Der Spiegel richtet seine Berichterstattung stärker auf Lösungen aus Am Donnerstag hat das Nachrichtenmagazin dafür eine eigene Marke eingeführt. Alle Ressorts sollen künftig auch zeigen, was gelingt. Die Redaktion diskutiert nach eigenen Angaben seit längerem eine Frage: Trägt der Journalismus mit seinem Fokus auf Missstände zur schlechten Stimmung im Land bei? Entwickelt hat das Projekt die Spiegel-Redaktorin Susanne Beyer. Während eines Forschungsaufenthalts befasste sie sich mit journalistischen Antworten auf die politische und gesellschaftliche Polarisierung.
Beyer begründet den Schritt in einem Essay. Die Stimmung in Deutschland sei gedrückt, und der Journalismus habe daran Anteil. «Ein Journalismus, der sich in bewährter Tradition auf Missstände fokussiert, kann die negative Stimmung verstärken, auch wenn er das nicht beabsichtigt», schreibt sie. Journalisten gäben zudem manchmal absichtlich einer «Sensations- und Angstlust» nach, weil sie damit mehr Aufmerksamkeit erzielten. So entstehe in der Öffentlichkeit ein zu düsteres Bild. Belege dafür führt Beyer nicht an. Augsteins Leitspruch «Sagen, was ist» heisse deshalb auch: sagen, was gut ist. Wer nur das Scheitern zeige, zeichne ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit.
Zuerst erschienen ist ein neues Gesprächsformat: die «Spiegel»-Mediation, eine Variante des Streitgesprächs in drei Teilen – Streit, Annäherung, Lösungen. Vorbild ist die aussergerichtliche Mediation, wie sie Juristen anwenden; Beyer hat eine Ausbildung zur Mediatorin absolviert.
In der ersten Ausgabe trifft die Klimaaktivistin Luisa Neubauer auf den CDU-Politiker Sepp Müller, Vizevorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Sie streiten über das deutsche Heizungsgesetz, über Verbote und Wirtschaftspolitik. Im dritten Teil bringt Müller einen Begriff ins Spiel: «Eine sozial-ökologische Marktwirtschaft könnte ein gemeinsames Zielbild sein.» Neubauers Antwort: «Gar nicht so schlecht.»
Dass sich der Spiegel damit vom kritischen Journalismus verabschiede, will das Magazin von vornherein ausgeschlossen wissen. «Der friedliche Streit ist eine der Grundlagen der Demokratie. Der beste Streit ist der, der am Ende zu einer Lösung führt», wird Chefredaktor Dirk Kurbjuweit in der Mitteilung des Verlags zitiert. «Darum wollen wir uns künftig mehr kümmern, selbstverständlich ohne den Blick auf Missstände einzuschränken.» Beyer schreibt, das Projekt solle nicht die amtierende Regierung durch einen freundlicheren Ansatz schützen. Und: «Als Therapeuten einer mit sich selbst unglücklichen Gesellschaft verstehen wir uns aber nicht.»
Neu ist die Idee nicht. Der Begriff des konstruktiven Journalismus ist seit den 2010er-Jahren in Gebrauch, geprägt haben ihn skandinavische Journalisten wie Cathrine Gyldensted und Ulrik Haagerup. Auch der Spiegel hat das Konzept schon erprobt: 2015 startete Spiegel Online unter dem damaligen Chefredaktor Florian Harms eine Reihe konstruktiver Artikel. Neu ist, dass der Spiegel solche Beiträge unter einer eigenen Marke bündelt.
Hier setzt die Kritik an. Stefan Niggemeier schreibt in der Süddeutschen Zeitung, der Spiegel vermeide das Wort «konstruktiv», obwohl es «konstruktiven Journalismus» seit Jahren gebe. Beiträge, die von Konflikten ausgehen und zugleich Lösungen aufzeigen, habe selbst der Spiegel schon häufiger gemacht. Ähnlich argumentiert Matthias Alexander in der FAZ: Generationen von Journalisten hätten lösungsorientiert gearbeitet, indem sie sachlich berichteten, unterschiedliche Positionen wiedergaben und ihre Meinung klar und sachkundig formulierten.
Auch das erste Gespräch unter dem Label «Spiegel Solutions» überzeugt die Kritiker nicht. Am Ende sei nicht klar, wofür Neubauer und Müller überhaupt eine Lösung suchten – für konsensfähige Schritte gegen den Klimawandel jedenfalls nicht, schreibt Niggemeier. Gefunden hätten die beiden vor allem freundliche Adjektive füreinander. Alexander hält fest, bei näherem Hinsehen finde in der Sache keine Annäherung statt, dafür im Ton. «Was unter wohlerzogenen Menschen dann doch keine ganz grosse Überraschung ist», der stellvertretende Feuilleton-Chef der FAZ.
Für Alexander entscheidet sich der Wert des Projekts daran, ob der neue Ansatz die alltägliche Arbeit der Redaktion verändert oder Beiwerk bleibt. Wie viel Raum «Spiegel Solutions» einnehmen soll, lässt das Magazin offen. Angekündigt ist neben der Mediation eine Reportagereihe mit dem Titel «Wo es besser läuft».
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10.08.2026 07:11 Uhr

