Rafael Zeier hat seine Stelle bei Tamedia verloren. Der Redaktor für Digitales und Gesellschaft ist von der aktuellen Abbaurunde betroffen, in der das Unternehmen 34 Vollzeitstellen streicht. Seine Kündigung machte er am Donnerstagnachmittag in einem rund achtminütigen Video auf seinem YouTube-Kanal publik. Vier Stunden nach der Veröffentlichung zählte das Video rund 9000 Aufrufe und 1000 Kommentare.
Zeier filmte sich vor dem Tamedia-Gebäude. Zu Beginn sagt er in die Kamera: «Ja, das hat man jahrelang kommen sehen, aber wenn es dann so weit ist, ist es doch schwierig, die richtigen Worte zu finden. Ja, es hat mich erwischt: Ich werde heute entlassen.» Die Mail sei am Morgen gekommen. Noch am Vortag habe er Tamedia-CEO Jessica Peppel-Schulz das «iPhone Duo» gezeigt, Apples neues Falthandy, das er gleichentags für den Tages-Anzeiger getestet hatte. Man habe zusammen gelacht und diskutiert. Dann geht er ins Gebäude zum Kündigungsgespräch, die Kamera bleibt draussen. Als er wieder herauskommt, sagt er: «Ja, da bin ich wieder und ich bin jetzt tatsächlich offiziell entlassen.»
Video als Reaktion auf viele Nachfragen
Den Vorwurf, er schlachte seine Kündigung aus, weist Zeier zurück. Er habe so viele Nachfragen erhalten, dass er sie nicht mehr einzeln beantworten konnte. Zugleich bittet er das Publikum, seinen Kanal zu abonnieren, davon könne er in Zukunft profitieren.
Zeier kam 2011 zu Tamedia, zunächst als Blattmacher und Produzent der iPad-Ausgabe des Tages-Anzeigers. Seit 2013 schreibt er über Digitalthemen und testet neue Geräte. Die Kündigung erfolge aus wirtschaftlichen Gründen und nicht wegen seiner Leistung, sagt er. Er bleibe noch drei Monate angestellt, bis Ende Januar, danach komme ein Sozialplan zum Tragen. Um ihn müsse sich niemand Sorgen machen, mehr leid täten ihm die anderen Entlassenen.
«Der Medienwandel ist nicht aufzuhalten»
Überrascht ist Zeier nicht. Sein erster Chef bei Tamedia habe ihm einst gesagt: «Tamedia-Jobs sind Schleudersitze.» Darauf habe er sich eingestellt. Gegen die Verantwortlichen teilt er nicht aus. Wer jetzt der künstlichen Intelligenz oder einzelnen Personen die Schuld zuschiebe, erreiche nichts. Für Zeier zählt die grosse Entwicklung: «Der Medienwandel ist nicht aufzuhalten.» Zuerst habe das Internet den Wert von Artikeln gesenkt, dann die Gratisangebote der Verlage. Heute könne mit künstlicher Intelligenz jede und jeder lange Artikel schreiben oder gleich ein ganzes Nachrichtenportal betreiben.
TX-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino habe er einmal beim Kaffee gesagt, dass er Tamedia nicht freiwillig verlassen werde, erzählt Zeier. «Jetzt gehe ich halt trotzdem.»
Wie es beruflich weitergeht, weiss Zeier noch nicht. Er werde sich umhören, ausschliessen könne er nichts mehr. Sein Kanal hat 139’000 Abonnentinnen und Abonnenten. Ganz auf YouTube zu setzen, wäre zwar möglich, reizt ihn aber wenig. Als Beruf müsste er Sponsoring betreiben und bezahlte Videos produzieren, was er lieber vermeiden würde. Der Kanal soll bleiben, was er bisher war: «Ich möchte das weiter als Hobby haben.»
Nora Zukker gab Entlassung auf Instagram bekannt
Am Mittwoch hatte bereits Literaturredaktorin Nora Zukker ihre Entlassung öffentlich gemacht (persoenlich.com berichtete). Tamedia hatte die Abbaurunde am 5. Oktober angekündigt. Betroffen sind 41 Mitarbeitende, davon 28 in den Deutschschweizer Redaktionen, neun in der Westschweiz und vier beim Print-Desk. Die Gespräche laufen bis Ende Oktober. Als Gründe nennt das Unternehmen die veränderte Mediennutzung und den schrumpfenden Werbemarkt. Am Dienstag protestierten Mitarbeitende und Unterstützende vor dem Hauptsitz an der Werdstrasse in Zürich gegen die Entlassungen.
Nach dem Abbau von 55 Vollzeitstellen 2024 hatte Tamedia zugesichert, bis Ende September 2026 keine Journalistinnen und Journalisten zu entlassen. Eine solche Zusicherung gibt es diesmal nicht. Sprecher Edi Estermann sagte am Dienstag gegenüber watson.ch, er rechne damit, dass auch in den nächsten zwei Jahren Stellen wegfallen, sei es durch Entlassungen oder durch nicht ersetzte Abgänge. Zu einzelnen Kündigungen nimmt Tamedia grundsätzlich keine Stellung, auch dann nicht, wenn Betroffene sie selbst publik machen.

