Hier verschmilzt die alte Printwelt mit der neuen Online-Logik: Am klassischen Halter aus Holz hängt keine Zeitung, auch wenn das auf den ersten Blick so aussehen mag. Das grosse Papier dient einzig dazu, dass man mit der Handykamera einen QR-Code abfotografieren kann. Wer das tut, kann auf seinem Mobilgerät eine digitale Zeitung lesen. Den Code kann man auch von einem Tischaufsteller oder einem Wandplakat ablichten.
«Hoffnungsvoller Start» mit rund 20 Kunden
Von Belp bis Bümpliz, von Muri bis Moosseedorf – in rund 20 Gastrobetrieben in der Region Bern erhalten Gäste auf diese Weise gratis Zugang zum ansonsten kostenpflichtigen Online-Magazin Hauptstadt. Co-Geschäftsführer Joël Widmer spricht von einem «hoffnungsvollen Start» für dieses neue Angebot, das es seit einem halben Jahr gibt. Erst kürzlich kamen acht Migros-Restaurants dazu, die ihren Gästen die Hauptstadt zur Lektüre anbieten. Das bringt dem jungen Medienunternehmen einen zusätzlichen Aboertrag von rund 6000 Franken ein, gleich viel wie 50 Abos von Einzelpersonen. Ein Gäste-Abo für ein Lokal mit 51 bis 100 Plätzen verkauft die Hauptstadt für 790 Franken, kleinere Gaststätten zahlen weniger. Zum Vergleich: Ein einfaches Jahresabo kostet 120 Franken.
Zur Nutzung kann Widmer noch keine genauen Angaben machen. Einzig den Top-Wert kennt und nennt er. Im Ausflugsrestaurant auf dem Berner Hausberg Gurten zählte die Hauptstadt während einer Woche 75 Zugriffe von 21 Nutzern. «Die Zugriffe hängen natürlich auch davon ab, ob die Restaurants unsere QR-Codes gut sichtbar aufstellen», sagt Widmer im Gespräch mit persoenlich.com. So sei es auch schon vorgekommen, dass die Tischaufsteller irgendwo in einer Ecke landeten.
«Wir wollen vermehrt Unternehmen ansprechen»
Die Gäste-Abos sind eine neue Variante der Firmen-Abos, wie sie das Lokalmedium seit seinem Start im März 2022 anbietet. «Wir wollen vermehrt Unternehmen ansprechen und sind daran, entsprechende Angebote zu entwickeln», erklärt Co-Geschäftsführer Widmer. Bei diesem Kundensegment hofft die Hauptstadt auf gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein als Motiv für den Aboabschluss – Stichwort: Corporate Social Responsibility.
Bei den Restaurants als Kundschaft gibt es für die Hauptstadt im besten Fall den Fünfer und das Weggli: Während das Gäste-Abo preislich schon mal gut einschenkt, dient es gleichzeitig als Werbung für weitere Abos. «Wir wollen natürlich die Leute zum Lesen bewegen. Und wenn sie von unserem Journalismus begeistert sind, sollen sie ein persönliches Abo abschliessen», sagt Joël Widmer.
Während das von der Hauptstadt gewählte Vorgehen mit QR-Code und eigenem Gerät heute als naheliegend gilt, experimentierten Verlage auch mit Tablets. Ab 2015 testete Tamedia in der Westschweiz digitale Ersatzlösungen für die gedruckte Zeitung. Das geschah damals mit Blick auf die bevorstehende Einstellung der gedruckten Ausgabe von Le Matin. Diese Tageszeitung wurde besonders in Bars und Bistrots gerne gelesen. In den ersten beiden Testphasen verteilte Tamedia Tablets mit der vorinstallierten Online-Ausgabe von Le Matin. Während einzelne Wirte eine äusserst geringe Akzeptanz bei ihrer Kundschaft beobachteten, nannten die Verantwortlichen von Tamedia eine Unzufriedenheitsquote von 50 Prozent. In einer dritten Testphase verzichtete Tamedia auf die Tablets und schwenkte auch auf eine Lösung mit persönlichen Geräten.
«Zählen viele Betriebe zu unseren langjährigen Partnern»
Inzwischen bietet Tamedia für Gastro- und Geschäftskunden auch einen Gäste-Zugang mittels QR-Code an. Abgerechnet wird über die Anzahl sogenannter Vouchers. Unternehmen können ihrer Kundschaft visitenkartengrosse Zugangsgutscheine mit aufgedrucktem QR-Code abgeben und so den temporären Zugang zu Tamedia-Titeln ermöglichen. Welche und wie viele Restaurants in der Schweiz das Angebot nutzen, ist – anders als bei der Hauptstadt – nicht öffentlich dokumentiert. Die Medienstelle von Tamedia verrät nur so viel: «In der Gastro-Branche zählen viele Betriebe zu unseren langjährigen Partnern.» Doch die Gäste-Abos würden erst von einer Minderheit genutzt, «da gedruckte Ausgaben nach wie vor stark gefragt sind», heisst es weiter.
Neben dem Zugang über Vouchers kooperiert Tamedia mit Sharemagazines und bietet den Tamedia Media Hub an. Die über eine App zugängliche Plattform vereint 800 deutschsprachige Titel. Aus der Schweiz sind Zeitungen von Tamedia und NZZ darauf vertreten. Hotels, Restaurants, Arztpraxen und andere Betriebe mit Besucherverkehr können Sharemagazines abonnieren und ihrer Kundschaft kostenlosen Zugang dazu gewähren.
«Bisher bestand dafür jedoch wenig Nachfrage»
Anders als Tamedia bietet der NZZ-Verlag keine temporären Zugänge zum Online-Angebot. «Technisch wäre eine solche Lösung grundsätzlich möglich, bisher bestand dafür jedoch wenig Nachfrage», teilt die NZZ-Unternehmenskommunikation auf Anfrage mit.
Mit zu geringer Nachfrage begründet auch CH Media das Fehlen eines Digital-Angebots für temporäre Gäste-Zugänge. «Sollte sich künftig ein klares Kundenbedürfnis zeigen, würde eine Einführung geprüft», teilt das Aargauer Medienunternehmen mit. Ringier wiederum bietet zwar digitale Firmenabos an, aber keine speziellen Gäste-Abos. Dafür findet man den gedruckten Blick weiterhin in vielen Beizen.

