24.11.2003

"Kurt Felix, ist das Fernsehen schlechter geworden?"

Am Donnerstag wird Kurt Felix (Bild) der deutsche Medienpreis Bambi übergeben. Der Schweizer Medienpionier erhält die Auszeichnung für sein Lebenswerk. Was bedeutet der Preis für Kurt Felix? Sind Sendungen mit versteckter Kamera menschenverachtend? Und warum scheint seine Schreibe immer pointierter? "persoenlich.com" hat sich mit dem Preisträger unterhalten. Das Interview:
"Kurt Felix, ist das Fernsehen schlechter geworden?"

Was bedeutet Ihnen der Bambi?

Nachdem ich seit dreizehn Jahren keine Sendungen mehr mache, kommt der Bambi völlig überraschend -- und um so überraschender, als es sich um den schönsten Medienpreis im deutschsprachigen Europa handelt. Besonders gefreut hat mich, dass die Auszeichnung meine Sendungen im Schweizer Fernsehen mitumfasst, wodurch auch die Fernseh-Crew in Zürich symbolisch am Preis teil hat.

Welcher Aspekt Ihres Schaffens war für den Jury-Entscheid Ihrer Meinung nach ausschlaggebend?

Es gibt fünf Punkte:

1. Mit meiner Erfindung von "Stöck-Wys-Stich" habe ich 1968 die erste interaktive Fernsehsendung erfunden -- und zwar mit einfachsten Mitteln: Die Zuschauer konnten telefonisch mitbestimmen, welche Jasskarten ausgespielt werden sollen. Heute läuft das Format als "Samschtigjass" immer noch mit Erfolg im samstäglichen Vorabendprogramm und ist die älteste Unterhaltungssendung Europas.

2. Der von mir erfundene "Teleboy" war weltweit die erste Samstagabend-Show, die auf der versteckten Kamera aufbaute. Die Sendung weist in der fünfzigjährigen Geschichte des Schweizer Fernsehens die höchste Einschaltquote auf.

3. Dann habe ich den "Teleboy" der Siebziger in den achtziger Jahren für das Deutsche Fernsehen umgearbeitet: Der Anteil an versteckter Kamera wurde erhöht, und wir waren auch wieder die Ersten, die prominente Zeitgenossen auf die Schippe genommen haben.

4. Mit dem "Supertreffer" des Schweizer Fernsehens produzierte ich Ende der Achtziger in Zusammenarbeit mit der Landeslotterie die erste Sendung des deutschsprachigen Europas, in der man eine Goldmillion gewinnen konnte.

5. Insgesamt bin ich also 1965, am Ende der Pionierzeit des Mediums, zum Fernsehen gestossen, habe aber in meiner 25jährigen Tätigkeit mit neuen Fernsehformaten immer wieder Pionierleistungen vollbracht. Und das wird nun von den Verleihern des Bambi-Preises gewürdigt.

Honoriert wird eine mehr als Jahrzehnte dauernde Karriere. Was würden Sie rückblickend anders machen?

Schwer zu sagen, denn aufgrund des Erfolgs der Sendungen ist vermutlich mehr oder weniger alles richtig gelaufen. Vielleicht hätte ich die eine oder andere Sendung noch etwas länger moderieren können, "Teleboy" etwa, oder "Verstehen Sie Spass".

In diesem Zusammenhang glaube ich übrigens, dass der "Teleboy" mit dem Aufkommen des sogenannten "Retro-Fernsehens" auch heute wieder eine Chance im Schweizer Fernsehen hätte. Denn das Konzept stimmt für das grosse Samstagabend-Publikum, nur müsste das Format mit neuen Inhalten gefüllt und mit neuen Protagonisten bestückt werden sowie temporeicher produziert.

Wen könnten Sie sich denn für die Moderation vorstellen? Kurt Felix?

So spontan gefragt: Roman Kilchsperger. Ich selber habe mich vor dreizehn Jahren aus diesem Beruf verabschiedet, weil ich wusste, dass mit dem Aufkommen deutscher Privatsender eine neue Zeit anbricht. Ich wollte auf dem viel zitierten Höhepunkt aufhören.

Ganz allgemein ist es ja so, dass bis anhin der Grundsatz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" auch für das Fernsehen galt. Wenn man sich aber heute in der Fernsehlandschaft umschaut, so ist das offensichtlich in vielen Sendungen vorbei.

Haben denn nicht gerade Sie mit der versteckten Kamera den Grundsatz als Erster verletzt?

