10.06.2002

"Ein Chefredaktor ist wie ein Fussballtrainer..."

In seinem Mitarbeitermagazin Domo hat das Verlagshaus Ringier ein Interview mit Bernhard Weissberg (Bild) veröffentlicht, der seit gut hundert Tagen den Konzernbereich Zeitungen leitet. Darin äussert sich der ehemalige SoBli-Chefredaktor zur Borer-Affäre und zur Konkurrenz am Sonntag. "persoenlich.com" bringt Auszüge des Interviews.
"Ein Chefredaktor ist wie ein Fussballtrainer..."

Bernhard Weissberg - hat Ihnen die "Borer-Affäre" als "oberster Chef" von Blick und SonntagsBlick schlaflose Nächte bereitet?

Schlaflose Nächte habe ich in meinem Leben bisher eigentlich ganz wenige gehabt. Sagen wir es also so: Vielleicht hatte ich manchmal etwas Mühe mit Einschlafen, weil mir so vieles durch den Kopf ging...

Der Fall Borer hat stark polarisiert. Welche Auswirkungen hat er auf die Verkaufszahlen bei Blick und SoBli?

Kurzfristig betrachtet kann man sagen, dass sich das Positive in etwa mit dem Negativen die Waage gehalten hat; es gab natürlich zum Teil sehr heftige Reaktionen: E-Mails, Briefe. Ich bin überzeugt, dass sich der Sturm wieder beruhigen wird, denn die Qualität der beiden Zeitungen wird letztlich für viele Leser ausschlaggebend sein, sie wieder zu kaufen - obwohl einige uns im ersten Zorn geschrieben haben, dass sie den Blick oder den SoBli nicht mehr lesen werden.

Man hört von grossen Einbussen im Anzeigengeschäft?

Es gab bisher nur eine Absage eines kleinen Kunden -- auf Zusehen hin und nicht für alle Zeiten. Einem Anzeigenverkäufer wurde ein Termin storniert. Das Echo war also recht klein. Nicht zuletzt, weil im Anzeigengeschäft vor allem rational und weniger emotional entschieden wird: Brauche ich diese Zeitung für mein Produkt, für meine Kampagne oder brauche ich sie nicht?

Sowohl Blick als auch SonntagsBlick haben in den letzten Jahren auf den gehobenen und gepflegten Boulevard gesetzt und ihr Image stark verbessert. Die Affäre Borer kostet beide Blätter sehr viel hart erarbeiteten Goodwill: Was tun Sie dagegen?

Stimmt: Goodwill kann man nicht kaufen, den muss man sich erarbeiten. Und das haben Blick und SonntagsBlick getan, indem sie einen modernen Boulevard machen, der breit, politisch und wirtschaftsrelevant ist. Sollten wir Goodwill eingebüsst haben, dann müssen wir ihn eben wieder neu erarbeiten und zurückholen.

Wie zum Beispiel?

Zum Beispiel, indem der Blick sowohl emotional als auch sachlich spannend über die Expo.02 berichtet, die mich und die Leser anspricht. Oder wenn der SoBli Exklusives berichtet wie etwa das Interview mit UBS-Chef Marcel Ospel zum Thema Bankgeheimnis anfangs Mai. Mit massiven Aussagen, die ab Montag in allen Zeitungen, auch im Ausland, zitiert werden. An diesen Qualitäten müssen wir hart weiterarbeiten - das ist das einzige Rezept.

Auch intern gibt es sehr viel Kritik. Viele Redaktoren sind mit dem Stil der letzten Wochen nicht einverstanden. Wie gehen Sie damit um?

Was ist denn Stil? Letztlich war es eine klassische Boulevardgeschichte, die alles ausgelöst hat. Sie hat allerdings zu Reaktionen geführt, die wir so nicht erwartet hatten. Mit Auswirkungen bis in unser Unternehmen hinein. Ich habe durchaus Verständnis für alle Mitarbeiter, die mit der Geschichte nicht einverstanden sind. Man kann diskutieren, ob man sie überhaupt hätte machen dürfen. Ich selber, das weiss auch Mathias Nolte, hätte sie nicht gemacht.

Und da finde ich, hat unser Haus viel Stil gezeigt. Michael Ringier hat in diesem Unternehmen etwas gezeigt, was ich sehr wichtig finde: Man darf in aller Offenheit darüber diskutieren und will daraus lernen; es hat jeder sagen können, dass er sie nicht gut findet -- an der Kaderorientierung ebenso wie an der Aussprache mit unseren Journalisten, aber auch per E-Mail direkt an den Verleger.

Mir hat dies gezeigt, dass Ringier ein sehr offenes Unternehmen ist; eine Unternehmensspitze hat, die zu ihren Mitarbeitern den Dialog sucht. Ich habe einen Verleger erlebt, der sich vor seine Journalisten gestellt hat -- das ist für mich ein starkes Signal für die Zukunft des Unternehmens.

Und die Lehren daraus?

Die Reaktionen sind ein sehr wichtiges Signal dafür, dass sich unsere Leser an den gehobenen Boulevard der letzten Jahre schon so gewöhnt haben, dass sie den "harten", klassischen Boulevard nicht unbedingt mehr wollen. Der Anspruch an jede Art von Geschichten ist stark gewachsen. Darüber müssen wir mit den Redaktionen diskutieren.

