20.02.2008

"Unser Projekt hat durchaus etwas von einem Befreiungsschlag"

Ende Mai wird mit "reformiert." ein publizistisches Schwergewicht aus der Taufe gehoben: Die neue, spirituell orientierte Zeitung, der Redaktionen aus den Regionen Bern, Aargau, Zürich und Graubünden angeschlossen sind, wird monatlich in einer Auflage von 710'000 Exemplaren erscheinen. Im Interview mit "persoenlich.com" erklärt Martin Lehmann, Redaktor des "saemann" und einer der künftigen Macher von "reformiert.", weshalb das Blatt mehr sein will als nur ein verlängerter Arm der Kirche.
"Unser Projekt hat durchaus etwas von einem Befreiungsschlag"

Mit "reformiert." erhält die evangelische Kirche eine einheitliche Stimme…

(unterbricht) Einspruch! "reformiert." ist kein Sprachrohr der reformierten Kirche. Wir betreiben keine Hofberichterstattung und stehen auch nicht einfach zur Verfügung, wenn eine Kirchenleitung an ihre Mitglieder gelangen möchte. Wir werden zwar regelmässig auch über kirchenpolitische Themen schreiben -- aber mit der journalistisch gebotenen, kritischen Distanz.

Ist es nicht naiv zu glauben, dass ein von der Kirche finanziertes Blatt ohne publizistische Einmischung der Kirchenregierung funktioniert?

Rückfrage: Was ist Kirche? Bloss die Kirchenregierung? Für mich ist klar: Kirche ist, wer Kirchensteuern bezahlt. Das sind Engagierte und Passive, Fromme und Freigeister, Kirchennahe und Kirchenferne -- unterschiedlichste Menschen also, die aber alle aus irgendeinem Grund noch in der Kirche sind und deshalb unsere Zeitung erhalten. Für viele ist sie der letzte Draht zur Institution Kirche überhaupt. Und eine Institution, die ernst genommen werden will, verdient es auch, dass man ihr kritisch auf die Finger schaut.

Sie werden aber doch eine gewisse Solidarität gegenüber der Kirche aufbringen?

Stimmt, uns ist die Kirche nicht egal. Wir anerkennen, dass sie in der Gesellschaft eine wichtige Rolle einnimmt. Es gibt in der Schweiz schliesslich weiterhin 2.6 Millionen Reformierte. Und die sind aus irgendwelchen Gründen nicht aus der Kirche ausgetreten. Ich würde daher von einer kritischen Solidarität mit der Kirche sprechen.

Es gab im Vorfeld Konflikte. Die Geschäftsleitung des "Interkantonalen Kirchenboten" ist aus dem Kooperationsprojekt "reformiert." ausgestiegen, man schob Kostengründe vor.

Das ist richtig. Wir bedauern es ausserordentlich, dass mit dem "Interkantonalen Kirchenboten", der acht Kantone in der Nordwest- und Innerschweiz bedient, ein ursprünglich am Projekt beteiligter Partner nun bei der Umsetzung nicht dabei ist. Seine Teilnahme hätte unserem Projekt den Anspruch geben können, tatsächlich "die reformierte Zeitung für die Deutschschweiz" zu sein. Ausgestiegen ist der interkantonale Kirchenbote offiziell aus finanziellen Gründen. Inoffiziell dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass die Kirchenleitungen um ihren Einfluss auf die Redaktion fürchteten. Ich setze grosse Fragezeichen hinter ein solches publizistisches Verständnis.

Bleibt es Ihr Ziel, dass "reformiert." in Zukunft die ganze Deutschschweiz abdecken kann?

Die reformierten Mitgliederzeitungen, die bei "reformiert." momentan nicht mitmachen, werden sehr genau verfolgen, was die neue Zeitung, die erstmals am 30. Mai erscheinen wird, zu bieten hat. Ich bin hoffnungsvoll, dass Kantone wie St.Gallen, Thurgau, vielleicht auch der eben erwähnte "Interkantonale Kirchenbote" auf uns zu kommen, wenn sie unser Produkt gesehen haben.

