandat für die Unternehmenskommunikation SRG.
«Ich bin im Herzen Journalistin»
Im Magazin von Tamedia ist kürzlich ein grosses Porträt über Sie erschienen. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, diesem Medium zu diesem Zeitpunkt Rede und Antwort zu stehen?
Ich habe seit meinem Start zahlreichen Medien in allen Landesteilen Rede und Antwort gestanden. Ich bin im Herzen Journalistin und finde, in einer Zeit, in der viele Artikel aus nachvollziehbaren Gründen unter Zeitdruck entstehen, muss man journalistischen Aufwand für Hintergrund, Recherche und Tiefe wertschätzen. Darum habe ich die Anfrage der Journalistin Jacqueline Büchi für eine Langzeitbegleitung positiv beantwortet. Trotz der Unsicherheit, vorab nicht zu wissen, was herauskommt, wenn sie mit über 20 Personen spricht und kritische Fragen stellt.
Roger Schawinski sagte in diesem Porträt, Sie hätten eine «fast schon übergriffige Freundlichkeit». Er sei nicht sicher, ob das demonstrative Interesse am Gegenüber immer echt sei. Ist es das?
Wer mich kennt, auch privat, weiss, dass ich sehr offen bin und ein grosses Interesse an Menschen habe. Das ist ein wesentlicher Teil von mir, hat mich seinerseits zum Journalismus gebracht und prägt bis heute meinen Führungsstil. Mir sind das Zuhören und der Dialog wichtig. Aber natürlich gibt es viele Situationen, in denen ich auch harte Entscheidungen treffen, auf Konfrontation gehen und Menschen enttäuschen muss.
Bei einem Interview mit dem SonntagsBlick wollten Sie offenbar einzelne Fragen nicht beantworten, respektive die Antworten nicht veröffentlicht sehen. Was lief da schief?
Im Interview, das ich dem SonntagsBlick gab, habe ich jede einzelne Frage beantwortet. Und Sie können mir glauben, es waren viele und auch sehr kritische Fragen (lacht). Der Interviewentwurf, den ich zum Gegenlesen bekam, enthielt dann aber auch Aussagen von mir, die ich nicht im Rahmen des Interview-Teils gemacht hatte, oder bei denen es im Detailgrad um Fragen ging, die nicht in meine Zuständigkeit fielen und bei denen ich die Journalisten bereits im Gespräch gebeten hatte, die Fragen doch bitte direkt den entsprechenden Personen zu stellen. Ich bat deshalb, diese Teile wie besprochen wegzulassen. Ein ganz normaler Prozess also. Ich möchte betonen: Die SRG und somit auch mich als Generaldirektorin soll und muss man kritisieren dürfen, auch hart kritisieren dürfen. Das gehört zu einem öffentlichen Medienhaus. Und ich stelle mich jedem kritischen Interview.
«Ich kenne den Wert von Journalismus»
Die Kommunikationsbranche hat sich ihre Meinung zur Halbierungsinitiative vermutlich schon gemacht. Weshalb haben Sie unserer späten Interviewanfrage trotzdem zugesagt?
Mich beschäftigt der Medienplatz Schweiz. Ich kenne den Wert von Journalismus. Man kann nicht genug darauf aufmerksam machen: Es geht bei dieser Abstimmung nicht nur um die SRG, sondern auch um eine Schwächung der unabhängigen Medienlandschaft in der Schweiz. Denn dem Journalismus, der in der Schweiz eh schon unter Druck ist, drohen der Verlust von 800 Millionen Franken und der Wegfall von Tausenden Arbeitsplätzen.
Wie berichtet eigentlich ein Medienhaus objektiv über eine Abstimmung, die über seine eigene Zukunft entscheidet? Ist das manchmal eine Herausforderung?
Alle, besonders auch Live-Produktions- und unsere News-Teams stehen unter grosser öffentlicher Beobachtung, das stimmt. Und das ist speziell anspruchsvoll, wenn man selbst von einer Vorlage betroffen ist. Die SRG verhält sich aber bei der Halbierungsinitiative wie bei allen anderen Abstimmungen. Wir haben klare publizistische Leitlinien, und dabei sind Sorgfalt, Sachgerechtigkeit und Ausgewogenheit zentrale Werte. Befürworter und Gegner erhalten über Beiträge und Sendungen hinweg gleich viel Platz für ihre Argumente. Eine Ausgewogenheit, die uns auch von externen Stellen, wie zum Beispiel dem Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög), attestiert wird.
Haben Sie sich mit den Unternehmenseinheiten über die Kommunikation in eigener Sache ausgetauscht?
In den eben erwähnten publizistischen Leitlinien haben wir spezifische Regeln für die heissen Phasen in Abstimmungskämpfen definiert, an die wir uns halten. Die Informationsverantwortlichen aus allen Regionen sind sich ihrer Verantwortung bewusst und haben daher die publizistischen Leitlinien sowie die Social-Media-Richtlinien mit Blick auf die aktuelle Abstimmung in allen Redaktionen erneut thematisiert. Gleiches gilt natürlich auch für die nicht redaktionellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Es erheben sich immer mehr prominente Stimmen für die SRG – Martin Candinas, Viktor Röthlin, Stephan Klapproth, Marco Odermatt. Welche Unterstützung hat Sie am meisten überrascht?
