Mario Heller, was haben Brot backen und Menschen fotografieren gemeinsam?
Beides erfordert Geduld und den richtigen Moment. Ein Teig muss gären, und man muss wissen, wann man das Brot aus dem Ofen nimmt. Bei Menschen braucht es Zeit, um Vertrauen aufzubauen, und dann muss man bereit sein, wenn Mimik, Licht und Situation zusammenpassen.
Sie haben als Bäcker-Konditor im Aargau angefangen. Wie kamen Sie schliesslich zur Fotografie?
Ich hatte am Ende der Schulzeit keine Ahnung, was ich machen wollte. Die Bäckerei war gleich um die Ecke in Muri, also habe ich dort eine Lehre gemacht. Während der Ausbildung fing ich an zu fotografieren, und irgendwann war klar: daraus muss mehr werden.
«Es wird extrem schwierig»
Am MAZ studierten Sie Redaktionelle Fotografie – und beim Aufnahmegespräch wurde Ihnen gesagt, niemand brauche Sie und Sie würden das Geld zum Fenster rauswerfen. Was hat Sie trotzdem weitermachen lassen?
Der Wunsch, Geschichten zu erzählen. Und ehrlich gesagt hat mir dieser Satz auch geholfen, weil er von jemandem kam, dem ich vertraute. Reto Camenisch sagte einfach die Wahrheit: Es wird extrem schwierig. Das ist besser als falsche Hoffnungen.
Nach dem MAZ-Abschluss haben Sie ein Praktikum bei der Aargauer Zeitung gemacht, dann aber den Schluss gezogen, dass es in der Schweiz zu wenig Perspektiven für Fotografen gibt. Was fehlte Ihnen hier – und stimmt diese Einschätzung heute noch?
Nach dem Praktikum bei der Aargauer Zeitung gab es schlicht keine Stelle. Festanstellungen als Fotograf im Journalismus gab es vielleicht einmal pro Jahr, wenn überhaupt. Ich glaube, das hat sich seither eher noch verschärft.
Sie haben zwischen 2018 und 2020 als Bildredaktor bei der Bild am Sonntag gearbeitet, Europas auflagenstärkster Sonntagszeitung. Was war das für eine Schule?
Die Bild am Sonntag hat alles übertroffen, was ich bis dahin beruflich erlebt hatte. Extrem ehrgeizige Journalistinnen und Journalisten mit einem bewundernswerten Gespür dafür, was Menschen bewegt. Diese Zeit hat auch mein eigenes Gespür geschärft, und ich habe gemerkt, wie unterschiedlich die Schweiz und Deutschland ticken.
Heute arbeiten Sie beim Berliner Tagesspiegel als Bildredaktor und Fotograf, veröffentlichen Reportagen in der Republik, bei der Zeit und im Guardian. Wie sieht Ihr Alltag konkret aus – und wie finanzieren Sie Ihre freien Projekte?
Ich arbeite in Teilzeit beim Tagesspiegel als Bildredaktor und Fotograf, der Rest der Zeit geht in freie Aufträge und eigene Projekte. Dazu kommt eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Meine eigenen Reportagen finanziere ich meistens noch selbst und verkaufe sie erst danach. Inzwischen vertreibt die Agentur Panos Pictures in London meine Geschichten international, was natürlich hilft.
Beim Swiss Press Photo 2026 haben Sie soeben den ersten Platz in der Kategorie Ausland gewonnen – mit der Reportage «Fliessende Grenzen» in der Republik (persoenlich.com berichtete). Was fliesst da, und wo?
Der Fluss Narva trennt Estland und Russland. Weil der Osten Estlands hauptsächlich russischsprachig ist, gibt es Befürchtungen, Russland könnte dort ähnlich vorgehen wie auf der Krim. Ich wollte wissen, was die Menschen vor Ort darüber denken, wie sie die Bedrohung wahrnehmen.
Jetzt reisen Sie nach Curaçao, um im Vorfeld der Fussball-WM zu berichten. Curaçao ist das kleinste Land, das sich je für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hat. Was interessiert Sie an diesem Stoff fotografisch?
Wenn man hört, dass sich eine Karibikinsel mit 185'000 Einwohnern für die WM qualifiziert hat, denkt man erstmal an ein Fussballmärchen. Wenn man dann aber herausfindet, dass alle Nationalspieler in Holland wohnen und die Insel höchstens vom Urlaub kennen, wird das Bild komplizierter. Mich interessiert dieses Paradox zwischen Stolz, Identität und Kolonialgeschichte.
Sie sind Schweizer, leben und arbeiten aber hauptsächlich in Deutschland und international. Wo spüren Sie die grössten Unterschiede zwischen dem Schweizer und dem deutschen Medienmarkt?
In Deutschland sind Arbeitnehmer deutlich besser abgesichert. Als ich meinen Vertrag bei der Bild am Sonntag unterschrieb, stand da bereits, wann ich in Rente gehen würde. Jemanden einfach so zu entlassen, wie es in der Schweiz möglich ist, wäre in Deutschland ein Skandal.
«Die meisten Projekte finanziere ich selbst»
Ihre Reportagen führen Sie in entlegene, oft wenig beachtete Winkel der Welt. Wie finden Sie Ihre Themen, und wie überzeugen Sie Redaktionen, diese zu finanzieren?
Ich verbringe viel Zeit auf Google Maps und erkunde Orte, von denen ich noch nie gehört habe. Dann schaue ich, ob es interessante Menschen oder Geschichten gibt, manchmal wochenlang. Die meisten Projekte finanziere ich selbst, weil ich die Geschichten in erster Linie selbst erleben will, nicht weil ich damit Geld verdienen oder publizieren muss.
Was raten Sie jungen Menschen in der Schweiz, die in den Bildjournalismus einsteigen wollen?
Ich kann eigentlich nur wiederholen, was Reto Camenisch damals zu mir sagte: Auf euch hat niemand gewartet. Heute gilt das noch mehr, die Medienlandschaft ist unter noch mehr Druck. Trotzdem gibt es noch einen Markt. Wer Talent hat und bereit ist, härter zu arbeiten als alle anderen, kann es schaffen.