Natürlich waren diese Scherze eine Gratwanderung zwischen Schadenfreude und Menschenwürde. Ich war jedoch immer streng darauf bedacht, dass die Schadenfreude nicht überwiegt. Leider muss ich aber anmerken, dass heutige Sendungen mit versteckter Kamera oft zu platt, zu brutal und teilweise gar menschenverachtend sind. Das ist keine Comedy, das ist nicht mehr lustig! Ich bin deshalb froh, dass Frank Elstner mein Nachfolger ist, der nach dem gleichen Prinzip arbeitet wie ich. Andere Formate der versteckten Kamera sagen mir weniger zu.

Sie haben in Ihrem Leben viel erreicht. Welche Ziele haben Sie sich für die nächsten Jahre gesteckt?

Durch meine Krankheit haben sich meine Ziele noch mehr Richtung Privatleben verschoben. Die einzige berufliche Tätigkeit ist die Kolumne, die ich wöchentlich mit ungeheurer Freude für die Schweizer Illustrierte schreibe; hier kann ich meine Meinung frei äussern. Diese Tätigkeit wird stark beachtet, wie etwa die Diskussion um die Wetterfee zeigte. Die Arbeit bedingt, dass ich mich über Medienfragen laufend à jour halte. Das erfordert immense Vorarbeit, und tatsächlich habe ich noch nie so viel über das Fernsehen gewusst wie gerade jetzt.

Sie schreiben in letzter Zeit pointierter. Ist das Fernsehen schlechter geworden?

Nein. Aber das Fernsehen ist heute -- im Gegensatz zu früher, als am Sonntag morgen im Tram über den "Teleboy" gesprochen wurde -- kein Ereignis mehr. Egal, was übertragen wird, das Publikum hat es sofort wieder vergessen. Andererseits erlaubt es das gewaltige Angebot an Sendungen aber auch, genau das herauszufiltern, was einen anspricht; jeder wird bedient, irgendwo läuft immer eine interessante Sendung. Man muss sich allerdings die Mühe machen, die Programmzeitschriften zu studieren. Ich selber verwende darauf wöchentlich rund drei Stunden und bin immer wieder erstaunt über die Themenvielfalt.

Sie schreiben also gar nicht pointierter?

Ich will vor allem ehrlich schreiben. Je grösser der Abstand zu meinem eigenen Wirken am Fernsehen wird, desto mehr kann ich die Vorgänge von aussen her betrachten. Ich bemühe mich nicht nur um Objektivität, sondern um eine wahre Darstellung der Sachverhalte. Doch diese können einzelnen Protagonisten natürlich weh tun. Ich weiss aber, dass, man mir in Fachkreisen in Vielem Recht gibt.

Sie sind ein intimer Kenner von SF DRS. Was erwarten Sie von der neuen Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre, die ab kommendem Januar Peter Schellenberg ablöst?

Es wird zu einigen Veränderungen kommen, denn es besteht ein enormer Nachholbedarf. Sendungen abzusetzen und neue zu installieren, reicht natürlich nicht -- insbesondere, wenn die Bisherigen erfolgreich waren. Hingegen ist es höchste Zeit, verschiedene Sendegefässe aufzufrischen. Die "Tagesschau" etwa ist während Jahren stehengeblieben, und ihr neuer Leiter Heiner Hug ist jetzt daran, das Gefäss von Grund auf zu renovieren: in Bezug auf die Inhalte, auf die Berichterstattung und auf das Tempo. Für den Zuschauer wird das am Anfang noch nicht so sichtbar sein, denn die eigentliche Renovation der "Tagesschau" wird erst mit dem Neubau des neuen News-Studios abgeschlossen sein.

Ähnlich sieht es bei vielen anderen Sendungen aus, so dass mein konkreter Wunsch an die neue Fernsehdirektorin ist, sie möge viel renovieren -- was sie im übrigen auch tun wird, denn man weiss auf jeder Redaktion von SF DRS, dass es nun Zeit ist, sich nicht auf den Lorbeeren der hohen Quoten auszuruhen, sondern kontinuierlich weiter am Erfolg zu arbeiten.

Dass diese Erneuerung bisher nicht stattgefunden hat, beweist, dass eine starke Konkurrenz zum Programm von SF DRS fehlt. Ich habe denn auch sehr bedauert, dass Tele 24 und TV3 nicht fusioniert haben, sondern eingestellt wurden. Es bleibt nur zu hoffen, dass es dereinst wieder mutige Unternehmer vom Schlag eines Roger Schawinski geben wird, die Geld ins Fernsehen investieren. Doch dafür sitzt der Schock wohl noch zu tief.

Sie schätzen die Chancen von sprachregionalen Fernsehprojekten wie U1 TV Station oder Elevator TV demnach als nicht sehr hoch ein?

Die haben nicht das Gewicht, um die SRG konkurrenzieren zu können. Dazu fehlen ihnen fundierte, handwerklich hervorragend gemachte Eigenproduktionen.


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