Jürg Bachmann, wo haben Sie die letzten Töne von Radio Liechtenstein gehört?
Ich war im Studio zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen, die die letzte Sendung gefahren haben und jenen, die ebenfalls dabei sein wollten, als wir den Schalter umgelegt haben. Es war für alle ein sehr emotionaler Moment. Ich wollte ihn zusammen mit den Menschen erleben, mit denen ich jetzt viele Monate zusammengearbeitet habe, deren Arbeit ich sehr schätze und die sich teilweise über Jahre enorm engagiert haben für ihr Radio.
Was haben Sie dabei empfunden?
Grosse Traurigkeit darüber, dass ein Radio sinnlos aufgegeben werden musste, das sich in den letzten Monaten wirtschaftlich erholt hat und ein tolles Programm bot. Weil sich die Parteien nicht auf den Prozess einigen konnten, der nötig gewesen wäre, um das umzusetzen, was sie selber zuvor verlangt hatten. Traurigkeit auch darüber, dass fahrlässig Radioarbeitsplätze verloren gehen, die so nicht wiederkommen werden. Und Enttäuschung darüber, dass Medienvielfalt so wenig wert ist. Ich habe selten so eine Situation erlebt, die nur Verlierer kennt.
Was gab schliesslich den Ausschlag, am Donnerstagabend den Stecker zu ziehen?
Seit Jahresbeginn haben wir an einem Konzept für die Weiterführung des Radios unter privater Trägerschaft bei tieferen Kosten gearbeitet. Das hat die Politik nach dem Volksentscheid vom letzten Oktober von uns verlangt. Das Konzept stand, der Auftrag war erfüllt. Wir haben Regierung und Landtag schon im letzten Herbst darauf aufmerksam gemacht, dass aufgrund der Fristen eines Konzessionsverfahrens die Zeit bis Ende 2025 nicht reichen würde, um es umzusetzen. Und haben die Politik schon damals um eine Verlängerung der Abschaltfrist ersucht.
«Es war nur folgerichtig, den Radiobetrieb einzustellen»
Was war deren Reaktion?
Die Verlängerung wurde uns nicht zugestanden. Vor etwa zehn Tagen hat die zuständige Ministerin, Regierungschef-Stellvertreterin Sabine Monauni, die Parteien nochmals um Zustimmung zu einer solchen Fristverlängerung gebeten. Es kam ein Nein. Es war nur folgerichtig, den Radiobetrieb einzustellen.
Nach dem Motto, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?
Uns war immer klar, dass wir in einem politisch schwierigen Moment eine Lösung gebraucht hätten. Seit Dezember 2024 ist Liechtenstein in einem politischen Vakuum. Im Februar haben die Wählerinnen und Wähler ihr neues Parlament, den Landtag, gewählt. In den letzten Wochen waren die Parteien mit ihren Koalitionsgesprächen besetzt. Der Landtag, der Entscheide treffen kann, tagt erst wieder im Mai.
Kam das überraschend?
Nein, das alles kam nicht überraschend, sondern gehört zu den eingespielten demokratischen Prozessen. Umso wichtiger wäre es gewesen, dass die Parteien ausserhalb ihres eigenen Findungsprozesses ein geschlossenes politisches Signal abgegeben hätten. Auf dieses haben wir vergeblich gewartet. Wir konnten auch keine zeitnahe Aussicht darauf erkennen. Als Verwaltungsrat stehen wir in der Pflicht, das Radio korrekt abzuwickeln. Ohne politische Sicherheiten können wir keine wirtschaftlichen Risiken eingehen. Darum ja, lieber ein rasches Ende mit Schrecken als ein Weiterdümpeln mit unkalkulierbaren Risiken.
«Ich habe mit Freude an einem neuen Konzept mitgearbeitet»
Den Anfang vom Ende markierte die Volksabstimmung, in der sich Ende Oktober 2024 eine Mehrheit zwar nicht gegen das Radio, aber gegen einen teuren Staatssender ausgesprochen hatte. Gingen Sie nach diesem Entscheid davon aus, dass eine Privatisierung möglich wäre?