Der SonntagsBlick weist mit 336'336 Exemplaren zum vierten Mal in Folge eine höhere Auflage aus: Wird der Newcomer NZZ am Sonntag diesen Trend stoppen?

Der SoBli ist sehr erfolgreich gewesen in den letzten Jahren. Nun hat er ernst zu nehmende Konkurrenz erhalten, die mit einer grossen Auflage gestartet ist. Wir rechnen natürlich mit gewissen Einbussen und haben dies auch im Budget entsprechend berücksichtigt. Es wäre aber völlig falsch, sich durch die Konkurrenz dazu verleiten zu lassen, nun plötzlich alles zu ändern. Wir sind -- absolut gesehen -- die grösste Kaufzeitung der Schweiz, da gibt es überhaupt keinen Grund, die eingeschlagene Richtung zu ändern. Wir dürfen uns nicht in die klassische Boulevardecke abdrängen lassen, sondern müssen vielmehr auf die bisherigen Stärken setzen - mit einem starken aktuellen Teil, aber auch mit einem kraftvollem Magazin und dem besten Sportteil der Schweiz. Wir müssen noch besser werden in der politischen, wirtschaftlichen, aber auch in der gesellschaftlichen Berichterstattung. Das wird harte Kleinarbeit sein, denn es ist nun mal sehr viel schwieriger, eine erfolgreiche Zeitung noch erfolgreicher zu machen. Nur wer erfolglos ist, kann mit grossen Würfen auftrumpfen -- weil es nichts mehr zu verlieren gibt.

Nochmals: Spürt der SoBli die neue Konkurrenz?

Das kann ich heute noch nicht sagen, das muss sich zuerst einpendeln. Jede Zeitung, die neu auf den Markt kommt, geniesst einen gewissen Neuheitsbonus. In einigen Monaten wird sich dann zeigen, für welche Zeitung sich die Leser am Sonntag entscheiden.

Vor einer Woche lag erstmals die neue Weltwoche am Kiosk und in den Briefkästen - wie schätzen Sie diese Konkurrenz ein?

So wie sie sich beim Start präsentierte, ist sie keine Konkurrenz für Blick oder SonntagsBlick. Ich muss gestehen, die erste Ausgabe hat mich ratlos gelassen. Bleibt abzuwarten, wie sich die Weltwoche entwickelt, das muss man über längere Zeit verfolgen. So wie man den SoBli nicht nach einer einzigen Geschichte beurteilen sollte, sondern nach dem, was er über die letzten Monate und Jahre gemacht hat.

Haben Sie auch mit dem Projekt "Wochenzeitung" zu tun?

Natürlich -- ich bin verantwortlich dafür. Deshalb ist es doppelt spannend, die Weltwoche zu beobachten, weil wir ja parallel dazu -- ursprünglich für die Weltwoche selbst -- über ein neues Magazin nachgedacht haben und jetzt ein Projekt ausarbeiten.

Können Sie dazu etwas verraten?

Tut mir leid: Die Konkurrenz liest das DOMO auch. Zu einem späteren Zeitpunkt dürfen Sie mich gerne wieder fragen.

Sind im Bereich Zeitungen weitere Projekte geplant?

Ich glaube, es reicht für den Moment: Wir geben die grösste Tageszeitung und die grösste Wochenzeitung der Schweiz heraus und haben eine Wochenzeitung im Projektstadium -- das ist happig genug.

Sind Sie nun der "Oberchefredaktor", der den Journalisten dreinredet, weil er selber Journalist ist?

Im Gegenteil. Weil ich selber weiss, wie es ist, Chefredaktor zu sein, halte ich mich vielleicht sogar fast zu sehr zurück. Wenn ich wieder ins Tagesgeschäft einsteigen möchte, wäre ich besser Chefredaktor geblieben. Ein Chefredaktor ist wie ein Fussballtrainer: Es gibt immer zig andere, die es besser gemacht hätten... Ich sehe mich eher als Sparringpartner und Coach, der Anregungen und Anstösse, aber auch Feedbacks gibt, um das Blatt noch besser zu machen.

Die Chefredaktoren sind also sehr autonom und haben viel Freiraum?

Sie müssen einen grossen Freiraum haben, denn wir erwarten schliesslich viel von ihnen: Dass sie mutig sind, Kommentare schreiben, Schlagzeilen machen... Und ihren Kopf hinhalten, wenn etwas schief läuft... Deshalb habe ich auch viel Respekt für Jürg Lehmann und Mathias Nolte, denn ich weiss aus eigener Erfahrung, welchen knallharten Job sie machen und wieviel Knochenarbeit hinter jeder einzelnen Ausgabe steckt.

Welchen Einfluss hat Frank A. Meyer auf Ihren Bereich?

Frank hat immer einen Einfluss, denn er hat immer Ideen. Ich kenne ihn von Kindheit an und schätze ihn sehr. Ich mache, was ich schon beim SoBli gemacht habe, wo er als Kolumnist schreibt: ich höre ihm zu. Und nehme das auf, was ich brauchen kann. Das ist meine persönliche Entscheidung. Denn schliesslich bin nur ich für meinen Job verantwortlich -- das war schon beim Blick so und auch beim SonntagsBlick.


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