"reformiert." kommt modern daher und erinnert in der Aufmachung an eine Gratiszeitung. Wollen Sie mit Ihrem Blatt Fastfood für Protestanten anbieten?

Tatsächlich bereitet der Wechsel zum neuen Layout den treuen Leserinnen und Lesern Sorgen. Aber wir müssen uns an veränderte Lesegewohnheiten anpassen: Dazu gehört, dass die Zeitung vierfarbig ist und auch kürzere Texte beinhaltet. Ungeachtet dessen, werden wir uns aber auch den modernen Anachronismus erlauben, uns viel Platz und viel Zeit zu nehmen, ein Thema à fonds und auf mehreren Seiten anzugehen. Das hat gerade im "saemann" schon eine lange Tradition.

Es gibt also keinen Bruch?

Oh doch, gegenüber der jetzigen Situation bei den vier an "reformiert." beteiligten Zeitungen (Aargauer, Bündner und Zürcher "Kirchenbote" und der Berner "saemann") gibt es gewaltige Veränderungen. Die eine Hälfte der zwölf "reformiert."-Seiten wird zwar weiterhin lokal gestaltet, die andere Hälfte aber inskünftig gemeinsam. Drei von vier Zeitungen wechseln das Format, zwei von vier die Farbigkeit -- das Projekt hat durchaus auch etwas von einem Befreiungsschlag. Denn heute sind wir zum Teil auch festgefahren mit unseren lokalen Konzepten.

Wie stark hat man sich beim Zeitungskonzept von "reformiert." an Modellen herkömmlicher Tageszeitungen orientiert -- etwa an der Regionalisierungsstrategie des "Tages-Anzeigers"?

Das Projekt ist auf Initiative der Redaktionen entstanden -- was weitherum einzigartig sein dürfte. Es ist deshalb nicht zu vergleichen mit einem neueren Projekt eines potenten professionellen Verlagshauses. Abgesehen davon: Als wir vor dreieinhalb Jahren zum ersten Mal über das Projekt "reformiert" nachgedacht haben, wusste der "Tages-Anzeiger" noch nicht einmal, dass er Regionalsplits herausgeben wird.

Weshalb entschied man sich gegen die Schaffung einer Zentralredaktion? Damit wird doch verhindert, dass das Blatt ein eigenes Gesicht erhält?

Das gewählte Modell trägt einfach den Gegebenheiten Rechnung. Das heisst zum Beispiel, dass der Bündner "Kirchenbote"-Redaktor auch für die Bündner Ausgabe von "reformiert." weiterhin verantwortlich ist: Letzten Endes gibt er das "Gut zum Druck" für seine Ausgabe, auch wenn er vielleicht bei der Gestaltung der sechs gemeinsamen Seiten nur wenig mitgewirkt hat. Ein Modell mit einer Chefredaktion hätte sich nicht durchsetzen lassen. Wir mussten sehr sorgfältig vorgehen. Uns kommt aber zu Gute, dass diese Zeitung von unten nach oben gewachsen ist. Es ging bei "reformiert." nie darum, zu sparen, sondern ein journalistisches Produkt zu optimieren. Ob unser Modell aber funktioniert, kann ich noch nicht sagen.

Mit einer Auflage von 710'000 wird reformiert auch im Anzeigenmarkt ein grosser Player sein. Wie stark will man diese attraktive Stellung im Anzeigenmarkt kommerziell ausnützen?

Zu einer guten Zeitung gehören Inserate. Zugleich aber können wir wählerisch sein und sagen: Wir beschränken unseren Platz für Inserate, und wir haben einen Kriterienkatalog. Wir nehmen deshalb nicht jeden Inserenten, der bei uns stattfinden will. Ein UBS-Inserat werden Sie bei uns vermutlich nicht finden. Und Werbung für eine Sekte auch nicht.

Das Kommerzielle bleibt also zweitrangig?

Wir rechnen mit ansehnlichen Inserateneinkünften. Aber wie gesagt: Wir geben nicht alles frei. Auch der potenteste Inserent wird bei uns auf der Front nie werben können.

(Interview: David Vonplon)

Auszüge aus der Nullnummer von "reformiert.":


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