18.10.2023

Tagesschau

«Ich war schon überrascht, wie tief die Werte sind»

Medienforscher Ladislaus Ludescher kritisiert die Tagesschau von SRF für ihre Vernachlässigung der Berichterstattung aus dem Globalen Süden. Er findet, menschliches Leid dürfe nicht danach bemessen, wo es sich ereignet.
Tagesschau: «Ich war schon überrascht, wie tief die Werte sind»
Anzahl der Tagesschau-Berichte, in denen die jeweiligen Staaten erwähnt wurden. (Grafik/Bild: zVg)
von Nick Lüthi

Herr Ludescher, hat es Sie überrascht, dass die Tagesschau von SRF so wenig über den Globalen Süden berichtet (siehe Artikel auf persoenlich.com)?
Ich habe schon zahlreiche Medien ausgewertet, darunter 16 Jahre der deutschen Tagesschau von 2007 bis 2022, und dort immer ähnlich niedrige Werte für den Globalen Süden vorgefunden, insofern war das keine Überraschung.

Es zeigt sich also bei der Schweizer Tagesschau das gleiche Bild wie in Deutschland?
Eigentlich dachte ich, dass die Schweiz als neutrales Land und auch als Sitz verschiedener UNO-Institutionen, globaler orientiert wäre, insofern war es doch etwas überraschend, dass die Werte für die Schweiz genauso niedrig sind.

«Mit 25 Prozent würde sich die Situation schon eindeutig verbessern»

Sie nennen die Dominanz der Themen des Globalen Nordens in der Tagesschau «erschütternd erdrückend». Welches wäre eine angemessene Präsenz des Globalen Südens in der Sendung?

Das ist eine gute Frage. Ich denke nicht, dass es sich da um eine eindeutig festlegbare Grösse handelt. Aber 10 Prozent der Nachrichten für 85 Prozent der Weltbevölkerung erscheint mir eindeutig zu niedrig. Vielleicht könnte als eine mögliche Orientierungsgrösse 25 Prozent dienen – damit würde sich die Situation schon eindeutig verbessern.

SRF hält die schwache Präsenz des Globalen Südens in der Tagesschau für «nachvollziehbar, gerechtfertigt und publizistisch richtig». Können Sie diese Haltung nachvollziehen?
Ganz offen gestanden, nein. Gewiss gab und gibt es eine Reihe von Ereignissen im Globalen Norden, die sehr bedeutsam waren, beziehungsweise sind. Der Ukraine-Krieg zum Beispiel ist zweifelsfrei ein Ereignis mit höchst weitreichenden menschlichen und politischen Auswirkungen. Es ist natürlich völlig richtig, darüber umfangreich zu berichten.

Was stört Sie dann?
Ich kann nicht nachvollziehen, dass es publizistisch richtig sein soll, über den Ukraine-Krieg in der Tagesschau im Schnitt jeden Tag fünf Minuten zu berichten, über den Krieg in Tigray, in dem Schätzungen zufolge bis zu 600’000 Menschen gestorben sind und der damit als «tödlichster Krieg des 21. Jahrhunderts» gilt, nur 150 Sekunden – pro Jahr. Über die Lage im Jemen, die die Vereinten Nationen als «weltweit schlimmste humanitäre Krise» einstufen, hat die Tagesschau im Jahr 2022 keinen einzigen Bericht ausgestrahlt. Das kann journalistisch nicht gerechtfertigt sein. Wir dürfen menschliches Leid nicht danach bemessen, wo es sich ereignet. Die Menschen des Globalen Südens müssen ebenso ein Recht haben, in den Nachrichten abgebildet zu werden.