Ich bin beeindruckt, wie breit abgestützt die Gegnerschaft der Initiative ist. Das sind ganz viele, ganz unterschiedliche Organisationen aus Sport, Kultur, Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, genauso wie die Kantone, Gemeindebehörden und natürlich viele bekannte Persönlichkeiten wie Trauffer, Odermatt oder die Schwingerkönige Stucki, Abderhalden und Sempach. Spannend ist zudem, dass – trotz der zur Diskussion stehenden Unternehmensabgabe – mehrere Wirtschaftsorganisationen, Firmen und Unternehmer-Persönlichkeiten klar gegen die Initiative Stellung bezogen haben.
Und wessen Schweigen schmerzt am meisten?
Mit dem Schweigen befasse ich mich nicht. Aber wenn wiederholt Falsches behauptet wird, ist mir wichtig, dass es korrigiert wird. Zum Beispiel profitiert die SRG nicht vom Haushaltswachstum, das ist vom Bundesrat bereits eingerechnet. Eine andere falsche Behauptung ist, man könne auch mit der Hälfte des Budgets ein Vollprogramm in vier Sprachen regional nahe bei den Menschen produzieren. Oder wir würden die Jungen nicht erreichen, obwohl 73 Prozent der politisch interessierten Menschen unter 34 regelmässig SRG-News online konsumieren. Glauben Sie mir, es gibt noch mehr solche Beispiele.
«Haltung kommt immer mit einem Preis»
Was hat Sie in den letzten Wochen am meisten verletzt? Und was am meisten gefreut?
Haltung kommt immer mit einem Preis. Ich stehe ein für den Service public der SRG und ihren Auftrag für den Medienplatz Schweiz. Da gehören kritische Rückmeldungen oder auch Angriffe dazu. Und ich scheue davor auch nicht zurück, im Gegenteil. Ich suche den Austausch mit Gegnern und Kritikerinnen und Kritikern und versuche dabei, immer auf der Sachebene zu bleiben. Das ist allerdings, da bin ich ehrlich, nicht immer gleich einfach, vor allem wenn es unsachlich wird.
Am 17. Februar diskutieren Sie mit Medienminister Albert Rösti im Kaufleuten – jenem Mann, der die Initiative einst mitinitiiert hatte und nun Ihr wichtigster Verbündeter ist. Für wie glaubwürdig halten Sie den Einsatz von Rösti für die SRG?
Bundesrat Albert Rösti gab mit seinem Gegenprojekt, die Gebühren von 335 auf 300 Franken zu senken, eine Antwort auf die Initiative. Er will damit die Haushalte und auch die meisten Unternehmen in der Schweiz entlasten. Die Initiative hingegen ist für ihn zu radikal. Zu diesem Schluss kam er, nachdem er sich detailliert mit den Zahlen und den Konsequenzen auseinandergesetzt hat, die eine Senkung der Gebühren auf 200 Franken bedeuten würde. Gerade kürzlich hat er bei Le Temps betont, dass alles, was unter 300 Franken sei, die Programmvielfalt in den unterschiedlichen Sprach- und Kulturregionen der Schweiz ernsthaft gefährde und wohl eine Konzentration der SRG an einem zentralen Standort zur Folge hätte, nämlich Zürich, und eventuell würden die Mittel noch reichen, um auch in der Romandie einen Standort zu erhalten. Er macht sich auch Sorgen um die rund 3000 Arbeitsplätze bei der SRG und die nochmals 3000 in der Branche und bei Zulieferern, die verloren gehen würden.
«Um mich geht es nicht in dieser Abstimmung»
Wenn die Initiative angenommen würde am 8. März – haben Sie sich schon überlegt, was Sie dann am 9. März machen?
Um mich geht es nicht in dieser Abstimmung. Ich setze mich lieber jeden Tag dafür ein, dass unsere Teams in Lugano, Chur, Genf oder Zürich die Schweizer Bevölkerung mit gut gemachtem Programm in vier Sprachen überzeugen. Und parallel dazu bauen wir das Unternehmen neu und setzen den Sparauftrag von 270 Millionen um. Dabei gilt es, auch dem ganzen SRG-Team grösstmögliche Sorge zu tragen. Das sind jetzt meine Prioritäten.
Sie haben sich also auch nicht überlegt, was Sie machen, wenn Sie die Abstimmung gewinnen?
Auch hier: Jetzt heisst es, weiter jeden Tag vollen Einsatz geben. Aber sicher, in diesem Falle würde ich mich natürlich sehr freuen, für den Medienplatz, für die SRG, für die Schweiz!
Credits
Mitarbeit: Nick Lüthi.
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16.02.2026 21:23 Uhr
12.02.2026 08:17 Uhr

