03.12.2025

Le Nord Vaudois

«Es gab drei Monate einer echten medialen Wüste»

Die Region Yverdon hat diesen Sommer ihre Lokalzeitung verloren. ESH Médias hat nun einen neuen Titel lanciert. Warum ein Medienhaus trotzt schwieriger Medienkonjunktur expandiert, erklärt ESH-Direktor Sébastien Hersant im Interview.
Le Nord Vaudois: «Es gab drei Monate einer echten medialen Wüste»
«Ein rein digitales Angebot würde es uns noch nicht erlauben, vergleichbare Einnahmen zu erzielen», so Sébastien Hersant, Direktor von ESH Médias über den neuen Titel Le Nord Vaudois. (Bild: Keystone/Jean-Christophe Bott)

Sébastien Hersant, die erste Ausgabe Ihrer neuen Wochenzeitung Le Nord Vaudois wurde Anfang November veröffentlicht. Wie sind die bisherigen Rückmeldungen?
Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Wir haben bereits vor und seit dem Start des Nord Vaudois zahlreiche Interessensbekundungen erhalten, und zwar aus allen Bereichen des lokalen Umfelds.

Der Vorgänger von Le Nord Vaudois, die im August eingestellte Tageszeitung La Région, zählte 3500 Abonnenten. Hält Le Nord Vaudois mit?
Die ersten Abonnenten wurden bereits lange vor der Veröffentlichung der ersten Ausgaben registriert, was bemerkenswert ist und das beste Zeugnis für ihre Verbundenheit mit einem lokalen Medium darstellt. Nach kaum einem Monat Betrieb zählen wir über 4000 zahlende Abonnenten. Dazu kommen über 2000 Personen, die sich angemeldet haben, um die Ausgaben von 2025 kostenlos zu erhalten.

Und sind die Inserenten ebenfalls dabei?
Die Inserenten haben den Aufruf erhört. Wir haben bereits zwei Gratisausgaben an alle Haushalte produziert und die gesamten Werbeplätze der 40 Seiten waren besetzt. Und das geht so weiter. Alle Gemeinden haben den neuen Titel positiv aufgenommen und bereits damit begonnen, dort ihre Anzeigen zu veröffentlichen.

«24 heures hat seine Nähe-Mission aufgegeben»

Sie haben mehrfach gesagt, einer der Beweggründe von ESH Médias für die Lancierung von Le Nord Vaudois sei es gewesen, zu verhindern, dass die Region Yverdon zu einer «medialen Wüste» werde. 24 heures von Tamedia betreibt ein Büro in Yverdon mit zwei Journalisten. Was bietet Le Nord Vaudois zusätzlich?
Zwischen der Einstellung von La Région und dem Start von Le Nord Vaudois erlebten Yverdon und die umliegenden Gemeinden drei Monate einer echten medialen Wüste: keine Vermittlung mehr zwischen den Akteuren des Gebietes und seinen Bewohnern. Genau dieses Fehlen erklärt die breite Unterstützung beim Start. Die Aufgabe eines lokalen Mediums besteht darin, ausschliesslich seinem Gebiet zu dienen, täglich, bei kommunalen Entscheidungen, dem Vereinsleben, der Wirtschaft und den Dienstleistungen. Zwar verfügt 24 heures über ein Büro in Yverdon, aber seine zwei Journalisten decken ein viel grösseres Gebiet ab, bis in den Kanton Neuenburg hinein. Das ist nicht der gleiche Auftrag, und der Titel hat seine Nähe-Mission aufgegeben. Le Nord Vaudois hingegen widmet sich vollständig Yverdon und seiner Region. Genau dieser Fokus macht den Unterschied.

Der Vorgänger von Le Nord Vaudois, die Zeitung La Région, musste schliessen, nachdem ein Teil der indirekten Presseförderung wegfiel. Zudem erhöht die Post ab dem Jahr 2026 ihre Zustellpreise. Worauf setzen Sie, um dasselbe Szenario zu vermeiden?
Es gibt zwei wesentliche Komponenten, die uns von La Région unterscheiden. Erstens stützt sich Le Nord Vaudois auf eine etablierte Gruppe, deren Modell ausdrücklich die lokale Presse unterstützt. So kann die Redaktion auf robuste und kostengünstige digitale Werkzeuge zurückgreifen und sie kann auf die Unterstützung der unternehmenseigenen Vermarktungsgesellschaft Impactmédias sowie auf unser Druckzentrum in Monthey zählen. Ausserdem profitieren die Inserenten von Le Nord Vaudois von einer starken und leistungsfähigen Kommunikationslösung, da wir ihnen nicht nur Print und Digital anbieten, sondern auch Plakatierung über das Transportnetz Travys. Zweitens starten wir mit einem deutlich schlankeren Modell und geringeren Fixkosten. Le Nord Vaudois erscheint wöchentlich als Abonnementzeitung sowie einmal im Monat gratis für alle Haushalte der Region. Dadurch reduzieren wir die Druck- und Vertriebskosten drastisch, und unsere Redaktion ist auf diese Erscheinungsfrequenz abgestimmt.

«Print ist unerlässlich, um ein geschriebenes Medium in seinem Gebiet zu verankern»

Die indirekte Presseförderung soll Medien bei ihrer digitalen Transformation unterstützen. Warum haben Sie nicht gleich ein reines Onlineangebot lanciert?
Die indirekte Förderung ermöglicht es gerade, das Printmodell zu unterstützen – denn es wird von der Leserschaft und den Inserenten nach wie vor sehr geschätzt, wie der erfolgreiche Start zeigt. Ein rein digitales Angebot würde es uns noch nicht erlauben, vergleichbare Einnahmen zu erzielen, selbst wenn die Kosten geringer wären. Schliesslich ist Print unerlässlich, um ein geschriebenes Medium in seinem Gebiet zu verankern, und wird für Lesende immer nützlich für eine vertiefte Lektüre und für Inserenten zur Aufwertung ihrer Marken und Produkte sein.

Plant ESH, sich nach dem Modell von Le Nord Vaudois auch in anderen Regionen niederzulassen? Zum Beispiel in der Region Vevey/Oron nach dem Ende des Messager?
Wir hören natürlich auf den Markt und analysieren regelmässig seine Entwicklungen. Aber zurzeit haben wir kein anderes vergleichbares Projekt in Vorbereitung oder auch nur in Prüfung.


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