«Wenn im Schweizer Radio über den Krieg in Tigray berichtet wurde, ist das sehr begrüssenswert»

Über den Krieg in der äthiopischen Region Tigray, der in der schweizerischen Tagesschau kaum vorkam, berichtete dafür das Schweizer Radio SRF umso mehr. Relativiert das die Aussagekraft Ihrer Befunde – zumal sich ja niemand nur mit der Tagesschau allein über das Weltgeschehen informiert?
Wenn im Schweizer Radio über den Krieg in Tigray berichtet wurde, ist das sehr begrüssenswert. Trotzdem ist die Tagesschau im SRF mit Abstand das reichweitenstärkste Fernsehnachrichtenformat der Schweiz und gilt als Nachrichteninstitution. Es klingt doch sehr bedauerlich, wenn das Publikum auf andere Medienformate ausweichen muss, um sich über so fundamentale Ereignisse wie den Krieg in Tigray zu informieren.

Liegt es auch am Medium Fernsehen an sich und dem Format einer Tagesschau, dass es gewisse Themen schwerer haben vorzukommen als andere?
Das Medium kann durchaus eine Rolle spielen, wie ein Thema aufbereitet wird. Allerdings habe ich dieselben niedrigen Werte auch in anderen Formaten vorgefunden – so etwa im Club von SRF. Dort entfielen sogar nur sieben Prozent Sendezeit auf den Globalen Süden.

Ist dieser Wert ein Ausreisser nach unten?
In Österreich bin ich auf dieselben Werte gestossen. Dort habe ich neben der Zeit im Bild ZIB auch ORF.at untersucht, die führende Nachrichtenseite Österreichs. In den meisten Zeitungen, die ich ausgewertet habe, sind die Werte sogar noch niedriger als bei den Fernsehformaten.

«Die Werte waren auch vor Corona und Ukraine-Krieg auf einem ausgesprochen niedrigen Niveau»

Ihre Untersuchung ist eine Momentaufnahme. Wurde früher mehr über den Globalen Süden berichtet?
In den Jahren der Coronapandemie und seit dem Ukraine-Krieg ist der Globale Süden noch weiter in den Hintergrund gerückt ist. Aber die Werte waren auch vorher schon auf einem ausgesprochen niedrigen Niveau.

Kennen Sie auch Medien, die ihre Berichterstattung aus dem Globalen Süden ausgebaut haben in den letzten Jahren?
Ich habe überwiegend die sogenannten Leitmedien untersucht, in denen der Globale Süden nur äusserst schwach repräsentiert ist. Es gibt aber auch Medien, in denen der Anteil der Berichterstattung über den Globalen Süden etwa zwei- oder dreimal so hoch liegt wie in der Tagesschau. In Deutschland ist das zum Beispiel in der Tageszeitung – taz sowie im Arte Journal der Fall.



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Kommentare

  • Ueli Custer, 20.10.2023 17:17 Uhr
    Die Tagesschau ist kein Informationsgefäss für extreme Newsfreaks und Journalisten. Sie muss auf die Interessen des Durchschnittskonsumenten abstellen.
  • Ueli Custer, 19.10.2023 08:00 Uhr
    Herr Ludescher macht eine Gewichtung aus einer globalen Perspektive. Die Redaktion der Tagesschau gewichtet Beiträge, die für die Zuschauerinnen und Zuschauer in der (deutschen!) Schweiz von höherem Interesse sind. Und das ist richtig so. Das Publikum wird ja so schon mit genügend Negativmeldungen bombardiert. Noch mehr davon, führt lediglich dazu, dass noch mehr Menschen auf den Konsum der Tagesschau verzichten. So funktionieren Medien halt.
  • Judith Waldvogel-Bencze, 19.10.2023 05:41 Uhr
    Endlich ist dieses Problem auf dem Tisch gelegt. Ich informiere mich seit längere Zeit über ausländische Berichten (Spiegel, FAZ, Reuters) In der Schweiz finde ich Watson und z.T. NZZ hat die Nase vorn. Die gleiche gilt auch für Oesterreich... die Berichterstattungen sind an eine sehr schmale Niveau.
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