Ja, davon gingen wir aus. Zuerst hofften wir natürlich, die Oppositionspartei «Demokraten pro Liechtenstein DpL» würde ihre Initiative gar nicht einreichen. Ich habe bereits Mitte Februar 2024 das Gespräch mit ihnen aufgenommen. Ich habe sie darum gebeten, der neuen Leitung eine Chance zu geben und die Initiative allenfalls später einzureichen. Ich fand kein Gehör. Ungeachtet dessen habe ich mit Freude an der Regierungsvorlage für ein neues Konzept mitgearbeitet, welcher der Landtag im Juni 2024 zustimmte und die dem Radio während vier Jahren finanzielle Sicherheit gegeben hätte.
Was haben Sie konkret unternommen?
Im Sommer habe ich das Team umgestellt und im Herbst die operative Radioleitung einer publizistisch anerkannten liechtensteinischen Persönlichkeit übertragen. Damit war das Radio fit für die Zukunft. Bis zum Oktober reichte die Zeit leider nicht, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger von der Qualität unseres Radioprogramms zu überzeugen. Wir haben das Abstimmungsresultat zur Kenntnis genommen, wissend, dass jede Niederlage auch eine Chance sein kann. Das Team hat weiter professionell Radio gemacht, und wir haben eine Lösung mit privater Trägerschaft und zu tieferen Kosten aufgesetzt. Wir waren und sind immer noch davon überzeugt, dass das möglich wäre.
«Wir haben immer kommuniziert, dass diese Umstellung Zeit braucht»
Sie haben im Auftrag der Regierung ein Konzept ausgearbeitet für eine Überführung von Radio Liechtenstein in eine private Trägerschaft nach dem Vorbild der konzessionierten Lokalradios in der Schweiz. Wie nah standen Sie an der Umsetzung dieses Plans?
Mit dem System der konzessionierten Privatradios der Schweiz bin ich bestens vertraut, und wir standen knapp vor einer Lösung. Aber wir haben immer kommuniziert, dass diese Umstellung Zeit braucht. Das wusste auch die DpL, die die Initiative eingereicht hat. Schon vor Jahren hat sie einem ähnlichen Privatisierungsvorschlag zwei Jahre eingeräumt. Jetzt nur noch ein Jahr. Wieso, wissen wir nicht. Immerhin ist Radio jenes lineare Medium mit den kleinsten Nutzungsverlusten. Es kann überall gehört werden. Dank Podcasts und ähnlicher Angebote erlebt Audio gerade bei der jungen Generation ein fantastisches Revival.
Daraus schöpften Sie die Hoffnung, dass es klappt?
Wir hatten viele Ideen für unser Konzept. An den Radiodays Europe haben wir uns gezielt mit vielen zeitgemässen Modellen aus anderen Ländern auseinandergesetzt. Auch mit solchen aus vergleichbaren Staaten, wie Gibraltar. Und solchen, die verantwortbar neue Technologien wie KI einsetzen. Da tut sich viel in der lebendigen Radiobranche.
Am Ende waren die Parteien nicht bereit, die Frist für die Privatisierung zu verlängern, und hielten am 1. Januar 2026 fest. Sind Sie von der Politik enttäuscht?
Als Schweizer und Ausländer in Liechtenstein äussere ich mich zurückhaltend zur liechtensteinischen Politik. Aber klar, ich bin enttäuscht. Vor allem kann ich nicht nachvollziehen, wie man das Trennende, das ein Koalitionsfindungsprozess mit sich bringt, höher gewichten kann als den Erhalt der Medienvielfalt. Ich hätte mir im politischen Prozess ein kurzes Timeout gewünscht, in dem alle Parteien miteinander ein Sachproblem lösen. Dazu ist es nicht gekommen. Es wäre einfacher und kostengünstiger gewesen, die Medienvielfalt zu erhalten, als sie später wieder aufzubauen – wenn das überhaupt geht.
