Sechs von zehn Medienschaffenden in der Schweiz wurden 2024 während ihrer journalistischen Arbeit mit hasserfüllten Äusserungen oder Beleidigungen konfrontiert. Dies zeigt die erste umfassende Studie zur Sicherheitssituation von Schweizer Journalistinnen und Journalisten, die das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) bei der ZHAW in Auftrag gegeben hat.
ZHAW-Professor Vinzenz Wyss präsentierte die Ergebnisse des «Gefährdungsmonitor Journalismus Schweiz» am Donnerstag am JournalismusTag in Winterthur. Die repräsentative Befragung von 1751 Medienschaffenden aus allen Sprachregionen macht deutlich, dass Hassrede sowie die Androhung rechtlicher Schritte zu den häufigsten Formen der Bedrohung gehören.
Digitale Kanäle als Hauptbedrohung
Am meisten werden Medienschaffende auf öffentlich zugänglichen digitalen Kanälen wie Social Media und Kommentarspalten bedroht. 69 Prozent der Betroffenen gaben an, über diese Kanäle mit Hassrede konfrontiert worden zu sein. Bei der Androhung rechtlicher Schritte liegt dieser Wert bei 82 Prozent.
Vier von zehn Medienschaffenden haben die Androhung rechtlicher Schritte erlebt, während ein Viertel mit der Einleitung rechtlicher Schritte konfrontiert war. Studienleiter Wyss verweist auf eine frühere ZHAW-Studie zu missbräuchlichen Klagen, die zeigte, dass nur wenige Redaktionen tatsächlich Erfahrungen mit sogenannten Slapp-Klagen haben (persoenlich.com berichtete). «Weit mehr als die Hälfte der befragten Medienschaffenden sehen nun jedoch erlebte Klagedrohungen als Slapps. Das kann aber kaum zutreffen. In dieser Unsicherheit können nur unterstützende Rechtsdienste und rechtliches Wissen helfen, sich nicht unnötig einschüchtern zu lassen», so Wyss gegenüber persoenlich.com.
Sexuelle Belästigung betrifft jede neunte Person
Eine von neun Personen hat sexuelle Belästigung erfahren, wobei 81 Prozent verbaler und 19 Prozent physischer Natur waren. Anders als andere Bedrohungsformen ereignet sich sexuelle Belästigung am häufigsten am Arbeitsplatz (45 Prozent) oder im öffentlichen Raum bei Veranstaltungen und Demonstrationen (31 Prozent). Besonders betroffen sind Frauen, jüngere Medienschaffende sowie jene, die sich mit politischen Themen beschäftigen.
17 Prozent der Medienschaffenden erlebten während ihrer journalistischen Arbeit digitale Bedrohungen wie Hackerangriffe, Phishing oder gefälschte E-Mails, wie aus der Studie weiter hervorgeht.
Investigative und interventionistische Arbeit besonders gefährdet
Besonders betroffen sind jene, die investigativ arbeiten oder eine interventionistische journalistische Rolle einnehmen, also beispielsweise Mächtige kontrollieren, Missstände beleuchten und Desinformation entgegenwirken wollen.
«Die investigative Recherche ist die Königsdisziplin des Journalismus. Darin liegt etwa im Vergleich zur Verlautbarung oder zum Nutzen von KI auch der journalistische Mehrwert. Wenn nun gerade diese für das Funktionieren der Demokratie unverzichtbare journalistische Leistung speziell unter Druck gerät, müssen wir besorgt sein», so Wyss.
Besonders gefährdet sind zudem Medienschaffende, die spezifische Methoden anwenden wie Recherchen auf der Basis des Öffentlichkeitsprinzips, Cross-Border-Recherchen in Recherchenetzwerken, verdeckte Recherche oder aufwendige Faktenchecks.
Auswirkungen auf Gesundheit und Selbstzensur
Neben der beruflichen Situation leidet auch die Gesundheit: Betroffene berichten von erhöhtem Burnout-Risiko, psychischer Belastung und Schwierigkeiten, nach der Arbeit abzuschalten. Das psychische Wohlbefinden der Schweizer Medienschaffenden liegt leicht unter dem Durchschnitt der erwerbstätigen Bevölkerung.
Ein Viertel der Betroffenen berichtet nicht mehr über die Quelle der Bedrohung. «Den Effekt der Selbstzensur sehen wir vor allem bei sexueller Belästigung, Hassrede sowie bei Klagedrohungen. Wenn investigativ Recherchierende auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen sollen und diese eingeschüchtert werden, so gibt das ebenfalls Grund zur Sorge», erklärt Wyss.
Medienhäuser und Verbände in der Pflicht
«Mich hat erstaunt, wie wenig Medienschaffende innerhalb der Medienhäuser auf institutionalisierte Unterstützungsprogramme zurückgreifen können. Betroffene reagieren häufig individuell, ignorieren den Vorfall, machen Witze oder reagieren mit Rückzug», sagt Wyss.
Der ZHAW-Professor empfiehlt Medienhäusern, institutionalisierte Unterstützungs- und Schutzprogramme aufzubauen, um besonders vulnerable Gruppen gezielt zu stärken. «Ich erwarte, dass auch Berufs- und Verlegerverbände niederschwellige Beratungsangebote zur Verfügung stellen. Auch in der journalistischen Aus- und Weiterbildung sollte der Umgang mit Bewältigungsstrategien trainiert werden. Neue regulatorische oder medienrechtliche Massnahmen halte ich hingegen nicht für notwendig», so Wyss.
Zweistufiges Forschungsdesign liefert präzise Daten
Die Studie «Gefährdungsmonitor Journalismus Schweiz» wurde im Auftrag des Bakom durchgeführt und ist Teil des Nationalen Aktionsplans zur Sicherheit von Medienschaffenden. Das Forschungsteam unter der Leitung von Vinzenz Wyss setzte auf ein zweistufiges Verfahren.
In der ersten Phase befragten die Forschenden die Medienschaffenden aus allen Sprachregionen der Schweiz repräsentativ online. Die Baseline-Studie erfasste, mit welchen Bedrohungen sie 2024 konfrontiert waren, auf welchen Kanälen und welche Gruppen besonders betroffen sind.
In der zweiten Phase vertieften sie die Analyse mit einer Experience-Sampling-Studie, bei der 300 Medienschaffende sieben Tage lang abends einen Online-Fragebogen ausfüllten. «Der Mehrwert liegt darin, dass wir den Umgang mit Bedrohungen quasi in Echtzeit messen und Erinnerungsverzerrungen ausschliessen können», erklärt Wyss. So lassen sich direkte Auswirkungen auf das Wohlbefinden und Bewältigungsstrategien erfassen.
International belegt die Schweiz im «Worlds of Journalism Study Global Index on Journalists' Safety» den sechsten Rang von 74 Ländern. «Überrascht hat mich, wie klar sich negative Auswirkungen von Belästigungen auf das Wohlbefinden nachweisen lassen und wie alleine viele Medienschaffende damit in ihren Medienhäusern gelassen werden», so Wyss.


