06.07.2025

Quereinsteigerin

«Man muss seinen frischen Blick als Asset verkaufen»

Jacqueline Krause-Blouin wollte Rockstar werden, bevor sie in den Journalismus einstieg. Aus ihrem Werdegang habe die ehemalige Annabelle-Chefredaktorin gelernt, mehr auf Motivation als auf Erfahrung zu achten. Und sie sagt in der Sommerserie, warum ihre Mutter sich nicht getäuscht hatte.
Quereinsteigerin: «Man muss seinen frischen Blick als Asset verkaufen»
«Ich hatte zwar keinerlei journalistische Erfahrung, wusste aber: Ich kann schreiben», so die ehemalige Annabelle-Chefredaktorin Jacqueline Krause-Blouin. (Bilder: zVg/rechts: Peter Kaaden)

Ihr Berufsleben haben Sie mit einem Plattenvertrag angefangen. Sie haben mehrere Platten veröffentlicht und Konzerte gespielt. Weshalb hatten Sie sich für eine Karriere in der Musikbranche entschieden?
Es war mein Traumberuf. Ich begann schon als Kind mit einer klassischen Gesangsausbildung, später folgte ein Studium in Theater und Musik in Berlin. Ich stamme aus einer Familie von Betriebswirten – womöglich wollte ich aus der Reihe tanzen. Jedenfalls war für mich klar: Ich werde Rockstar.

2011 haben Sie angefangen, als freie Journalistin für Rolling Stone Magazin zu schreiben. Und seit zehn Jahren arbeiten Sie für Annabelle, wo Sie auch Chefredaktorin waren. Was war der Auslöser für den Branchenwechsel?
Ich merkte relativ schnell, dass es nicht so leicht ist, mit der Musik Geld zu verdienen. Mein Plan war dann, nebenbei über Musik zu schreiben – ja, damals konnte man als Journalistin noch Geld verdienen. ;-) Ich hatte zwar keinerlei journalistische Erfahrung, wusste aber: Ich kann schreiben. Ich bewarb mich auf eine Stelle als Assistentin der Chefredaktion beim Rolling Stone und sass dann ein Jahr lang am Empfang und nahm Telefongespräche entgegen. Beinahe jeden Tag fragte jemand «ob Mick oder Keith da seien». ;-) Eines Tages wagte ich es, dem Chefredaktor einen Artikel von mir über das Chelsea Hotel in New York zu schicken. Er veröffentlichte ihn und bot mir ein Praktikum in der Redaktion an.

Gab es auch Momente des Zweifels während oder nach dem Umstieg?
Ich liebte es, mich in der Welt des Popjournalismus zu bewegen. Nur manchmal, wenn ich Musikerinnen interviewte, dachte ich: Eigentlich wollte ich doch an ihrer Stelle sein.

«Ich habe bei Bewerbungen nie darauf geachtet, was für Abschlusszeugnisse oder Zertifikate jemand mitbringt»

Wie hat Ihr persönliches Umfeld auf den Berufswechsel reagiert?
Meine Eltern waren froh, dass ich mein Studium abgeschlossen hatte. Meine Mutter fand schon immer, dass Schreiben meine eigentliche Bestimmung sei.

Haben Sie sich schnell im neuen Berufsfeld zurechtgefunden?
Ja, ich habe alles aufgesogen und hatte immer wieder Mentorinnen und Mentoren, die mich unter ihre Fittiche genommen haben und mir Chancen gegeben haben, ohne dass ich einen Leistungsausweis vorweisen konnte. Das habe ich dann später als Chefin auch versucht.

Ist Ihre Berufsbiografie heute ein Thema im professionellen Umfeld?
Heute nicht mehr, weil ich mir mit meiner journalistischen Arbeit einen Namen machen konnte. Aber für mich als Führungsperson hat es lange eine Rolle gespielt: Ich habe bei Bewerbungen nie darauf geachtet, was für Abschlusszeugnisse oder Zertifikate jemand mitbringt. Viel entscheidender waren für mich immer das Feuer, die Motivation und die Originalität einer Person. Im Gegenteil sogar: Es interessiert mich, wenn sich jemand traut, sich ausserhalb der Komfortzone zu bewegen.

Gibt es Parallelen zwischen Ihrer alten und der neuen Tätigkeit?
Ja, als Schauspielerin habe ich immer unglaublich viel recherchiert – ich wusste alles über meine Rolle. Mein Ansatz war: Ich muss alles wissen und dann auf der Bühne alles vergessen. Heute geht es mir so, wenn ich Menschen interviewe. Ich lese absolut jeden Schnipsel über sie, bevor ich in ein Gespräch gehe und lasse dann das Gespräch passieren. Und als Songwriterin habe ich natürlich auch geschrieben – in der Form des Songs muss man in wenigen Worten auf den Punkt kommen. Das tut uns Journalist:innen manchmal gut.

«Früher galt ausserdem: mit den richtigen Leuten rauchen»

Welches Know-how aus Ihrer ursprünglichen Tätigkeit hilft Ihnen bis heute?
Ich glaube, ich habe ein tiefes Verständnis für Kulturschaffende, die man als jemand, der nicht von der Bühne kommt, eher nicht hat. Das schafft Vertrautheit bei Interviews. Und ich war damals Artdirector für mein eigenes Art Work, Fotoshootings und Videos, das hat mir sicherlich auch für mein visuelles Verständnis als Blattmacherin geholfen.

Was würden Sie anderen Quereinsteigern raten?
Seid hartnäckig! Es ist manchmal schwer, überhaupt einen Fuss in die Tür zu bekommen, wenn man aus einer anderen Branche kommt. Aber man muss seinen frischen Blick auf die Branche, den man als Aussenstehende hat, als Asset verkaufen. Früher galt ausserdem: mit den richtigen Leuten rauchen.

Könnten Sie sich einen erneuten Branchenwechsel vorstellen?
Ja, auf jeden Fall, ich bin jetzt Ende 30, wer weiss, was da noch alles kommt. Oder ich werde doch noch Rockstar.                             


In der Sommerserie «Quereinsteiger / Quereinsteigerin» stellt persoenlich.com zehn Fragen an Menschen aus der Medien- und Kommunikationsbranche, die nicht den klassischen Weg genommen haben. Eine Übersicht aller bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.

 


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KOMMENTARE

Bruno Bötschi
07.07.2025 06:25 Uhr
Ich frage mich gerade: Was ist der klassische Weg in den Journalismus? Gibt es ihn überhaupt? Ich glaube nicht. Und das ist gut so.
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