«Ein gesamtpolitischer Konsens zeichnete sich nie ab»
Andere Kleinstaaten wie Monaco oder Luxemburg brachten legendäre Sender hervor wie Radio Monte Carlo oder RTL. Warum war das in Liechtenstein nicht möglich?
Das müssen Sie die Liechtensteiner Politikerinnen und Politiker fragen. Liechtenstein ist meines Wissens kein finanziell darbendes Land. Daran kann es nicht liegen. Auch Medienministerin Sabine Monauni hat sich stets für den Erhalt des Radios eingesetzt. Sie hat uns immer unterstützt, und ich konnte mich jederzeit auf ihr Wort verlassen. Das war mir viel wert, und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Hingegen sind mir in anderen politischen Gesprächen oft etwas konfuse oder realitätsfremde Vorstellungen begegnet; oft auch wenig durchdachte. Die kleinste Oppositionspartei, die «Freie Liste», hat uns hingegen immer unterstützt und sich für einen funktionierenden Service public eingesetzt. Das rechne ich ihr hoch an. Ein gesamtpolitischer Konsens, den wir gebraucht hätten, zeichnete sich nie ab.
Innert zwei Jahren sind mit dem Liechtensteiner Volksblatt und nun mit dem Radio zwei der drei grossen Medien verschwunden. Was läuft schief im Fürstentum?
Ich habe mich oft gefragt, ob sich manche Politikerinnen und Politiker, die diesen Bereich mitgestalten wollen, mit der Medienentwicklung auseinandersetzen, wie sie heute auf der ganzen Welt stattfindet. Oder einem Wunschbild nachhängen. Aus wirtschaftlich nachvollziehbaren Gründen gibt es immer weniger Medien, die ein breites Publikum ansprechen. Die Demokratie braucht aber solche, um zu funktionieren.
Und das hat Radio Liechtenstein geleistet?
Der Sender hat regelmässig über die Hälfte der liechtensteinischen Bevölkerung erreicht. Das war grossartig. Und kann auch nicht durch viele kleine Medien-Start-ups kompensiert werden, so interessant diese sein mögen. Sie sind oft auch zu teuer im Vergleich zu dem, was sie erzielen. Oft wäre ein Facebook-, Insta- oder Telegram-Kanal günstiger und hätte etwa die gleiche Wirkung. Demokratie braucht mehrheitsfähige Medien, um zu funktionieren. Viele kleine Nischenprodukte können mehrheitsfähige Medien nicht ersetzen. In kurzer Zeit zwei von drei tagesaktuellen, demokratierelevanten Medien verschwinden zu lassen, passiert nicht einfach so und ist schon erklärungsbedürftig.
Ist für Sie nach der Abwicklung des Radios das Kapitel Liechtenstein abgeschlossen?
Liechtenstein ist wunderschön, und ich hege keinen Groll gegen Land und Leute. Im Gegenteil: Ich habe viele interessanten Menschen kennengelernt, mit ihnen gute Zeiten erlebt und viel gelernt. Ich wundere mich einfach, dass Teile der Politik nicht mehr Sorge tragen zu ihrer nationalen Medienvielfalt. Und damit auch zu ihrer eigenen Identität und Kultur. Journalistische Arbeit ist demokratierelevant und gesellschaftsverbindend. Journalismus braucht auch Konkurrenz. In einem Land, in dem es jetzt nur noch ein einziges tagesaktuelles, journalistisch gemachtes Medium gibt, das traditionell und vorläufig einer der grossen Parteien gehört, ist unabhängiger Journalismus schwierig. Es besteht weder gegenseitiger Ansporn noch Kontrolle. Beides ist unerlässlich für Medienvielfalt und Demokratie. Abgeschlossen? Sollte mein Ratschlag für die Gestaltung der Medienvielfalt in Zukunft gefragt sein, stehe ich gern zur Verfügung.

