24.09.2026

Tamedia

«Meine Knie sind so was von lieb zu mir»

Seit 2004 hat Thomas Widmer die Schweiz Kolumne für Kolumne erwandert, zuerst in der Weltwoche, zuletzt in der Schweizer Familie und im Tages-Anzeiger. Jetzt hört der Erfinder der Wanderkolumne auf. Im Interview erzählt er, warum ihm die Worte ausgehen, was Leserinnen und Leser gar nicht mögen und wohin seine nächste Tour führt.
Tamedia: «Meine Knie sind so was von lieb zu mir»
«Die Flurnamen und alles müssen stimmen, sonst setzts ein Donnerwetter. Aber in der Regel kommt Dank. Richtige Liebesbriefe», so Thomas Widmer, Wanderkolumnist der Schweizer Familie. (Bilder: zVg)

Herr Widmer, Sie haben soeben Ihre letzte Wanderung für die Schweizer Familie und den Tages-Anzeiger absolviert. Was ist der Grund für Ihren Abgang?
Amtsmüdigkeit spielt sicher eine Rolle. Mit jeder Kolumne fällt es mir schwerer, Dinge präzise zu beschreiben. Eine bestimmte Berglandschaft etwa oder ein schmuckes Bergdorf oder eine irre Geröllhalde. Mir gehen die Adjektive aus.

Sie gelten als Erfinder der Wanderkolumnen. Wann wurde Ihnen erstmals bewusst, dass dies ein Erfolg sein könnte?
Praktisch sofort. Ich lancierte meine Kolumne 2004 bei der Weltwoche, wo ich mich mit Gastrokolumnist Christian Seiler abwechselte, in der einen Woche Essen, in der anderen Woche Wandern. Sofort kamen begeisterte Reaktionen. Routenanregungen. Einladungen zu Privatführungen auf Lieblingsgipfel samt Bräteln im Garten nach dem Abstieg. Ist auch kein Wunder, Wandern ist der Volkssport Nummer eins der Schweiz.

«Ich schätze mal, dass ich 800 Kolumnen verfasst habe»

Wie viele Wanderungen haben Sie bis jetzt beschrieben?
Ich startete 2004 und schätze mal, dass ich 800 Kolumnen verfasst habe. Also im Prinzip 800 Routen. Oder mehr.

Haben Sie eine Lieblingswanderung?
Im Appenzellerland, wo ich aufwuchs, steige ich gern ab und zu auf die Hundwiler Höhi. Ich liebe die Nagelfluhrippen, das gewellte Hügelland, den Blick zum Alpstein, die Gipfelwirtschaft – und die Siedwurst mit Chäshörnli und Epfelmues. In Hundwil verdiente ich einst als Student Geld mit Briefträgern. Wenn ich auf die Höhi steige, kommt also meine Jugend zurück.

Gab es viele Reaktionen auf Ihre Tipps?
Gerade in der Schweizer Familie haben wir Leserinnen und Leser, die aktiv sind und sich melden. Die Flurnamen und alles müssen stimmen, sonst setzts ein Donnerwetter. Aber in der Regel kommt Dank. Richtige Liebesbriefe. Und die Leute, die nicht mehr wandern können, freuen sich, weil die Kolumne Erinnerungen weckt. An Schulreisen zum Beispiel.

Auch Kritik?
Ja. Was nicht goutiert wird, sind machomässige Brutalowanderungen, vier Stunden rauf und vier Stunden runter mit je 1600 Höhenmetern. Da gibts Reklamationen. Ich stelle fest, dass sanfte Touren am besten ankommen. Oder solche, die man mit dem Postauto abkürzen kann. Und wenn ein Leser oder eine Leserin schneller unterwegs war, als ich angebe, dann wird mir das freudig durchgegeben, nach dem Motto: «Haha, Herr Widmer, ich bin im Fall fitter als Sie.»

Ist die Schweiz ein Volk von Wanderern?
Ganz fest. Wandern ist Volkssport Nummer eins. Schön ist, wie jedes Jahrzehnt das Wandern neu erfindet. Mal gings um den Widerstand gegen neue Stauseeprojekte und Militäranlagen, man ging das Terrain politischer Kämpfe sondieren, etwa die Greina-Hochebene. Dann gings um Spiritualität und Wellness und den Luxus der Stille. Dann um die – sorry – geilste Fotostrecke für Facebook oder Insta und um den schönsten Bergsee im Selfie-Hintergrund.

Werden Sie als «Frühpensionär» weiterhin wandern gehen?
Solange ich kann, ganz sicher. Momentan tut mir eigentlich fast nichts weh. Ab und zu der eine Fuss, aber das ist Jammern auf höchstem Niveau. Meine Knie sind so was von lieb zu mir.

Und könnte es sein, dass Sie wieder darüber schreiben?
Ich plane jedenfalls nichts. Und ich freue mich auf mehr Zeit für mich und meine Leidenschaften. Zum Beispiel darauf, im ganzen Land noch mehr spezielle Steine zu besuchen, um die sich Geschichten ranken. Ihnen widmete ich eines meiner Bücher.

Was wird Ihre nächste Wanderung sein?
Mit meinem Freundesgrüppli gehts auf den Roggenstock bei Oberiberg SZ. Nichts Überhängendes, eine höchstens mittelstrenge Wanderung. Ganz sicher mit einer zünftigen Einkehr am Ende. Ich weiss auch schon, wo. Aber das ist jetzt privat.


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